Jean-Claude Juncker lobt und kritisiert die Presse insgesamt und das Land im Besonderen

Zuckerbrot und Peitsche

d'Lëtzebuerger Land vom 20.12.2013

„Ich lese und höre alles, was ihr schreibt und sagt“ – eine ambivalente Aussage, die Jean-Claude Juncker (CSV) in seiner Zeit als Regierungschef beim freitagnachmittäglichen Pressebriefing gerne mal einfließen ließ. Das Pressebriefing unter der Gewölbedecke im hinteren Teil des Staatsministerium, in diesem Raum, der für die stetig wachsende Zahl an Journalisten, die gebrieft werden wollten, zu klein geworden war, so dass sie statt am Tisch, auf der Polstergarnitur in der zweiten oder dritten Reihe sitzen oder gleich stehen und so die bis zu zweistündige Prozedur absolvieren mussten. Wobei nach spätestens 30 Sekunden der Sauerstoff im Raum aufgebraucht war und immer dann, wenn der leise nuschelnde Staatsminister etwas wichtiges sagte, die Glocken der Kathedrale O Mamm léif Mamm spielten, so dass auch wirklich nichts zu hören war. Dass Juncker alles sah und hörte, konnte, wenn richtig betont, als Annerkennung der geleisteten Arbeit gewertet werden. Aber die Drohung, dass ihm kein Fehler entgehen würde, schwang mehr oder weniger deutlich immer mit, sie war Teil der Aufführung, die Juncker wöchentlich bot, bis er sie vergangenes Jahr im Herbst auf einmal einstellte.

Ein genauer Pressebeobachter ist der ehemalige Staatsminister immer noch. „Ich habe jeden Arbeitstag bis zum heutigen mit der Lektüre der Zeitung angefangen“, sagt Juncker in seinem neuen Büro in der CSV-Fraktion. Wobei er sich angewöhnt habe, „Substanzartikel“, die sich zur schnellen morgendlichen Lektüre nicht eignen, sowie die Feuilletons und Literaturbeilagen der großen internationalen Zeitungen bis zum Wochenende zur Seite zu legen. Er stellt dabei im Wesentlichen zwei Tendenzen fest. Erstens: Qualität gibt es immer noch. Zweitens: Daneben liegt ein weites Feld. Wenn Juncker das sagt, klingt das so: „Im Gegensatz zu dem Eindruck, den man haben könnte, ist der Anteil der Substanzbeiträge sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene auf hohem Niveau geblieben.“ Doch davon abgesehen, „ist natürlich eine Tendenz deutlich erkennbar – mehr in Luxemburg als in der überregionalen, großen ausländischen Presse –, von einem sich in den Irrgängen der Armseligkeit verlaufenden System“.

„Ich stelle eine Hinwendung zur oberflächlichen Betrachtung fest, ein Springen auf die erste ungeprüfte Nachricht und einen nicht immer verantwortlichen Umgang mit Gerüchten, Andeutungen und halben Wahrheiten“, so Juncker. Eine Entwicklung, die er auf den Aufstieg der „elektronischen“ Medien zurückführt – wozu der Zeitungsmensch Juncker neben dem Medium Internet und den Sozialnetzwerken auch Funk und Fernsehen zählt –, und die Folgen dieser Entwicklung auf die Arbeitsmethoden in den Zeitungsredaktionen. „Man müsste zu allererst einen Unterschied zwischen Journalisten und Reportern machen. Jeder, der im Ausland bestenfalls Reporter wäre, darf sich hier ungestraft Journalist nennen. Dabei hat ein Journalist eine Arbeitsmethode, die in Luxemburg in enorm vielen Fällen nicht mehr respektiert wird, die aber darin besteht, die halben und ganzen Informationen ‚against reality’ zu checken.“ Dabei komme es immer öfter vor, dass geschrieben werde, ohne dass der Betroffene um seine Meinung oder seinen Standpunkt gebeten werde. Seiner Ansicht nach ist es „eine ernste gesellschaftspolitische Herausforderung, dass, was anonym oder nicht-anonym auf Sozialnetzwerken geschrieben wird, behandelt wird wie das Ergebnis einer profunden journalistischen Recherche“. „Peri- und Mikro-Ereignisse“ erhielten so eine aufgebauschte Behandlung, als ob fundamentale Aussagen gemacht worden seien. Er würde sich wünschen, dass ein Medienhistoriker, jemand der etwas davon kennt, die Wirkung des Aufkommens eines täglichen TV-Programms auf die Arbeitsmethode in den Redaktionen der Printmedien untersuche. „Inwiefern haben sich die Printmedien durch andere Medien, die weniger gründlich arbeiten, die auf die Unmittelbarkeit eines Vorgangs fixiert sind, verändert?“, fragt Juncker, „Welchen Impakt haben Sozialnetzwerke auch in Bezug auf die Konkurrenz der Medien untereinander?“ Das „Wetteifern um die erste Nachricht“ sei bei „einzelnen Affären, die in den vergangenen Monaten zur Animation beigetragen haben, unverkennbar“ gewesen.

Dass er sein Pressebriefing eingestellt hat, die deutlichste Äußerung dafür, dass sich sein Verhältnis zu den Medien gewandelt hat, führt Juncker nicht auf besagte Affären, sondern auf eine ganze Reihe von Ursachen zurück. Ein solches Briefing hätten schon seine Amtsvorgänger, Jacques Santer, Gaston Thorn und im hohen Alter auch Pierre Werner gemacht. Doch als die DP 2004 bei den Wahlen fünf Sitze einbüßte, habe man dafür auch ihn und seinen Umgang mit der Presse verantwortlich gemacht – durch das Briefing habe er die Regierungsarbeit personalisiert, so der Vorwurf. Deshalb habe er in den vergangenen zehn Jahren angefangen, die Regierungskollegen aufzufordern, große Gesetzentwürfe auf eigenen Pressekonferenzen vorzustellen. Eine „One-man-show“ sei die Regierungsarbeit deswegen schon lange nicht mehr gewesen. Und obwohl er immer darauf geachtet habe, dass diese Tätigkeit ihn nicht davon abhalten würde, sich um die Probleme zu Hause zu kümmern – „ich habe mich darum gekümmert“ –, so „war Freitagnachmittag immer ein spezieller Moment für den Präsidenten der Eurogruppe, den er immer ganz genau im Blick haben musste von frühmorgens an, um zu jedem Moment alles ganz genau im Kopf und im Griff zu haben, um im gegebenen Moment, nicht öffentlich, aber im System, so zu reagieren, damit kurz vor Börsenschluss nicht unbehandelt bleiben würde, was sich auf den Finanzmärkten hätte anbahnen können“. Für Jean-Claude Juncker gab es einen weiteren Aspekt: Das Verhalten der Journalisten selbst. „Wenn systematisch keine Fragen gestellt werden“, so Juncker, der oft zwei Dutzend schweigenden Journalisten gegenüber saß, „dann vergeht einem irgendwann die Lust, dieser Übung regelmäßig nachzugehen.“ Denn andererseits ist er dagegen, dass „Minister pausenlos von Journalisten auf dem Handy angerufen werden“. Das ist ihm, „der jeden duzt, der mich duzt“, zuviel der Nähe. Dennoch unterstreicht er seine Hochachtung vor der Luxemburger Tagespresse. Nirgendwo im Ausland würden Zeitungen mit vergleichbarer Auflage eine derart komplette Berichterstattung bieten, sei es in Bezug auf die internationale Politik, die lokale oder die kulturelle Aktualität. Wie immer hält Jean-Claude Juncker in der einen Hand das Zuckerbrot und in der anderen die Peitsche.

Parallel zur Einstellung der Freitagsbriefings habe er aufgehört, in deutschen Talkshows aufzutreten, „die von einer nicht mehr nach unten zu durchstoßenden Armseligkeit sind“. Deutschen TV-Studios blieb er aber vor allem deswegen fern, weil er es „für die Sache gefährlich fand“. „Mir ist immer aufgefallen, dass wenn ich etwas zu einem komplizierten Sachverhalt gesagt habe, ein kleiner Teilsatz herausgenommen wurde, der dann völlig aus dem Kontext gerissen über die Agenturen um die Welt ging. In Sekundenschnelle, noch bevor die Sendung vorbei war, sind diese ‚Sprüche’ dann in Hongkong und Tokio aufgetaucht, ohne dass man es wusste.“ Dass sich wegen seiner Tätigkeit als Präsident der Eurogruppe die internationalen Agenturen auch in Luxemburg und in seinem Briefing niederließen, habe er dennoch in dem Maße begrüßt, als die Datumszeile der Finanz- und Wirtschaftsmeldungen mit „Luxemburg“ begannen. „Das gab es vorher nicht und wird es auch in Zukunft nicht mehr geben“, so der ehemalige Monsieur Euro.

Das Lëtzebuerger Land war an der Aufdeckung der Geheimdienstaffäre nicht zuletzt durch die Veröffentlichung des „Uhrengesprächs“ zwischen Marco Mille und dem damaligen Staatsminister maßgeblich beteiligt. „Ah, war das im Land“, fragt er seinen Mitarbeiter Ady Richard gekonnt beiläufig, „nun ist die Quelle im Paperjam“, so sein Verweis auf die frühere Land-Redakteurin Véronique Poujol. In seinem Büro in der CSV-Fraktion stapeln sich noch die Umzugskartons. Zwei davon, sagt Juncker, sind randvoll mit „allen“ Artikeln zur Geheimdienstaffäre. Wenn er Zeit hätte und wollte, könnte er „alle Falschmeldungen bündeln, die Unterstellungen sammeln und die Manipulationen entlarven“, denn auch Land-Journalisten haben sich manipulieren lassen“. Machen werde er das wohl dennoch nicht, weil er zu wütend werde. Der Quellenschutz sei ein „gutes Prinzip“, aber man müsse sich fragen, mit welcher Absicht sie „zu einem bestimmten Moment Wert darauf legen, dass etwas veröffentlicht wird“. Und: „Wenn sich etwas als eindeutig nicht richtig herausstellt, man darauf nicht nur reagiert, wenn derjenige, den die Falschmeldung betrifft reagiert“; das „wäre auch ein gutes Prinzip“, soweit seine Kritik in Bezug auf das vergangene Jahr.

Den Stellenwert der Zeitung, die er seit 1970 liest, nur an den vergangenen Monaten zu messen, fände er allerdings „nicht korrekt“. Denn ein 60. Jubiläum zu feiern, das sei für eine Luxemburger Wochenzeitung schon eine „substanzielle Leistung“. Als er vor 40 Jahren anfing, das Land zu lesen, haben ihn unter anderem die Literaturrezensionen von Michel Raus besonders interessiert. „Der war extrem gut“, so Juncker. Die Zeitung, die ihn „so lange begleitet hat, und als ich jünger war, auch Einfluss genommen hat auf die Art und Weise zu denken, die im Entstehen war, würde ich vermissen, wenn es sie nicht mehr geben würde“. Auch weil „es eine Zeitung ist, die gutes Deutsch schreibt, denn der Umgang mit der deutschen Sprache ist, um es freundlich auszudrücken, extrem approximativ“. Dass er Wert auf das gepflegte Deutsch legt, hatte er schon vor zehn Jahren zum 50. Land-Jubiläum verraten und die Zeitung schon damals als „neutrale Anti-CSV-Zeitung“ bezeichnet“. An direkte Land-Interviews kann sich Jean-Claude Juncker nicht erinnern. Jean-Lou Siweck, sein späterer Mitarbeiter und neuer Wort-Chefredakteur, führte 2003 mit ihm ein Gespräch über die europäische Verfassung.

Jean-Claude Juncker, der Zweitklässler, wurde von seinem Vater gezwungen, täglich das Luxemburger Wort zu lesen, erzählt er, der behauptet: „Mein Lebensentwurf war es, in der Presse aktiv zu sein.“ Versucht hat er es. Von 2006 bis 2010 war er Mitherausgeber des Rheinischen Merkur. 2010 wurde daraus eine Beilage der Wochenzeitung Die Zeit. Gefallen hat ihm die Herausgebertätigkeit, weil „er dadurch direkten Kontakt zu einem Milleu hatte, dem ich gern angehört hätte“, er gerne schreibe und es ihm Gelegenheit gegeben habe, „das Prinzip anzuwenden, nach dem sich die Herausgeber nicht in die Redaktionsarbeit einmischen“. Diesen Tendenzschutz habe er auch gegenüber den Eigentümern, den deutschen Bistümern, verteidigt. Bis die fanden, die Zeitung stimme nicht mehr mit „dem fundamentalen Denken der Eigentümer überein“. „Über die geballten Versuche der Einflussnahme hatte ich mir Illusionen gemacht“, so Juncker, der „selbst gerne Journalist geworden“ wäre. „Daraufhin wurde der Geldhahn zugedreht.“

Michèle Sinner
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