Die kleine Zeitzeugin

Rose Komponisten

d'Lëtzebuerger Land vom 19.05.2017

Welch eine Schlagzeile bei RTL! Rose, Komponisten, warum nicht _innen, gibt bestimmt _innen? Und welche Rosen? Aah ja Luxemburgisch, rosen? Rose Komponisten? Gar nicht kryptisch, imponierend eindeutig. Wenn man bedenkt, wie langweilig differenziert man sich im Deutschen wahrscheinlich ausdrücken würde, die Palette zwischen aufgebracht, wütend, zornig, erregt, rasend, wahrscheinlich würde etwas viel Nuancierteres, Abgeschwächteres dabei herauskommen, etwas Fades und beinahe Neutrales schlussendlich. Rose Komponisten. Das hat Charakter, das ist eine Aussage. Schwéiwell stünde noch zur Verfügung. Aber es blieb bei rosen.

Warum, sorge ich mich, sind die luxemburgischen Komponisten, von _innen ist mal nicht die Rede, denn so rasend? Auch Autor_innen sind extrem wütend. Warum, was ist geschehen, das Kulturschaffende so auf die Palme bringt?

Die meisten Kulturschaffenden sind ja ziemlich abgehärtet. Sie sind meist nicht auf Rosen gebettet und regen sich nicht von morgens bis abends darüber auf, dass wieder eine Straße nicht nach ihnen benannt wurde oder sie wieder nicht mit dem Preis für ihr Klebenswerk ausgezeichnet wurden. Sie freuen sich, wenn sie mal drei Leuten was vorlesen dürfen oder einen Partikel veröffentlichen, gegen ein Hohn-o-rar, das nicht den Mindeststandards entspricht, die der Luxemburger Schriftsteller_innenverband in heroischen Zeiten mal aufgestellt hat. Wenn sie Werke komponieren, die nicht so klingen wie eh und je und sowieso, wenn sie gar zeitgenössisch genannt werden und also ihre Zeitgenossen in Panik versetzen, sind ihre Erwartungen an Ruhm und Resonanz sicher gedämpft.

Es muss etwas Gravierendes geschehen sein.

Was? OMG, puh, uff, hm, WTF? Boah. Da verstummt man und sitzt da, dumm, so ist das. So ist das also. So wird das also sein. Puh, ja dann. In der Tat. So ist das also. Und so etwas geschieht nicht nur den Profanen, den Normalen, die man früher mal Massenmenschen nannte? So etwas geschieht nicht nur Kassierern oder Automobilindustriesklaven oder Chirurginnen, sondern den Kreativen? Da kann Mensch Noten aneinander reihen, anmutiger als Schwalben auf einem Telegrafendraht, und dem Universum Töne entlocken, unerhörte, oder sich selber, und dann das! Da kann Mensch dichten, was das Zeug hält, und dann so was. An so was prallt er ab. Was soll er da sagen, klagen? Da kann er nur rasen, der schöpferische Mensch. Oder gar nichts mehr sagen, was soll man da noch sagen? Man kann sich nicht über Günstler_innen aufregen, oder eine Jury, die immer aus den gleichen Dummköpfen besteht, oder über die Blödheit der Menschheit generell oder im Besonderen. Es gibt keine Namen und niemand, den man konsequent und intensiv hassen kann. Es gibt keinen zünftigen Feind. Gegen den sich sogar hochgradige Individualist_innen mal kurz verbünden können.

Der Gegner, heißt es, ist – schluck! – intelligent. Künstlich auch noch, wie Befruchtungen oder Knie. Es handelt sich bei ihm um die künstliche Intelligenz, von der seit geraumer Zeit gemunkelt wird. Ja, na und, toll, dass es sie gibt, besser als künstliche Dummheit, denkt die natürliche Intelligenz großzügig. So lange wir humanen Aborigenees diese Alien_as dirigieren können, ist die künstliche Intelligenz ja weiter nichts als eine automatisierte natürliche Intelligenz! Nichts besonders furchterregendes, aber auch nichts besonders Respekt Erregendes, scheint ihr. Nichts Erregendes also. Keine Kunst also. Denn was ist Kunst, wenn sie nicht erregend ist?, doziert sie sich was vor. Als könnte so eine Künstliche es mit der Kunst von Nora Wagener aufnehmen, zum Beispiel.

Am Nationbrandingfeiertag soll also etwas Seelenloses, aber furchtbar Innovatives abgespult werden oder sich abspulen, das alle beeindrucken wird, die halbe Million Seelen im Land und die Restwelt sowieso. Ein Werbesound, so innovativ wie das Land, das ja das Mekka des digitalen Universums sein wird und eine Weltraumbase, und last but not least das Labor der vierten Industriellen Revolution.

Und der wievielten Dimension? Der natürlichen Intelligenzbestie schwindelt es ein bisschen, sie stößt gerade an ihre natürlichen Grenzen.

Michèle Thoma
© 2017 d’Lëtzebuerger Land