Diversifikation in Gesundheitstechnologien

Gelenkprothesen statt Stammzellen

d'Lëtzebuerger Land du 26.04.2007

Der Aktionsplan Gesundheitstechnologien? – Im Wirtschaftsministerium dämpft man allzu große Erwartungenund hält darauf, dass der Regierungsrat bei seiner letztenSitzung am Mittwoch vergangener Woche nicht etwa einen fertigenAktionsplan verabschiedet, sondern seine Fertigstellung „lanciert“ hat. „So weit, dass wir offensiv nach draußen mitteilen, in Luxemburg würden die und die Aktivitäten so und so unterstützt, sind wir noch nicht“, sagt Patrizia Luchetta, die Zuständigefür das Diversifizierungsprojekt Technologies de la santé. In den nächsten Monaten soll endgültig geklärt werden, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen und welche Spielräume es gibt: fiskalisch und patentrechtlich zum Beispiel, aber auch, was den Bedarf an Start-up-Inkubatoren angeht oder die Beschaffungvon Risikokapital. „Deshalb“, so Lucchetta, „halten wir das Themaabsichtlich ein bisschen low-key.“

Das ist einerseits verständlich – andererseits nicht ohne Risiko. Verständlich, weil die Regierung, und vor allem der Wirtschaftsminister, einen ziemlich weiten Weg hinter sich haben, um bei den „Gesundheitstechnologien“ als Konzept anzukommen.Im Januar 2006 lag Jeannot Krecké eine Stärken-Schwächen-Analyse über einen eventuellen Standort für die so genannte„rote Biotechnologie“ vor – was alle humanmedizinischen und pharmazeutischen Anwendungen der biomedizinischen Forschung umfasst. Dass sie ausgearbeitet werden sollte, steht im Koalitionsvertrag von CSV und LSAP. Nicht mehr. Stärker fürdie Biotechnologien zu interessieren begann Krecké sich erst, als er2005 in Israel eine Reihe Firmen besuchte und Ehud Olmert, der damals noch Wirtschaftsminister im Scharon-Kabinett war, ihm eine Kooperation bei der Risikokapitalbeschaffung vorschlug, falls israelische Betriebe nach Luxemburg kämen. Aber schon als im Februar letzten Jahres das CRP-Santé eine internationaleKonferenz ausrichtete, auf der man die Chancen eines Biotech-Standorts Luxemburg diskutierte und eine Zusammenfassung der Stärken-Schwächen-Analyse vorgestellt wurde (d’Land, 24.2.2006), zeigte Krecké sich reservierter. Und mochte die Studie, die PricewaterhouseCoopers mit dem CRP-Santé erstellt hatte, auchergeben haben, dass die „Jugendlichkeit“ der biomedizinischen Forschung hierzulande keine gravierende Schwäche sei, stellten sichandere: Nur im ganz weiten Sinne können an die 50 ansässige Betriebe mit „Biomedizin“ in Verbindung gebracht werden. Überwiegend sind es Händler oder Vertriebsniederlassungen– wenn auchgroßer Pharmafirmen. Und nur ganz vereinzelt findetprivate Forschung und Entwicklung statt, bislang jedenfalls.

Das letztendlich größte Problem aber stellte der finanzielle Aufwand über eine lange Zeit dar, und bereits im Spätherbst letzten Jahres war die rote Biotechnologie als Option weitgehend vom Tisch: Dass zum Beispiel in die Entwicklung eines neuen Medikaments ein paar Hundert Millionen Euro investiert werden müssen, ehe sich nach zehn, manchmal 15 Jahren herausstellt, ob der Invest sinnvoll gewesen war, hielt der Wirtschaftsminister auf Luxemburg fürschwer übertragbar. Und so ist seit Ende letzten Jahres nicht mehr von Biotechnologie, sondern von den Gesundheitstechnologien die Rede.

Welche beiden Bereiche unter diesem weiten Begriff gezielt entwickelt werden sollen, ist seit der Regierungsratssitzung der vergangenen Woche offiziell: Mit den „dispositifs médicaux“sind medizinische Geräte von Spritzen bis zumkünstlichen Hüftgelenk gemeint, aber ebenso Kits für dieDiagnose komplexer Pathologien – was auch ein molekularbiologischesAufgabenfeld berührt. Der zweite Bereich, die „services de support“, würde von der Entwicklung und Vermarktung spezifischer Software bis hin zu Beratungsangeboten, etwa in Patentfragen, reichen.

Dieser Ansatz lässt das Diversifizierungsprojekt zweifellos weniger New-Economy-abenteuerlich aussehen. Wo vor einem Jahr noch die Rede von Applikationen mit adulten Stammzellen war, setzt man nun auf bewährte Technologie, für die es auch in Luxemburg gewachsene Kompetenzen und Produkt-Knowhow gibt: Künstliche Gelenke zu entwickeln, ist ja auch ein Hightech-Prozess, derMedizin-Ingenieurwissenschaften betrifft wie Materialwissenschaftenum Stahl und Kunststoff. Und die neun Firmen mit eigener Forschungs- und Entwicklungstätigkeit, die hierzulande zur „Gesundheitsindustrie“ gezählt werden können, sind in derMedizintechnik aktiv.

Der konventionellere Ansatz könnte auch von Vorteil sein, wenn die Regierung in den nächsten Monaten den Zugang zu Risikokapital fürneue Firmen klären will, und diese Etappe ist ebenfalls ein Argumentfür „low-key“. Angestrebt wird bereits seit 2005 eine öffentlich-private Allianz, um den neuen Sektor entstehen zu lassen. Unter anderem deshalb schien am Ende die rote Biotechnologie so wenig geeignet: Nur drei von zehn Start-ups aus diesem Bereich erweisen sich überhaupt als entwicklungsfähig, und so ist Risikokapital gerade für solche Firmen besonders knapp – der erste,um die Jahrtausendwende geplatzte New-Economy-Traum hat seine Spuren hinterlassen. 2005 standen von den rund 20 Risikokapitalgebern, die es in Europa gibt, nur 300 MillionenEuro für junge Biotech-Firmen in der Frühphase bereit. Vertretendurch Niederlassungen am Bankenplatz Luxemburg sind diemeisten Venture capitalists, aber ihre Zentralen sind nicht hier. Und so schienen die Chancen, aus ohnehin stark umkämpften Kapitalmitteln einen ganzen Sektor mitfinanzieren lassen zu können, gering.

So dass womöglich gegen Ende dieses, Anfang nächsten Jahres ein Leitbild für den Gesundheitstechnologie-Standort Luxemburg feststehen könnte. Eine wichtige Frage aber hat die Regierung bei all ihren Überlegungen noch kaum laut zu stellen gewagt: Würde ein solcher Sektor in der Öffentlichkeit akzeptiert? 

Denn letzten Endes ist die Ausdeutung des Begriffs eine beschränkteund eher konventionelle, steht aber für den Versuch, zu einem Anfang zu gelangen. Nichts schließt aus, und soll es auch nicht, dass aus dem Gesundheitstechnologie-Standort einmal ein Biotechnologie-Standort werden könnte. Zwar fand aus dem CRP-Santé bisher noch kaum ein Biotechnologietransfer nach draußen statt (d’Land, 22.12.2006) und das Forschungszentrumwillsich künftig stärker der klinischen Forschung widmen. Undim Forschungsbereich Sciences de la vie der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik der Uni Luxemburg ist man dabei, sich eine Strategie zu geben, die sich auf die Arbeit am „molekularenVerständnis der hierzulande am häufigsten vorkommenden Krankheiten“ richtet. „Das ist“, sagt Professor Carsten Carlberg, „zu vielleicht 80 Prozent Grundlagenforschung, richtige Blue-Sky-Research, ohne dass ein wirtschaftliches Verwertungsanliegen damit verbunden wäre.“

Aber das heißt, dass es im Moment schwer absehbar ist, welche Forschungsresultate womöglich Anlass zur Begründungeines regelrechten neuen Sektors sein könnten. An Start-up-Firmenhervorgegangen sind aus CRP-Santé, Uni und Centre hospitalier deLuxembourg bisher eine knappe Handvoll. Aber das Wirtschaftsministerium steht unterdessen auch mit Betrieben in Kontakt, die in Luxemburg Medikamentenentwicklung betreibenwollen, und CRP-Santé und Universität arbeiten in internationalenNetzwerken, aus denen sich womöglich plötzlich eine intensivereKooperation ergeben könnte, die auch zu Betriebsgründungen führt.

Und da könnte es zum Problem werden, dass die öffentliche Meinung hierzulande gegenüber Biotechnologien, ja vielleicht sogar gegenüber manchen Gesundheitstechnologien überhaupt nicht einschätzbar ist. Diskutiert wird über solche Technologiennicht regelmäßig, und eigentlich nur, wenn eine Gesetzesinitiative unterwegs ist und Umweltorganisationen das Thema aufgreifen – wie es gegenwärtig der Fall ist bei der Diskussion um genetisch modifizierte Pflanzen in der Landwirtschaft. 

Der Vermeidung von zuviel Debatte ist es zu verdanken, dass hierzulande ein widersprüchliches Gemisch aus Vorschriften und tolerierten Praktiken besteht: Einerseits wird die Invitro-Befruchtung seit Jahren praktiziert, aber der Gesundheitsminister schreckt davor zurück, ihr endlich eine legale Basis zu geben. Drei derzeit auf dem Instanzenweg befindliche Gesetzentwürfe, die allesamt die biomedizinische Forschung betreffen, geben zum Teil vor, einenbesonders strengen Rahmen für den Embryonenschutz und ein Verbot zum Umgang mit embryonalen Stammzellen zu schaffen, enthalten aber andererseits manche Hintertür (d’Land, 23.2.2007). Sozialistische Regierungsmitglieder geben bekannt, nur ihre CSV-Kollegen hielten sie davon ab, Ja zu sagen zu verbrauchenderEmbryonenforschung und zu therapeutischem Klonen, und mankönnte daraufhin eine starke meinungsbildende Zusammenarbeit ausCSV und Bistumvermuten. Andererseits ist der nationale Ethikausschuss – mehrheitlich – im traditionell katholischenLuxemburg in den letzten Jahren zu liberaleren Einschätzungenüber die ethische Zulässigkeit verschiedener neuerer Anwendungender Biomedizin gekommen als Ethikausschüsse in so manchenLändern mit langer Forschungstradition in diesem Bereich.

Daraus könnte nicht nur folgen, dass die öffentliche Meinung in diesen Fragen nicht nur unerforscht, sondern auch stark beeinflussbar ist. Im Interesse des Erfolges benötigt das Diversifizierungprojekt Technologies de la santé deshalb baldmöglichst eine High-key-Öffentlichkeit und die neuen Biotechnologien bedürfen einer umfangreichen und anhaltenden Aufklärung.

 

Peter Feist
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