Zoo Story

Ein Tag im Zoo

d'Lëtzebuerger Land du 28.09.2006

"Stört es Sie wenn wir uns unterhalten", fragt Jerry fast schon beiläufig, denn in Wirklichkeit interessiert ihn Peters Antwort nicht wirklich. Er will nur reden, endlich mit einem anderen Menschen reden. Es ist hellichter Nachmittag im Central Park, mitten in New York, durch Zufall trifft Jerry, der in einer Backsteinwohnung an der falschen Seite des Parks verein­samt, auf den manischen Bildungsbürger Peter, 50000 Dollar Jahreseinkommen als Verleger von Kinderbüchern, verheiratet, zwei Mädchen, zwei Wellensittiche, zwei Katzen, zwei Fernsehgeräte. Peter sitzt immer zur gleichen Zeit auf derselben Bank, putzt seine Pfeifen und liest seine Bücher. Jerry hingegen hat sich verlaufen: er war im Zoo heute, hat dort etwas Spannendes erlebt, das er Peter erzählen möchte, und ist dann nördlich gelaufen, kommt ziemlich erschöpft zu dieser Parkbank. Einen Menschen zu treffen, ist für ihn der Höhepunkt des Tages, so sehr fehlte im jemand, der ihm zuhört. Edward Albees Einakter Zoo Story, 1959 in Berlin uraufgeführt, erzählt dieses Aufeinanderprallen zweier Welten, zweier Lebensstile, die im boomenden Amerika der Nachkriegszeit nebeneinander existieren, ohne sich wirklich zu begegnen. Die junge, politische Theatertruppe aus Esch ILL, Independent Little Lies, widmet ihre Produktion des Stückes, das derzeit in der Kulturfabrik aufgeführt wird, der Jahrhundertfeier der Stadt Esch nicht ohne bissige Ironie. Denn sie sagt damit: auch in Esch leben Arm und Reich, Verzweiflung und Wohlstand, Isolation und gesellschaftliche Anpassung nebeneinander, kann der eine dem anderen nur den Tod als Erlösung bringen – André Heller versus Kulturfabrik sozusagen. Für seine Inszenierung hat Marc Baum die Galerie Terres Rouges (aka Salzinsel) als Aufführungsort erkoren, weil dort ein letzter Rest des Schlachthofambientes überlebt hat. Eine Parkbank, eine Plan von Manhattan und die Beleuchtung genügen ihm als Bühnenbild – und das ist gleich die erste Schwäche des Stückes: 75 Minuten Dialog, der in Wirklichkeit eher ein Monolog ist, können einem im Zeitalter des Multitasking und des Multimedia verdammt lange erscheinen, wenn sich die Handlung auf ein Minimum beschränkt, ein bisschen Hin- und Herlaufen für den einen, starr und hölzern herumsitzen für den anderen Protagonisten. Zudem wirkt das Stück, 50 Jahre später, doch ziemlich überholt in seiner fast schon karikaturalen Skizzenhaftigkeit: tumbe, von der Außenwelt abgeschottete Naivität des einen, brutale, hoffnungs- und schonungslose Einsamkeit des anderen. Denn im Gegensatz zu Peter, der einen ziemlich beschränkten Erfahrungshorizont hat, erkennt Jerry das Leben seines neuen Freundes, seine Leiden und seine Freuden an den kleinsten Details, errät seine Lebens­umstände ziemlich genau. Wenn Jerry jedoch von seinem Leben erzählt, dem Backsteinhaus, das er "Haus der Qualen" nennt, in dem alle so einsam sind wie er, die geile Hausmeisterin und ihr unfreundlicher Hund – "das Biest mit einer Erektion" –  mit dem Jerry trotzdem versuchte, eine Beziehung aufzubauen, weil die Menschen ihm gegenüber gleichgültig sind, dann krümmt sich Peter vor Pein, alleine die Vorstellung dieses Elends scheint ihm unerträglich. Jerry je­-doch weiß um die Nähe von"„Lieben oder Töten" in jeder Beziehung, sogar zu Tieren. Getragen wird die Escher Version der Zoo Story ganz alleine von Pitt Simon, 29 Jahre, der soeben eine Schauspielausbildung und einige Monate Theatererfahrung in Paris hinter sich hat und zum ersten Mal in Luxemburg spielt. Simon, in der Rolle des Jerry, ist permanent zweideutig in seinem Spiel, das dadurch spannend wird. Seine stechend blauen Augen durchdringen die Zuschauer genau so wie Peter, nie ist man sicher, ob er verzweifelt, gutmütig oder ein gefährlicher Psychopath ist. Seine Körpermasse, sein Bart, die langen Haare machen aus seiner Erscheinung den perfekten Außenseiter – oder den Flower-Power-Jünger. Sein Spiel ist eine beständige Gradwanderung zwischen Bedrohlichkeit und Liebenswürdigkeit, zwischen hoher Intelligenz und verzweifeltem Wahnsinn. Allein schon sein Kampf mit dem Tod beweist sein schauspielerisches Können. Dem hat Paul Christophe rein gar nichts entgegen zu setzen, was die Ungleichheit des Duos nur noch unterstreicht.

Zoo Story, von Edward Albee, in der Inszenierung von Marc Baum, eine Koproduktion der Theatertruppe Independent Little Lies und der Kulturfabrik, wird noch am heutigen Freitag, den 29. September, morgen Samstag, am Montag, dem 2. Oktober, sowie am Mittwoch, dem 4., und Donnerstag, dem 5. Oktober, jeweils um 20 Uhr in der Galerie Terres Rouges der Kultufabrik aufgeführt. Es spielen: Pitt Simon und Paul Christophe, Dramaturgie [&] PR: Max Lamesch; Bühne und Kostüme: Fabienne Lentz; Licht: Judith Schmit; Assistenz: Jill Christophe. Reservierungen unter Telefon 55 44 93-1. Weitere Informationen über die Truppe unter www.ill.lu.

 

josée hansen
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