Vater Staat und Mutter Kirche

Mutter Kirche wird nicht zum Teufel gejagt

d'Lëtzebuerger Land vom 30.01.2015

Vater Staat hat, lange hat er überlegt, aber es geht wirklich nicht mehr, Mutter Kirche läuft in komischen Kleidern umher, man kann sich mit ihr nicht mehr sehen lassen, sie spielt noch immer mit Puppen und will der Realität nicht ins Auge sehen, eine Entscheidung getroffen. Was soll Vater Staat auch machen, sie kostet ihn die Augen aus dem Kopf, und auch die Kinder verstehen ihn nicht mehr. Dass er das so lange aushielt, sie ist so wunderlich. Obschon er sich ja an sie gewöhnt hat, sie singt so schön, aber sie kann ihn auch ganz schön erpressen und hetzt ihm sämtliche Teufel an den Hals. Vernünftig konnte man auch nicht mit ihr reden. Zu essen gab es auch kaum was.

Dann hat sie ihm wieder ein Theater vorgespielt, dass er kaum widerstehen konnte. Er konnte auf die Knie fallen vor ihr, hin und wieder. Manchmal ist sie ja wirklich göttlich! Und tolle Events beschert sie, sie lädt ihn ein, obschon es Trennungsgerüchte gab, sie gestaltet eine schöne Feier, extra für ihn, und Vater Staat tanzt an, man würde sagen ein Freier. Er trägt sogar einen Sonntagsanzug.

Natürlich hat das alles nichts mehr geholfen, nur noch Show, könnte man meinen. Mediation und Paartherapie nützten nichts mehr, sie haben sich endgültig auseinander gelebt, haben sich kaum noch was zu sagen. Dennoch reden sie noch miteinander, was bekanntlich immer das Wichtigste ist. Schon wegen der Kinder, die Gotteskinder und Heidenkinder sind und alle möglichen verwirrten Schäfchen. Die meisten suchen immer einen Parkplatz. Deswegen soll man sie auch nicht zuviel fragen, freuen wir uns, wenn sie sich nicht gegenseitig erschlagen. Alles läuft friedlich und vernünftig ab, wahrscheinlich wird niemand auf den Scheiterhaufen geworfen oder gesteinigt, nicht mal jemand weiblichen Geschlechts. Eigentlich reden alle nur noch über Geld. Aber ist das nicht schön, eigentlich?

Viel besser als dass sie sich aufs Schafott zerren oder in die Hölle werfen. Sie verstümmeln und köpfen sich nicht mal gegenseitig, hacken sich nichts ab und schmeißen einander nicht ins Verlies. Wenn man bedenkt, wie es woanders zugeht. Zum Beispiel in Saudi-Arabien, wo nach dem Gottesdienst die Köpfe rollen wie der Dollar, alles hat seine Ordnung.

Es ist jetzt eben so weit, es ist an der Zeit, das haben jetzt alle Betroffenen eingesehen. Mutter Kirche, die einen Schoß hat, aus dem seltsamerweise immer nur Herren kriechen, mit spitzen Dämonenhüten, reagiert also viel weniger hysterisch, als befürchtet. Sicher wird unter diesem oder jenem Exorzistenhut ein Tränchen vergossen, aber es geschieht noch einigermaßen diskret. Vielleicht Komplott, aber kein Schafott. Alles das, liebe Kinder, haben wir ja, gähn, aufschlagen Seite 135 000, Stichwort Aufklärung, Werte, Würde, Europa, längst hinter uns.

Aber Mutter Kirche hat ja, das weiß sie, wie beruhigend, auch Jahrzehnte Zeit, sich an die neue Zeit zu gewöhnen. Sie und Vater Staat waren schließlich so lang zusammen. Deswegen lässt Vater Staat sich auch keineswegs lumpen. Mutter Kathedrale wird nicht mal delogiert, sie kann sich weiter in Purpur kleiden.

Die Kinder gähnen natürlich während der Scheidung, die 20 Jahre dauert, mindestens, und werden genervt das Familiensilber hin und her schieben, von dem sie nicht mal wissen, ob es welches gibt. Wer erbt welchen zerkrümelten Kirchturm? Wer säuft den Messwein? Wahrscheinlich werden nicht mal Bettelorden durch das Land ziehen, und die letzten wackeren Gemeindemitglieder müssen nicht zitternd ein paar Cents sammeln, um Hochwürdens Zahnprothese zu finanzieren.

Und Hochwürden muss deswegen auch nicht nach Lourdes pilgern.

Und auch wenn die Fernsehkameras bedenklich oft über angeblich von allen guten Geistern verlassene Gotteshäuser schweifen und von allen möglichen Gestaltungsmöglichkeiten orakelt wird: Gottes Mühlen mahlen bekanntlich langsam, kommt Zeit, kommt vielleicht eine neue Zeit, wer weiß. Inch Allah.

Wahrscheinlich bleibt sogar die Kirche im Dorf, auch wenn sie ein Wellnesszentrum wird oder ein Haubenrestaurant. Aber bestimmt kein Puff.

Und wenn, dann einer mit Niveau.

Michèle Thoma
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