60 Jahre d'Land

D’Lëtzebuerger Land, the prequel

d'Lëtzebuerger Land du 20.12.2013

Carlo Hemmer, der Gründer des Lëtzebuerger Land, war nicht nur der Volkswirt, Funktionär der Industriellenföderation und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Er war auch ein naturverbundener Wandervogel, der sich mit Heimatgeschichte, Brauchtum, Sprachpflege und Fremdenverkehr beschäftigte. In dieser Eigenschaft war er Jean Nicolas Moes geistesverwandt, der 72 Jahre zuvor die Wochenzeitung Luxemburger Land gegründet hatte, die erste dieses Titels.

Jean Nicolas Moes (1857-1907) war einer der frühen Berufsjournalisten im Land. Nach einem abgebrochenen Studium in Bonn unterrichtete er laut Autorenlexikon als Oberprimärlehrer in Vianden und arbeitete dann als Redakteur der Metzer Zeitung. Wegen eines Artikels über den deutschen Kaiser wurde er ausgewiesen und gründete im Mai 1882 in Echternach die Zeitung Der Tourist, die sich selbst „ein Führer durch das historische und romantische Luxemburger Land und dessen nächste Umgegend“ nannte.

Als im Herbst desselben Jahres die Echternacher Tourismussaison zu Ende ging, taufte Moes, wie er selbst schrieb, sein Blatt um und nannte es Das Luxemburger Land. Es sollte nun schon im Titel zeigen, dass es „ein nationales Blatt“ werde, das sich „Organ zunächst für inländische Alterthumskunde und Geschichte, Kunst und Literatur, Verschönerungswesen und Touristik“ nannte und „aus dessen Spalten alle Politik und Polemik grundsätzlich ausgeschlossen“ sein sollten. Die sonntags erschienene Zeitung enthielt vor allem Gedichte, Reiseschilderungen, Aufsätze über Heimatgeschichte, Volkskunde, Literatur und Redensarten aus der Feder des Herausgebers und Verlegers, aber auch anderer vaterländisch gesinnter Beamter, Lehrer und Geistlichen. Im Geist der Zeit drückte sie das romantisch verklärte Bestreben des lokalen Bürgertums aus, dem jungen Nationalstaat historische und kulturelle Wurzeln zu erfinden.

Nur „wenige Monate nach dessen Gründung“, die „unter ungünstigen Verhältnissen“ erfolgt war, trat der als Sammler von Kinderreimen bekannt gewordene Schriftsteller Karl Mersch (1856-1884) „als Eigenthümer und Direktor an die Spitze“ des Luxemburger Land, schrieb Nicolas van Werveke am 15. November 1885, als das Blatt nach Merschs Tod zehn Monate lang nicht erschienen war. Der liberale Historiker Nicolas van Werveke (1851-1926) bemühte sich, die Zeitung wiederzubeleben, aber am 26. Dezember 1886 meldete er knapp am Schluss der Ausgabe: „Wegen anderweitiger dringender Beschäftigungen ist die Redaktion des ‚Luxemburger Land‘ momentan außer Stande, das Blatt weiter zu redigieren. Mit dem 1. Januar künftig hört mithin das Blatt auf zu erscheinen.“ Die vaterländische Geschichte gelangte dorthin, wo sie hingehörte, in die Hände eines Pfarrers, diejenigen von Martin Blum, der 1894 die bis heute erscheinende Hémecht gründete.

Doch Jean-Nicolas Moes gab sich nicht geschlagen. Ein Jahrzehnt später gründete er zum zweiten Mal eine Wochenzeitung unter dem Titel Das Luxemburger Land, diesmal zusammen mit dem geschäftstüchtigen Hoffotografen Charles Bernhoeft (1859-1933), der in der Belle Epoque das gesamte Bürgertum und die großherzogliche Familie porträtierte sowie einen schwunghaften Handel mit Postkarten und Landschaftsalben betrieb. Am 7. April 1895 brachten die beiden mit Das Luxemburger Land in Wort und Bild die erste „illustrierte Wochenschrift“ auf den Markt. Das Blatt berichtete über „inländische Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Litteratur (sic), Theater und Musik, Ausstellungswesen und Festlichkeiten, Touristik, Industrie und Verkehr, Sport und Jagd, Vereinsnachrichten, sowie […] alle wichtigen politischen und unpolitischen Tagesereignisse“.

Das Luxemburger Land veröffentlichte wiederum jeden Sonntag auf jeweils vier Seiten historische und volkskundliche Beiträge, diesmal mit Bernhoefts Fotos von Prinzen, Notabeln, städtischen Gebäuden und Burgen illustriert. Das war zu jener Zeit ein Novum, als es weder Kino, noch Fernsehen gab und auch die Tageszeitungen noch frei von Fotos waren. Doch die Vaterlandsliebe des Bürgertums reichte nicht aus, das drucktechnisch aufwändige und kostspielige Unternehmen zu rentabilisieren, so dass die Schrift Ende des Jahres nach 39 Nummern eingestellt wurde.

Das 1954 von Carlo Hemmer gegründete Lëtzebuerger Land hatte aber auch eine konkretere politische Funktion als seine beiden Vorfahren gleichen Titels. Und in dieser Rolle ist es näher der Neuen Zeit verwandt, einer der anspruchsvollsten poltischen Zeitungen der Luxemburger Pressegeschichte. Die nach dem 1883 gegründeten theoretischen Organ der deutschen SPD benannte Zeitung war das Produkt einer Koalition von linken Intellek­tuellen aus der Volksbildungsbewegung und liberalen Großbürgern der Stahlindustrie. Gemeinsam wollten sie in Zeiten des Schulstreits den nach den Teilwahlen 1908 gebildeten parlamentarischen Linksblock von Liberalen und Sozialdemokraten gegen die klerikale Rechte und die alten Rechtsliberalen unterstützen, ähnlich wie das Lëtzebuerger Land Anfang der Siebzigerjahre den Weg für die Neuauflage des Linksblocks, die DP/LSAP-Koali­tion von 1974 zu ebenen half.

Dem Verwaltungsrat der zeitgleich mit der Arbed gegründeten Zeitung gehörtern linke Lehrer und bekannte Schriftsteller, wie Frantz Clement, René Engelmann, Joseph Tockert, Mathias Tresch und Nic. Nickels, an, aber auch die Schmelz- und Grubenherren Emile Mayrisch, Aloyse Meyer und Charles Hoffmann, die das Blatt finanziell unterstützten. Die erste Nummer der Neuen Zeit erschien am Sonntag, dem 26. März 1911 mit dem Untertitel „Organ für fortschrittliche Politik und Volksbildung“ und kündigte an, sich für die geistige Emanzipation, die Demokratie und den sozialen Ausgleich einzusetzen.

Redakteure waren der Lehrer und Gewerkschafter Mathias Adam (1850-1936), Frantz Clement (1982-1942), Michel Ungeheuer (1883-1950) und August Stoll; der bekannte Maler Pierre Blanc (1872-1946) lieferte die Karikaturen, Ab dem 2. Oktober 1912 erschien Die neue Zeit zweimal wöchentlich, sonntags und mittwochs. Mit 2 400 Exemplaren erreichte sie zu jener Zeit ihre höchste Auflage, so Jacques Maas, doch kam sie niemals aus den roten Zahlen (Galerie, 1987/3, 1991/2). Eine Woche nach dem deutschen Überfall zu Beginn des Ersten Weltkriegs erschien am 9. August 1914 die letzte Nummer der leidenschaftlich antiklerikalen und antideutschen Neuen Zeit.

Drei Jahrzehnte später war die Bedrohung für den Frieden und die parlamentarische Demokratie erneut spürbar. Um vor den Gefahren des deutschen Faschismus zu warnen, aber auch gegen das 1935 deponierte Maulkorbgesetz zu kämpfen, stellte der Freidenkerbund sein Organ Das freie Wort ein und ersetzte es durch eine neue, ebenfalls antiklerikale Zeitung, die sich an ein breiteres Publikum richten sollte. Sie bekam den Titel Die neue Zeit, der an die Tradition der linksliberalen Zeitung von 1911 bis 1914 anknüpfen sollte.

Die Monatszeitung erschien ab dem 1. Oktober 1936. Ihre wichtigsten Autoren waren die linken Journalisten Nicolas Molling (1902-1964), der 1937 auch das Satireblatt De Mitock herausgab, Evy Friedrich (1910-1989) und Emile Marx (1899-1964), aber auch der Geschichtslehrer Pierre Biermann (1901-1981). Im Geist einer grenzüberschreitenden Bewegung verteidigten sie einen humanistischen Kulturbegriff gegen die Barbarei des Faschismus und gegen den Antisemitismus. Ab Januar 1939 kam Die neue Zeit alle 14 Tage heraus, doch am 1. November musste sie melden, dass ihr Erscheinen „durch den Ausbruch des Krieges sehr erschwert“ wurde und sie deshalb zur monatlichen Erscheinungsweise zurückkehren musste. Am 1. Mai 1940 erschien die letzte Ausgabe, zehn Tage später war das Land erneut von deutschen Truppen besetzt.

Romain Hilgert
© 2017 d’Lëtzebuerger Land