Der Kommunikationscode der Rechten

Das Lächeln der Frau Frauke

d'Lëtzebuerger Land du 26.02.2016

Sie sitzt mittendrin, in der Talkshow, wir sehen ihr glatt gebügeltes Gesicht unter dem zackig kurz geschnittenen Haar, über dem adretten weißen Kragen, sachlich, ein Hauch altbacken. Ihre Beine wirken nackt wie die einer Sportlerin, die mal, wie ungewohnt, in einen Rock schlüpft und in Schuhe mit Absätzen.

Sie sitzt in der deutschen Talkshow, keineswegs eine Randerscheinung, nicht ausgegrenzt, mittendrin, der Zuschauerin gegenüber. Sie ist die zentrale Figur, um die sich die anderen gruppieren, positionieren, um die sie Position ergreifen. Alle starren gebannt auf sie, die die Hieb- und Stichworte vorgibt – können wir sie vielleicht noch bannen? Man traut sich also, mit ihr zu reden. Es muss doch möglich sein, wir sind doch in einer Demokratie, da müssen doch alle miteinander reden, da müssen doch alle miteinander reden müssen. Selbst die, die sich nichts zu sagen haben, so lange man redet, bringt man sich nicht gegenseitig um, höchstens um den Verstand.

Man traut sich, mit ihr zu reden, schließlich sprechen aus ihr all die klitzekleinen Männer und Frauen, über die sich die Gesellschaft, jedenfalls die, die sich öffentlich und rechtlich artikuliert, neuerdings Gedanken macht. Sie seien das Sprachrohr des Volkes, das jedenfalls behaupten diese neuen Meinungsführer_innen.

Volk, aha, was ist das? Meinen sie also das Fußvolk, die, die Bus fahren, ungesund essen und die falschen Bilder an der Wand haben? Oder welche mit besonderen Haar- und Haut- und Fahnenfarben? Ganze Heere von Expert_innen beugen sich über dieses mythische Volk, das plötzlich aus dem Ursumpf, aus den Schützengräben wieder auferstanden ist und durch unsere Debatten geistert.

Meistens ist es verdammt stolz auf sich selber, obschon es gar nicht genau weiß, wer oder was es ist. Letzeboier. Wahre Finnen. Wie definiert es sich, durch Bäuche und Bier und Bräuche, in denen Kartoffeln vorkommen, durch Blondschöpfe, durch den netten Jesus, der viel netter ist als Mohammed, durch Sex auf Rädern, durch bluttriefende Hymnen, durch Kinder, die es nicht gibt, durch Hunde, Schweine, rote Löwen, den Faust, die Brüderlichkeit? Ach, wer stellt denn so viele Fragen, das muss ein Fremdling sein oder ein sonstwie Entarteter. Dem Volkskörper könnten noch ganz andere Bezeichnungen einfallen, er hält sich gerade noch dezent zurück. Rastet nur an diversen Stellen mal kurz aus, wahrscheinlich wurde er provoziert. Überall laufen ja auch solche Opfer rum! Sein Herzeigegesicht lächelt in den Talkshows, alles prallt an diesem Lächeln ab.

„Massenmensch“ lautete ein beliebtes Schimpfwort in den Siebzigern. So einer war man natürlich nie selber. Die Massenmenschen fuhren Auto, bis nach Italien, buken das Brot, das die Soziologiestudentinnen kauten, machten, dass alles schön funktionierte, und redeten nur, wenn sie gefragt wurden. Das war quasi nie. Die Mehrheit war eine schweigende, selten griff sie zu Mistgabeln oder schritt sonstwie aus. Ob sie ein Volk oder das Volk war, war ihr ziemlich egal, sie wollte sich nicht mal befreien lassen.

Jetzt ist überall Speaker’s Corner. Mensch muss aus seinem Herzen keine Mörderinnengrube mehr machen, kann sich ausdrücken wie ein Geschwür. Manchen wird schlecht, wenn sie manche Portale aufstoßen, sie landen in der Geisterbahn, in mit Kuschelpostern ausgestatteten Folterkammern. Aber vielleicht liegt es ja an ihnen, weil sie abgehoben sind, keine Ahnung mehr vom Volk haben? Wie elitär ist es denn, die Rechtschreibfehler der Rechten zu posten! Und Idioten sind schließlich auch längst abgeschafft.

Die Linke grübelt und bewirft sich mit Argumenten. Die, die sich für den Mittelverstand halten, führen dauernd Volk im Mund, wollen ihm nach dem Maul reden. Sie nehmen den Mund voll Volk, wollen es den Rechten wegschnappen. Währenddessen sitzen die in Talkshows und lächeln einnehmend. Irgendwie sympathisch, diese Marine. So schlimm ist der Wilders auch nicht.

Man versteht sie wenigstens: Die fackeln nicht lange rum. Leider werden sie immerzu böswillig missverstanden, alles wird aus dem Kontext gerissen, falsch interpretiert.

Und während sie mit dieser Argumentation Schritt für Schritt vorpreschen, Schamschwellen überschreiten bis zur totalen Schamlosigkeit, bis zur totalen Unverschämtheit, zwischendurch widerrufen, zwinkern sie ihren Anhängern unsichtbar zu.

Der Kommunikationscode der Rechten.

Das schnippische, höhnische, eiskalte Lächeln der Frau Frauke.

Michèle Thoma
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