Carlo Hemmer

Land-Vater, Ziehvater von Blau, Rot, Grün?

d'Lëtzebuerger Land du 20.12.2013

Wir erleben ein Carlo-Hemmer-Jahr: 100. Geburtstag, 25. Todestag, bald 60 Jahre Lëtze­buerger Land. Hinzu kam die Regierungskrise als posthumes Geschenk. Dank dem Wahlausgang kommt Grün als Partei zum ersten Mal an die Machthebel der Regierung.

Inwieweit ist Carlo Hemmer als Ziehvater von Blau-Rot-Grün zu bewerten in Anbetracht der Werte, die mit ihm verbunden sind, sei es in seinen Schriften, seinen Werken und seiner Lebensweise?

Wenn wir die großen Politiker außer Betracht lassen, stellen wir fest, dass Carlo Hemmer zu den Persönlichkeiten der letzten 100 Jahre zählt, die Luxemburg am meisten geprägt haben. Die Sendung wirkt 25 Jahre nach seinem Tod. Er war von Jüngern umgeben, die auch heute noch zu seinen Werten stehen. Straßen, Gebaude, Säle, Herbergen, Wanderwege und Wanderreisen, monatliche Touren sind nach ihm benannt. Er hinterließ eine Stiftung, die seinen Namen trägt und mit nicht unbedeuteten Mitteln für seine Werte wirkt.

Allein in diesem Jubiläumsjahr erlebten wir eindrucksvolle und erlebenswerte Ereignisse in Bezug auf Carlo Hemmer (siehe Rosch Krieps im Tageblatt vom 1. Dezember und Luxemburger Wort vom 7. Dezember 2013). Außer den von Rosch Krieps erwähnten Ereignissen sei noch die Paneldiskussion in der Handelskammer vom 3. Juli 2013 erwähnt zum Thema: „Les defis économiques et so­ciaux à l’horizon 2039 – Comment les maît riser ?“ So würdigte die Handelskammer den 100. Geburtstag von Carlo Hemmer. Krieps ist verständlicherweise diskret über sein eigenes Buch Aufs Ganze gehen, das Carlo Hemmer gewidmet ist. Mit Carlo Hemmer als Mentor wurde aus dem Walzwerkarbeiter der Publizist und Macher, den wir kennen.

Zum Propheten gehören auch Sprüche, die Bestand des Volksmunds wurden. Die bekanntesten sind: „La valeur de l’inestimable“, „Wir rechnen falsch“, „De Stat sid Dir“, „Frot net zevill vum Staat“, „Le Luxembourg est un don du fer comme l’Egypte est un don du Nil.“ Das sitzt und leitet den Menschen.

Bis in seine Kluft war Carlo Hemmer einzigartig. Dem hochkultivierten Carlo Hemmer dürfte wohl nicht entgangen sein, dass ein echter Prophet sich auch in seiner Kluft identifizieren muss, um vom Volk als Träger eines bestimmten Wertes erkannt zu werden.

Um glaubwürdig zu sein, muss der Prophet in einer konfliktuellen Umgebung gewirkt haben. Die Sendung gibt die Antwort zur Frage, wie er die Konflikte gelöst hat.

Carlo Hemmer lebte in zwei grundverschiedenen Welten, der blauen und der grünen.

Blau: der Buchhalter, der Betriebswirt, der Generalsekretär des Industriellenverbandes, der Direktor der Handelskammer, Vorsitzender der Börse, Mitglied der Ligue européenne de coopération économique, der Crème des europäischen Patronats. Er war verantwortlicher Herausgeber des Echo de l’Industrie. Er hielt sich strikt an die Regeln des Marktes. Nur einmal in seinem Leben distanzierte er sich demonstrativ vom Patronat. Es war nach seiner Pensionierung bei der Handelskammer Mitglied der Arbeitgebergruppe im Wirtschafts- und Sozialausschuss der Europäischen Union Bei einer Kampfabstimmung stimmte er anders als seine Gruppe.

Die andere Welt, in der Carlo aufatmete, war die der gottgeschaffenen Natur, welche allen gehört und deren Nutzen gratis ist. Zwischen beiden Welten gab es damals keine „Mischwirtschaft“, in der Staat und Wirtschaft verwickelt sind (siehe „Partenariat public/privé“ „Conventions“ undsoweiter). Für Carlo Hemmer galten für die Beziehungen zwischen beiden Welten elementare Regeln, die an des Zivilrecht erinnern. Werden Leistungen von der Natur gefordert, dann muss gezahlt werden. Wer der Natur Schaden zufügt, der muss entschädigen. Bei Übergriffen der Wirtschaft auf den grünen Teil gelten die Regeln der Verhältnismäßigkeit. Es gibt keine andere Antwort auf das zu lösende Problem als der Übergriff. Der hierdurch entstandene Schaden muss ausgeglichen werden. Weite Domänen der Natur sind jedoch unantastbar. Dieses Gebiet ist weitreichend. Carlo Hemmer konnte auf die Barrikaden klettern für einen einzelnen Baum in einer Ortschaft. Er trat ein mit Leidenschaft für die Unantastbarkeit der Biotope und der Laubwälder wie ach für die Schaffung der Reservate.

Carlo Hemmer hätte mit Sicherheit den Willen der Koalition begrüßt, auf allen Gebieten den Erfordernissen der Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen. Aus einer grünen Bewegung ist jedoch eine Verwaltung geworden. Jeder Zuständigkeit entspricht ein Genehmigungsrecht. Eine Horrorsituation für die Wirtschaft. Grün hat darauf bestanden, dass Grün nicht mehr als Teil der Nachhaltigkeit behandelt wird, sondern dass das Ministerium auf „Umwelt“ umgetauft wird, damit auch der Verdacht verschwindet, Umwelt könnte den Interessen der Wirtschaft untergeordnet werden. Carlo Hemmer, der für die Beachtung der Regeln der Verhältnismäßigkeit bei Übergriffen der Wirtschaft auf die Umwelt stand, hätte auch hier wie auf anderen Gebieten „mehr Staat“ abgelehnt. Aus einer Bewegung, welche die Grünen eingangs waren, ist ein Apparat geworden.

Carlo Hemmer schwieg eher über etwaige Unzulänglichkeiten im „blauen“ Bereich... Hemmer hätte jedenfalls mit Befriedigung festgestellt, dass das Regierungsprogramm keine direkten neuen Belastungen für die Wirtschaft enthält.

Carlo Hemmer hätte der Ausschluss der CSV, wie im Jahr 1974, keine bitteren Tränen entlockt. Schließlich ging es doch nur um den Ausschluss der Partei. Parteien hatten nicht den höchsten Stellenwert bei Carlo Hemmer. Von den etablierten Kirchen hielt Carlo Hemmer nicht viel. Umso mehr schätzte er die Werte, die dort geschaffen wurden, und manche der Menschen, die in ihrem Rahmen handelten. Einen versierteren Hagiographen als Carlo Hemme gibt es nicht in unserer Kirchenverwaltung. Gesang, bildende Kunst und Architektur der Gotteshäuser, von der Kathedrale bis zum bescheidenen Wegekreuz, nichts entging der Faszination, die diese auf ihn ausübten. Mit diesen fühlte er sich gleichwohl wie mit der Natur verbunden. Carlo Hemmer war von Natur aus Pantheist. In diesem Sinn war er tief religiös.

Der von Blau-Rot-Grün vorgesehen Werteunterricht entsprich der Lebenseinstellung von Carlo Hemmer. Normalerweise sollte die Unantastbarkeit der Natur die Säule eines Werteunterrichts werden. Was Blau-Rot-Grün daraus macht, lesen wir auf Seite 113 des Koalitionsabkommens unter „Education au développement durable“: „L’Education au développement durable (EDD) sera introduite dans les cursus des services d’éducation et s’accueil, de l’école fondamentale ainsi que du secondaire. A cet effet, le Gouvernement élaborera un programme étendu de formation continue pour le personnel en place et veillera à l’intégration de l’EDD à la formation initiale des multiplicateurs (tels les enseignants du fondamental et du secondaire, éducateurs et éducateurs gradués.“ Dies erinnert mich an ein Gespräch mit Carlo Hemmer, als Minister Pierre Frieden das Ministère de l’Instruction Publique in „Ministère de l’Education Nationale“ umtaufte. Wir waren uns einig, dass die Schule dazu bestimmt ist, dass der Bürger lesen, schreiben und rechnen lernt. Als Nebenfächer gelten Zeichnen und Singen (Musik). Auch soll der Lehrer den Schülern den Sinn für das Schöne und die Natur vermitteln. Der Lehrer sorgt für die nötige Disziplin, ansonsten ist Erziehung Sache der Familie und der anderen Gremien unserer Gesellschaft, wie Kirchen und Vereine.

Eine im Rahmen des Carlo-Hemmer-Jahrs wieder entdeckte Konferenz, welche erstaunlicherweise nicht in der bestehenden Bibliographie angeführt wird, sorgte für Aufsehen. Der Text gehört mit Sicherheit zur Antologie unserer wirtschaftswissenschaftlichen Texte. Der Titel: La valeur de l’inestimable. Ce qui échappe à la comptabilité nationale. Die Konferenz wurde am 16. Dezember 1969 im Rahmen der damaligen Université internationale de sciences comparées, abgehalten. Akribisch sind in diesem Text die Probleme angesprochen, welche diejenigen von Limits of Growth des Club of Rome sind. Limits of growth erschien 1972, also drei Jahre später. Der Unterschied besteht darin, dass der Club of Rome formell für eine Begrenzung des sogenannten „Wachstums“ eingetreten ist, während diese Schlussfolgerung nur unterschwellig bei Carlo Hemmer zu finden war.

Das Thema wurde kurz darauf im Lëtzebuerger Land unter „Jenseits der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung“ und unter „Den unschätzbaren Preis geben“ angesprochen, einige Jahre später: „Wir rechnen falsch.” Vielerorts, auch bei Rosch Krieps, gelten diese Texte als Grundlage für die Errechnung eines „BIP du bien-être“, welches der Wirtschafts- und Sozial­rat (CES) und der Nachhaltigkeitsausschuss (CSDD) im Auftrag der alten Regierung errechnen sollen. Blau-Rot-Grün sieht die Aufstellung von Indikatoren des Wohlstands vor, die nach Diskussion festgelegt werden sollen. Wie das „Unbezahlbare“ in Ziffern ausgedrückt werden kann, ist ein Rätsel. Die Bezifferung des Unantastbaren wäre wohl aus der Sicht von Carlo Hemmer der Beginn eines Prozesses, in dem das Unbezahlbare bezahlbar wird.

Carlo Hemmer baute sein System auf die Verantwortung des Einzelnen auf. Blau-Rot-Grün appelliert nicht an den Einzelnen. Das Wort „Austerität“ ist verpönt. Carlo Hemmer hatte verstanden, dass der Luxemburger im Bereich des sogenannten „Wachstums“ sich nach der Decke strecken muss, er jedoch in der Natur, im Naturbad, im Kanu, zu Fuß und auf dem Fahrad, beim Lesen und Musikhören, im Kreis der Freunde, soviel Glück finden kann, wie es eben auf dieser Erde möglich ist.

Mehr noch: Als leidenschaftlicher Patriot war für ihn der zahlungsfähige Staat der beste Garant dafür, dass Luxemburg den Luxemburgern gehört und keine fremde Macht oder Behörde sich in unsere Sachen einmischen wird. So sehr auch die Wirtschaft dadurch brummen möchte, Corlo Hemmer ignorierte den Druck, den die Konsumgesellschaft auf Menschen seines Rangs ausübt. Der Mitbürger, sofern er seine Unabhängigkeit sichern will, müsste aus eigenem Interesse und aus der Ablehnung jeder Abhängigkeit, seinen Konsum entsprechend reduzieren.

Henri Etienne
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