Ophelia

„Mehr Inhalt, weniger Kunst“

d'Lëtzebuerger Land du 26.02.2016

Die Idee kam ihnen vor zwei Jahren, als beide in Johan Simons Inszenierung von König Lear besetzt waren, Kristof Van Boven als Edgar und Marie Jung als Cordelia (mir dem Vater, ihrem Vater, André Jung als König Lear; die Produktion der Münchner Kammerspiele gastierte im März 2014 im Grand Théâtre): Was hat es mit diesen ebenso unscheinbaren wie für die dramatische Handlung wichtigen Frauenfiguren bei Shakespeare auf sich? Was wäre, wann sie redeten? Zusammen entwickelten sie Ophelia, ein Monolog der Geliebten Hamlets, aus Shakespeares Text destilliert, von Matthias Günther spielerisch ausgebaut, von Kristof Van Boven inszeniert, von Marie Jung gespielt und von den Münchner Kammerspielen produziert. Der lustig-lockere Versuch gastierte letztes Wochenende im Kapuzinertheater.

Zierlich ist sie, diese Ophelia. Zierlich und schüchtern, hinter einer dicken Brille versteckt, in einem schlichten dunkelblauen Kleid und flachen Schuhen. Es ist, als versuche sie, um jeden Preis ihre Jugend, ihre Schönheit und ihren natürlichen Charme zu verstecken. Marie Jung spielt eine ungestüme Ophelia, die nie so richtig weiß, wie sie im Leben sein kann, wie sie selbst entscheiden kann, was sie will. Am Ende ist ihr Vater tot, sie von Hamlet verraten, andere blutige Morde kündigen sich an... „Das ist der Lauf des Lebens“ verkündet sie bloß achselzuckend. Shakespeare ist so grausam, dass Ophelia mit Understatement antwortet – als könne man all das Geschilderte nicht glauben.

Kaum ist Ophelia da, ist sie schon wieder weg, flüchtet vor den Bühnenarbeitern, die aufwändig den Boden wischen. Dann kommt sie zurück, unsicher, schaut sich um wie in einem Krimi, versteckt sich im Bad oder in der sperrigen Kiste, die auf Paletten auf der sonst kargen Bühne herumstehen. Ophelia kommt, um uns die blutigen Morde und den Verrat, die Machtgelüste und die Kabalen des Königs Claudius zu erzählen, der Hamlets Vater umgebracht hat, um seine Mutter, Königin Gertrud, zu heiraten, und vor allem selbst König zu werden. Sie schildert, wie sie „dem Vater, [ihrem] Vater, dem Polonius“ von Hamlets Liebesbriefen und seinen Zärtlichkeiten erzählt, der diese Liebschaft missbilligt und der Königin zuträgt. Sie erzählt dem Publikum schlicht und einfach, ganz unterkühlt, das Blutbad dieser schwarzen Nächte in Helsingør. Wie sie die Männer dem Wahnsinn verfallen sah, wie sie erfuhr, dass ihr Vater ermodert wurde – „er fällt und stirbt“, und dann selbst den Freitod wählt.

Ophelia ist vor allem ein Stück für eine Schauspielerin, ein Stück über das Theater und seine Illu­sion. Marie Jung spielt minimalistisch und präzise, betreibt manchmal einen gigantischen Aufwand – Bühnenelemente mit Gabelstapler versetzen, zum Beispiel – für einen winzigen Zweck, kann mit einer Handbewegung, einem Lächeln, der Unsicherheit des Brillensäuberns mit einer Ecke ihres Kleides, mit alledem ihrer fatalistischen Ophelia Gestalt geben. Alle großen Zitate aus Hamlet sind im Text erhalten, von „Sein oder nicht Sein“ bis „Etwas ist faul im Staate Dänemark“. Doch durch Ellipse und Wiederholung, Mise en abyme und dramaturgische Brüche wird der Zuschauer immer wieder daran erinnert, dass er im Theater ist und „Worte, Worte“ hört. Dass dann die Bee Gees Tragedy im Radio singen oder auf einmal ein weißer, flauschiger Yeti aus einer der Kisten erscheint, steigert nur die Absurdität des Ganzen.

Ophelia nach Shakespeare, Regie: Kristof Van Boven; mit: Marie Jung; Bühne & Kostüme: Sina Barbra Gentsch; Licht: Jürgen Kolb; Dramaturgie: Matthias Günther; Produktion: Münchner Kammerspiele; keine weiteren Vorstellungen in Luxemburg.
josée hansen
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