Die Post meldet gute Ergebnisse – wer soll da glauben, dass Gebührenanhebungen und Filialschließungen notwendig sind?

Schein und Sein

Postamt Niederanven
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 26.05.2017

Claude Strasser, Direktor der Post-Gruppe, hat seit Jahren das gleiche Problem, wenn er die Firmenergebnisse vorstellt. Er hat Millionengewinne zu vermelden und deshalb will ihm niemand so recht glauben, wenn er von Schwierigkeiten und Herausforderungen spricht, die beispielsweise die Schließung von Postämtern über Land oder die Anhebung der Postscheckgebühren rechtfertigen würden. Die Post ist als privatisiertes Unternehmen in öffentlicher Hand in einer besonderen Situation. Das Unternehmen soll einerseits für die Öffentlichkeit strategische Infrastrukturen aufbauen und erhalten, Dienstleistungen wie die Postzustellung und den Basiszugang zu den Zahlungssystemen garantieren. Andererseits soll es Gewinne erwirtschaften, um den Aktionären wie jedes privatrechtliche Unternehmen Gewinne auszuzahlen, in diesem Fall dem Staat, der es an anderer Stelle bezuschusst. Wo dabei auf wessen Kosten investiert und gespart wird, ist nicht immer offensichtlich.

Die Post konnte vergangenes Jahr ihren Umsatz um 3,13 Prozent auf 728 Millionen Euro steigern, ihr Betriebsergebnis stieg um 9,27 Prozent auf 156 Millionen Euro und das Nettoergebnis von 12,2 auf 23 Millionen Euro. So gut, wie die Zahlen aussehen, sind sie tatsächlich nicht. Denn dass der Nettogewinn 2016 fast doppelt so hoch ist wie im Jahr davor, liegt vor allem daran, dass der Gewinn 2015 einbrach, weil die Post Steuern nachzahlen musste. Das Steueramt hatte entschieden, die 2010 gewährte steuerliche Konsolidierung der Post mit ihren Filialen rückgängig zu machen, weil sie nur privaten Firmen erlaubt werden könne, nicht aber öffentlichen Anstalten wie der Post. „Wir zahlen mehr Steuern als je zuvor“, stellte Strasser deshalb fest, weil die Post vor allem über ihr Mutterhaus investiert und die dafür gewährten Steuergutschriften nicht gegen in den Filialen erwirtschaftete Gewinne anrechnen lassen kann. Eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich das auf die Ergebnisse der Post auswirkt, die jedes Jahr dreistellige Millionenbeträge in den Ausbau ihrer Infrastruktur investiert, lässt sich in der Bilanz herauslesen, wo eine Steuergutschrift von 84,7 Millionen Euro auf die kommenden Jahre übertragen wird. „Die wird größtenteils verfallen, weil wir sie nicht nutzen können“, so der Postdirektor.

Vielleicht spielt es keine Rolle, ob die Post erst weniger Steuern zahlt, um dem Staat als Aktionär danach Dividenden auszuzahlen – für 2016 wiederum 20 Millionen Euro –, oder umgekehrt. Vielleicht aber doch. Denn der Gewinn 2016, erklärte Strasser am Dienstag, sei vor allem auf die positiven Ergebnisse in einer Firmensparte zurückzuführen: der Postzustellung. Dass es bei der Postzustellung positive Ergebnisse gab, obwohl das Volumen vergangenes Jahr um sechs Prozent deutlich schneller fiel als in den Jahren zuvor, hat zwei Ursachen. Erstens wird der staatliche Zuschuss, den die Post für die nächtliche Zustellung der Tageszeitungen erhält, seit vergangenem Jahr anders verbucht. „Ohne diesen staatlichen Zuschuss, sehe es anders aus“, so Strasser. Zweitens hat die Post Ende 2015 den Preis der Briefmarken, also ihre Tarife, angehoben und belastet dadurch direkt ihre Kunden. Diese Tariferhöhung habe den Rückgang des Briefvolumens vergangenes Jahr finanziell mehr als kompensiert, erklärte Claude Strasser am Dienstag. Doch eine langfristige Lösung gegen den Abwärtstrend ist das nicht. Da hilft es auch nicht, dass die Kunden immer mehr im Internet einkaufen und dadurch das Paketvolumen ansteigt, denn die Margen bei der Paketzustellung seien aufgrund der Konkurrenz nicht so hoch wie bei der Briefzustellung, wo die Post noch von ihrer Monopolstellung profitiert.

Dass das Postunternehmen auch die Gebühren für ihre Postscheckkunden angehoben und vor einigen Wochen beschloss, institutionellen, also staatlichen und Firmenkunden, die mehr als eine Million Euro auf dem Postscheck hinterlegt haben, die von der EZB verhängten Negativzinsen weiterzureichen, sorgte für viel öffentliche Kritik. Die Verbraucherschutzorganisation ULC meldete am Dienstag, ihre Petition gegen die Gebührenanhebung für Schaltertransaktion bei der Post und der BCEE habe 9 000 Unterschriften gesammelt. Der Postdirektor machte bei der Vorstellung der Ergebnisse gar keinen Hehl daraus, dass das Unternehmen versucht, die Kundschaft dazu anzuhalten, ihre Bankgeschäfte übers Internet zu erledigen, statt am Postschalter. Die Finanzsparte verbucht seit Jahren Verluste, weil sie die Kundeneinlagen aufgrund der niedrigen Zinsen nicht gewinnbringend anlegen kann und sie zudem 50 Prozent der Kosten für das Filialnetz tragen muss. Um die Einlagen zu senken, hatte die Post deshalb vor einem Jahr den Einstieg ins Kapital der Banque Raiffeisen beschlossen und den Kunden ermöglicht, über ihren Postscheck Sparprodukte der Kooperativbank zu erwerben; demnächst soll ihnen die Aufnahme von Verbraucherkrediten ermöglicht werden. Doch weil institutionelle Kunden davon profitierten, dass die Post bis dahin anders als andere Finanzinstitute keine Negativzinsen verrechnete, stiegen die Einlagen auf den CCP laut Bilanz zwischen 2015 und 2016 von 1,8 auf 2,2 Milliarden Euro, was die Probleme nur vergrößerte.

Dass dieses Jahr weitere Postämter über Land zugemacht werden, schloss Strasser am Dienstag aus, nicht aber, dass es in den kommenden Jahren weitere Schließungen geben werde. Die vor fünf Jahren angenommene Firmenstrategie sehe durchaus vor, weitere Filialen mit niedrigem Kundenzulauf dichtzumachen. Zuvor müssten allerdings erst die alternativen Anlaufstellen für die Kunden geschaffen werden. Jede zweite Woche eröffne ein neuer Verkaufspunkt für Postdienstleistungen in einem Supermarkt oder an einer Tankstelle, Packup-Stationen, an denen die Kunden eigenständig ihre Pakete abholen könnten, gebe es mittlerweile 70, das Verkaufsnetz sei dadurch dichter als vor den Postamtsschließungen. „Bis 2025 soll das neue Verkaufsnetz stehen“, so der Postdirektor.

Auch in ihrer am Umsatz gemessen größten Sparte, dem Telekommunikationsbereich, steht die Post-Gesellschaft vor Herausforderungen. Der Rhythmus des technischen Fortschritts beschleunige sich stetig, versuchte Strasser am Dienstag zu erklären. Im Mobilfunkgeschäft werde beispielsweise der 4G-Standard nun schon durch 4G Plus ersetzt. Jedes Mal, wenn ein solches Upgrade vollzogen werde, müsse das Netz angepasst, müssten Antennen ausgetauscht werden und mittlerweile bliebe nicht genug Zeit, um diese Investitionen zu amortisieren, bevor wieder neue getätigt werden müssten. Weil der Konkurrenzdruck hoch sei, nütze es der Post auch nichts, dass sie kommerziell erfolgreich sei und Kunden hinzugewinne. Auf die Ergebnisse habe das keinen Einfluss. Durch Abschaffung der Roaming-Gebühren in Europa nächsten Monat „gehen Einnahmen verloren und wir wissen nicht, was an Kosten hinzukommt“, so der Generaldirektor. Jährlich bestellten 10 000 Kunden ihre normale Telefonverbindung ab, so der Direktor. Zwar bestellten die meisten von ihnen Internetdienste und profitierten auch vom TV-Angebot. So groß war die Nachfrage nach dem Bamboo-Dienstleistungspaket fürs Eigenheim, dass sie nicht schnell genug bedient werden konnte. Doch reichte es früher, einen Kupferdraht zu verlegen und anzuschließen, verursachten die neuen, individuell zugeschnittenen Angebote einen wesentlich höheren Installationsaufwand und dadurch höhere Kosten. Dass der Umsatz steige, sei vor allem auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen. Nichtsdestotrotz könne die Post innerhalb der Landesgrenzen kaum noch Marktanteile gewinnen und zweitens seien durch die hohen Kosten die Margen nicht mehr so hoch wie früher. „Diesen kommerziellen Erfolg können wir finanziell nicht umsetzen“, so Strasser. „Wir ersetzen Umsatz mit hohen Margen, durch neuen Umsatz mit niedrigeren Margen.“ Damit die Gewinne nicht schwinden, muss der Umsatz wachsen. Möglichkeiten, den Umsatz zu steigern, sieht Strasser allerdings nur noch in einem Bereich: Dem Internet der Dinge, in dem die Post als Telekommunikationsanbieter von der Kühltruhe bis zum Auto alle Gerätschaften mit einer Simkarte ausstattet, die Daten an Hersteller und Netzbetreiber übermittelt.

Michèle Sinner
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