Säkularisierte Gesellschaft

Weltbildstörung

d'Lëtzebuerger Land du 09.07.2009

Er glaube, dass die Worte des Heiligen Vaters heute mehr Beachtung fänden als vor der Finanzkrise, meinte am Dienstag Bischofsvikar und Caritas-Direktor Erny Gillen bei der Vorstellung der neuen Enzyklika Caritas in veritate von Papst Benedikt XVI. Der Papst veröffentlichte diese Woche seine Aktualisierung der katholischen Sozialenzykliken Rerum novarum und Populorum progressio, in der er an der Marktwirtschaft herummäkelt, alle Modebegriffe von Sextourismus über Nachhaltigkeit bis Mikrofinanzen streut und die tiefste Wirtschafts- und Finanzkrise seit Jahrzehnten als Folge des Sittenverfalls geißelt. Im Herbst will Gillen als ständiger Moraltheologe des Erzbistums auf eine Vortragstournee gehen, um für die kapitalismuskritischen Betrachtungen des katholischen Kirchen­oberhaupts zu werben.

Seit die Steuerzahler einspringen mussten, um die mächtigsten Banken zu retten, Berny Madoff, der Michael Jackson der Vermögensverwaltung, in Handschellen abgeführt wurde und das Bruttoinlandsprodukt dramatisch schrumpfte, steckt nicht nur die Volkswirtschaft, sondern auch das dazu gehörende Weltbild in der Krise. Der Papst passte seine Sozialenzyklika ebenso rasch an, wie hierzulande manche Wahlprogramme umgeschrieben wurden. Bankdirektoren, die für Politiker nur feine Verachtung übrig hatten, verschlug es die Sprache; ein parlamentarischer Krisenausschuss spekulierte über die Regulierung der liberalen Nischenpolitik; ein DP-Staatsrat, der auf die Selbstheilungskräfte des Marktes schwört, wird in seiner eigenen Partei wie ein Außerirdischer bestaunt. Und bis hin zur CSV begrüßen alle Parteien, dass wieder ein Abgeordneter der kapitalismuskritischen déi Lénk im Parlament sitzt.

Wer 30 Jahre lang und spätestens seit dem Einsturz der Berliner Mauer die Marktgesetze als Naturgesetze verehrte und den Staat abspecken wollte, damit die New economy und die Loi Rau Wohlstand und ewigen Frieden bescherten, macht nun aus seinen Zweifeln an der Entwicklung des Kapitalismus und am Nutzen Goldener Fallschirme keinen Hehl mehr. Verflogen ist die Angst, des Bolschewismus verdächtigt zu werden; Kritik an der Marktwirtschaft ist heute Mainstream, morgen Popkultur. Zwecks Moralisierung der Wirtschaft und Verhinderung neuer Krisen rufen selbst Liberale – und wer war das bis weit in die LSAP hinein nicht? – nach mehr Regulierung, bis sie sich auf einer  grauen OECD-Liste wiederfinden. Das erschütterte Vertrauen in die Marktwirtschaft könnte selbst den beiden Parteien, die derzeit über ein Koalitionsprogramm für die nächsten fünf Jahre verhandeln, Schwierigkeiten bereiten. Denn wie sollen sie mögliche Sparmaßnahmen zur Sanierung der Staatsfinanzen vor jenen legitimieren, die sich am 16. Mai mit Spruchtafeln distanzierten, dass dies nicht ihre Krise sei?

In der säkularisierten Luxemburger Gesellschaft ist das von Benedikt XVI. und Erny Gillen verbreitete Bekenntnis längst nicht mehr Staatsreligion, sondern die allgemeine Verehrung einer Dreifaltigkeit aus Marktwirtschaft, Menschenrechten und Umweltschutz bis in Rundfunkkommentare, Moralunterricht und  Weihnachtsansprachen des Großherzogs. Ist die Wirtschafts- und Finanzkrise aber auch eine Krise dieses Weltbilds, drängt sich die Notwendigkeit von Ersatz auf. In politischer Reichweite liegt derzeit lediglich der Nationalismus in verschiedenen Schattierungen. Das Ergebnis des Referendums über den Europäischen Verfassungsvertrag von 2005 legt eine linke Ausformung nahe, wie sie Globalisierungskritiker und Genmais-Gegner anbieten. Während der Fraktionssprecher der CSV mit seinem Gesetzesvorschlag über den Roten Löwen auf der Landesfahne schon eine rechte anbot. 

Romain Hilgert
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