Die kleine Zeitzeugin

Wir sind alle Belgier_innen!

d'Lëtzebuerger Land vom 26.05.2017

Ein Land ist uns nah, zu nah, es ist nicht groß und großmäulig wie andere Länder, die uns auch nah sind. Deshalb kann man über dieses Land Witze reißen wie über einen kleinen Bruder, den niemand ernst nimmt, oder die Tante, die man zwar mag, sie ist ein bisschen schrullig, aber zu größeren Events lädt man sie besser nicht ein.

Es gibt ein Land in Europa, das in der öffentlichen Wahrnehmung nicht den Stellenwert hat, der ihm gebührt. Sein Ars Vivendi ist nicht weltbekannt, belgische Schönheitskönige fallen auf Anhieb nicht ein, sie haben weder das Pulver noch den Tango erfunden. Beim Songcontest gewinnen sie nie. Immer funktioniert etwas nicht, dabei sind sie nicht mal Süden, Sonne, Sex. Schokolade, Fritten, Comics fallen den Gebildeten vielleicht ein, und Hopfentropfen. Aber

wann, grübelgrübel, wandelte die Zeitzeugin zuletzt in Brüsseler Spitzen gehüllt? Das Brüsseler Monster hingegen kennt jeder. In einer unwirtlichen, unwirklichen Welt fernab der winzigen Frauen und Männer auf den Sofas heckt es Gräueltaten aus, zusammen mit Lobbyisten, Hinterfrauen, dubiosen Gestalten, den Mafiosi der Macht. Tarnname Europa, auch nicht Vertrauen erweckender. Was noch? Missbrauchte, tote Kinder tauchen in der Kollektiv-Gedächtnisgruft auf. Und Terroristen, ja, Terroristen natürlich, es gibt da anscheinend ganze Nester.

Und eine Regierung, die es fünf Jahre nicht gab. Wie in Somalia, höhö, mon Diö, quel bordel!

Ein Land, das ohne Regierung auskommt, gibt es etwas Sympathischeres? Etwas, was mehr von Vitalität und Lebenslust zeugt? In dem die Fleißigen und die Faulen sich in zwei Sprachen anknurren, ausländische Fernsehsenderinnen erwähnen das Wort Bürgerkrieger. Dann wurschtelt es wacker weiter. Mit Fritten, die wachsen hier immer noch, sie sind immer noch die besten, das Bier fließt immer noch durch das plat pays, Brel singt und wird immer singen. Wo in diesen Breiten tanzen in hundsgewöhnlichen Cafés alte Weiber an Sonntagmorgen ab wie in Luik Liège, nicht unbedingt auf den Tischen, Captain Haddock schwingt sein Holzbein, und Struppi singt? Wo gibt es überhaupt Cafés auf Schritt und Tritt, wo gibt es so unkomplizierte Leut-Seligkeit wie bei unsern Nachbar_innen? Wo eine Straßenbahn, in der Mensch von Ostend über Westend zuckelt bis zu Die Panne? An einem ewigen Kinderbuchsandstrand entlang, auf den auch Erwachsene dürfen? Wo gibt es Komik und Kathedralen, Mystik und Miesmuscheln? Wo Gemütlichkeit und Geheimnis zugleich? In Belgien schließen sie einander nicht aus.

Und wer ist so unprätentiös? Hat je jemand von belgischem Größenwahn oder belgischer Arroganz gehört? Leider werden die Netten nie gerühmt, meist auch nicht berühmt, Nettsein gilt als unsexy. Dabei ist es eine der höchsten menschlichen Tugenden.

Es ist aber jetzt an der Zeit, Belgien zu rühmen. Und wenn es nur aus egoistischen Motiven ist. Was Wissenschaftler_innen ausgebuddelt haben, wird unsere Belgien-
wahrnehmung nachhaltig revolutionieren. Auch unsere Eigenwahrnehmung. Identität, all das. Halten Sie sich fest an Ihrem Stammbaum!

Wir, Sie, ich, alle die auf diesem Connes-tinent seit Längerem, sagen wir seit circa 37 000 Jahren, ihr Wesen treiben, sind Belgier_innen! Das sagt uns das Schienbein unserer Vorfahrin. Wir alle haben das Belgische in den Genen. Unsere Gene sind in all den Migrationsströmen zwischen den Eiszeiten bis hinauf nach Belgien gespült worden, da tat Homo europäensis seinen Ureifreudensprung. Die erste Europäerin war Belgierin.

Wieso, es ist ja auch sonstwo schön gewesen und bestimmt wärmer, grübelt der gesunde Urmenschenverstand. Und was sagt eigentlich Mama Afrika dazu? Und Luxemburg? Wo genau verliefen denn die Grenzen in der Eiszeit? Wir sollten uns nicht genieren, unsere Gene einzufordern, sie notfalls vor den Europäischen Gerichtshof bringen, grübelt die immer etwas verstockte Stockluxemburgerin. Diese Studie hat Brüssel gesponsert, wittert der, der sich nichts vormachen lässt, kein X für ein U und schon gar kein belgisches Gähn. Schnell eine Portion Fritten, eine Tablette Schokolade, ein Trappistinnenbier, und bitte Tim und Struppi in der Eiszeit!

Michèle Thoma
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