Kino

Gabelstaplerkonflikte

d'Lëtzebuerger Land vom 07.12.2018

Es gibt Streifen, die gewollt auf Witz setzen (Sonnenallee, 1999) oder bedeutungsschwer und pädagogisch wie mit dem Hammer daherkommen (Das Leben der Anderen, 2006), um die Welt über die vermeintliche Realität der ehemaligen DDR aufzuklären. Stets mäandernd zwischen Saure-Gurken-Nostalgie und dem erhobenen Zeigefinger derjenigen, die wie einst Francis Fukuyama im Liberalismus das Erfolgsmodell und in der sozialen Marktwirtschaft das Ende der Geschichte sehen (gähn): Seht her, mit welch perfiden Methoden sich die Genossen im real existierenden Sozialismus ausspionierten! Und dann gibt es einige wenige, die jenseits jeder DDR-Nostalgie in kunstvollen Bildern zeigen, wie echte Solidarität aussehen kann; zum Beispiel in einem Supermarkt. So Thomas Stuber mit Zwischen den Gängen.

Dass Clemens Meyer, der gemeinsam mit Regisseur Stuber das Drehbuch zum Film schrieb (es basiert auf Meyers gleichnamiger Kurzgeschichte, die er 2008 in seinem Erzählband Die Nacht, die Lichter veröffentlichte), das Bedienen eines Gabelstaplers in Poesie zu verwandeln vermag, muss wohl daran liegen, dass er selbst drei Jahre als Gabelstaplerfahrer in einem Großmarkt gearbeitet hat. Für ihr Skript wurden Meyer und Stuber schon 2015 mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnet. Zu Recht.

Der Film entführt einen in den Mikrokosmos eines Großmarkts irgendwo in der sächsischen Provinz und besticht durch eine beeindruckende Kameraführung wie durch fantastische Regie. Zu den Klängen von Strauss’ An der schönen, blauen Donau als Ouvertüre wird man in den Großmarktalltag katapultiert, folgt das Auge dem schweigsamen, ungelenken Christian (Franz Rogowski), wie er sich staunend zwischen den Gängen bewegt, Paletten einräumt und den Gabelstapler mit Karacho gegen die befüllten Regale fährt.

Von der Aufschrift in Großbuchstaben: „SO SIEHT SIE DER KUNDE!“ über dem Spiegel in den trostlosen Umkleidekabinen bis hin zum ranzigen Kabuff des Abteilungsleiters oder dem Zoom in den Raum der Lehrlinge in der Berufsschule, in dem ihnen ein Warnvideo von Mitarbeitern gezeigt wird, denen durch mangelnde Vorsicht die Hände abgehackt werden wie in einem trashigen Zombiefilm, scheint die Zeit stehengeblieben. Das muffige Ambiente im Aufenthaltsraum des Supermarkts mit quietschbunter Palmentapete und Kaffeeautomat meint man förmlich zu riechen ...

Das Auge folgt Christian, wie er sich den blauen Kittel überstreift, seine Ärmel nach unten zieht, um seine Tätowierungen zu überdecken, folgt den Arbeitern des Großmarkts, wie sie in den Pausen abgelaufene Waren aus der Tonne fischen und Würstchen naschen oder wie sie diese an Heiligabend grillen und dabei Sprüche klopfend zechen. Die Liebe steckt im Detail und der langsamen Kameraführung (Peter Matjasko), der den Mikrokosmos meist von oben filmt, so dass man wie durch ein Kaleidoskop in die fremde Welt blickt.

In den Gängen zeigt echte Solidarität und Zusammenhalt auf der einen Seite und zugleich die Hoffnungslosigkeit der Verlierer der Wende. Und er zeigt mit Christian einen sympathischen Außenseiter, der sich in Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung verliebt. Wenn sich ein Rauschen über die Szene legt, in der Christian Marion das erste Mal zwischen den Regalen erblickt, fiebert man mit. Trotz dem unterlegten Meeresrauschen und der Palmentapete mit Sonnenuntergang im Aufenthaltsraum schafft es Stuber, Kitsch zu vermeiden. Die Hilflosigkeit seiner Protagonisten geht unter die Haut. Der Realismus seiner Bilder erinnert an die Dokumentarfilme Ulrich Seidls.

Solidarität ist die gemeinsame verbotene Zigarette auf der Toilette in der Dienstzeit und das Hamstern abgelaufener Ware. Romantik ist, wenn sich Marion aus der Süßwarenabteilung und Christian in der Kühlkammer des Supermarktes einen Eskimokuss geben.

In den Gängen von Thomas Stuber; Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber; Mit: Sandra Hüller, Franz Rogowski, Peter Kurth; Kamera: Peter Matjasko. Deutschland 2018/125 Minuten

Anina Valle Thiele
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