Drogenszene

Das Hase-und-Igel-Prinzip

d'Lëtzebuerger Land du 17.01.2008

„Wir müssen den Druck aufrechterhalten“, meint Marc Colbett. Der Leiter der fünfköpfigen Drogenspezialeinheit der hauptstädtischen Polizei mischt seit vielen Jahren ganz vorne mit im Kampf gegen illegale Drogen. „Wir müssen mit den Dealern Schritt halten“, beschreibt er das Hase-und-Igel-Rennen. Weil sich die Dealer immer besser organisieren, sei es immer schwieriger, an die Hintermänner zu kommen. Unter Druck geraten ist die luxemburgische Szene dennoch: weil die Polizei, in enger Kooperation mit Kollegen aus den Nachbarländern, die Anzahl der Grenzkontrollen erhöht hat und einige Verhaftungen landen konnte.

Clevere Dealer aber haben umgestellt: Anstatt dass sich Unterhändleraus Luxemburg auf riskante Reise begeben und den Stoff in Holland oder Belgien abholen, kommen vermehrt Händler nach Luxemburg, wo sie den Vertrieb direkt vor Ort regeln. Ungeachtet dessen gibt es weitere Erfolgsmeldungen. Unvergessen ist der spektakuläre Fang vor anderthalb Jahren, als es Drogenfahndern der hauptstädtischen „Section de recherche et d’enquêtes criminelles“ gelang, einer Bande aus Rotterdam das Handwerk zu legen, die auf LuxemburgerRaststätten vor allem französische Drogentouristen mit Heroinversorgte. Über Verbindungsmänner wurden potenzielle Käufer mit ihrem Wagen zu einem Versteck gelotst, wo dann der eigentliche Deal stattfindet. Dass die Kontaktaufnahme vermehrt über Internet abläuft und die Zwischenmänner selbst meistens keine Drogen mit sich führen, erschwert die polizeilichen Ermittlungen mitunter erheblich.

Heroin ist aber nicht die einzige Sorge der Fahnder. Das Opiat hat invergangenen Jahren an Popularität erheblich verloren, auch wenn das Spritzen von „H“ – in Verbindung mit anderen Drogen – zum häufigsten Konsummuster Luxemburger Drogenabhängiger zählt. Die häufigste Droge ist laut nationalem Drogenbericht Kokain. Die einstige Party- und Edeldroge ist wie alle anderen Rauschgifte in den vergangenen Jahren immer billiger geworden und längst auch auf der Straße der Verkaufsrenner. Dort wird sie in stark verdünnter Form eingenommen, sei es durch Milch- oder Traubenzucker, Lokalanästhetika oder Koffein, mit der Folge, dass Süchtige öfter spritzen müssen. Nach Auskunft der Polizei dominiert auf demhiesigen Drogenmarkt Ware von „zehn, zwölf Prozent“ Reinheit, vorallem importiert aus Holland. Höhere Werte von 30 Prozent undmehr sind selten. „Die Ware wird sogleich gestreckt, schließlich wollen die Kleindealer auch daran verdienen“, sagt Drogenfahnder Colbett.

Der Trend zum Kokain als Alltagsdroge ist nicht auf Luxemburg beschränkt. Dem Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle von Drogen und Drogensucht EBDD zufolge hat Kokain Amphetamine und die Partydroge Ecstasy vom zweiten Platz bei den meistkonsumierten illegalen Drogen Europas verdrängt. Nur Cannabis ist noch weiter verbreitet. Über das genaue Ausmaß der Kokainproblematik herrscht, zumal es mindestens zwei Szenen gibt, Unklarheit: den „Normalbürger“ mit Schlips und Kranken und den Süchtigen auf der Straße, der das Pulver zusammen mit Opiaten gebraucht. Über die Edelkokser liegen kaum Informationen vor, im Europabericht werden jedoch mehr als drei Viertel der Kokspatienten als „sozial stärker integriert“ beschrieben. Etliche von ihnen lassen sich in Privatkliniken behandeln, um nicht als Rauschgiftabhängige erkannt zu werden. Von einer Studie des CRP-Santé über das Drogenverhalten in der Gesamtbevölkerung,die in diesem Jahr starten soll, erhofft sich das Gesundheitsministerium Informationen über diese schwer zugängliche Szene.

Europaweiter Kokain-Boom und polizeiliche Erfolgsmeldungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Drogenproblem in Luxemburg nach wie vor enorm ist. Zwischen 2500 und 2800 lautet die offizielle Zahl derer, die illegale Rauschmittel konsumieren. Das entspricht einer Stabilisierung auf hohem Niveau. Insider gehen sogar von einer höheren Dunkelziffer aus. Immer öfter greifen Fahnder Süchtige aus der Grenzregion und darüber hinaus in luxemburgischen Straßen auf. „Sie kommen aus Trier, Thionville,Metz und Arlon, und sogar von noch weiter“, sagt Colbett. Für den Drogenkoordinator Alain Origer ist die hohe Konsumentenzahlaber kein Beleg dafür, dass die nationale Drogenpolitik gescheitertwäre: „Erfolg bedeutet heutzutage schon, wenn es gelingt, die Zahl der Drogenabhängigen einigermaßen stabil zu halten.“ Eine Aussage des Direktors der in Lissabon ansässigen EBDD scheint ihm Recht zu geben.

Der hatte bei der Vorstellung des Jahresberichts ebenfalls von einer„Stabilisierung“ und in dem Kontext von Anlass zu „vorsichtigemOptimismus“ gesprochen. Die Konsumentenzahl und die steigendeZahl der Therapiewilligen führt Origer als Beweis an, dass der nationale Aktionsplan gegriffen habe. Er soll Ende des Jahres evaluiert werden. 

Andererseits ist beim deutschen Nachbarn die Quote der Erwachsenen, die illegaleDrogen konsumieren, seit 2000 gesunken. Besonders unter den Jugendlichen sei der Rauschgiftgebrauch rückgängig, heißt es im nationalen Drogenbericht. So hat sich die Quote der 14- bis 16-Jährigen, die mindestens einmal Cannabis geraucht haben, von 22 auf aktuell 13 Prozent verringert. In Luxemburg ist der umgekehrte Trend zu beobachten: DasDurchschnittsalter sinkt weiter. Bei den Elf- bis 13-Jährigen gaben erstmals über 35 Prozent an, schon einmal einen Joint geraucht zu haben. 

Ob die Einschätzung luxemburgischer Drogenfahnder, Entwicklungen aus dem Ausland seien „zwei bis drei Jahre später auch bei uns zu finden“, hier ebenfalls zutrifft, ist fraglich. Anders als in Deutschland sind die Therapieangebote noch immer recht dünn, ein Ausbau ist bisher nicht geplant. Eine regelrechte Entzugs- und anschließende Verhaltenstherapie speziell für Cannabis-Süchtige, wie das deutsche Candis-Programm, fehlt gänzlich. Immerhin: Das Projekt „Choice“ von der „Solidarité jeunes“ der Ärzte ohne Grenzen haben im vergangenen Jahr etwa 70 Jugendliche besucht.Eine externe Evaluation fehlt bisher, Leiter Alain Massen geht jedoch von positiven Effekten aus.

Besorgniserregend auch die Zahl der durch illegale Drogen Gestorbenen: Nachdem sie die letzten Jahre stetig zurückgegangen war, steigt sie seit 2006 wieder. Und sie wäre wohl noch höher, gäbe es da nicht den Drogenkonsumraum Tox-In, im Volksmund bekannt unter dem Namen Fixerstuff. Die ist besser als ihr, durch die Diskussionen und Agitationen in der jüngsten Vergangenheit,angekratzter Ruf: Weil sie den Spritzvorgang überwachen, konntenaufmerksame Mitarbeiter etliche Fälle von Überdosierungen sofortbehandeln. Auch Fahnder Marc Colbett lobt die „wichtige Arbeit“der Sozialarbeiter. Immerhin sei es der Einrichtung zu verdanken, dass „wir nachts weniger Ärger haben und die Leute von der Straße sind“.

Die Bürgerinitiative Stëmm vu Bouneweg ficht das nicht weiter an. Deren Präsident Alain Biren sammelt eifrig Unterschriften gegen die definitive Struktur, die ursprünglich nach Bonneweg kommen sollte.4 500 sollen es sein, amMontag wird die Petition dem Parlament überreicht. Der Zeitpunkt ist klug gewählt: Die Liste mit den wohl zwölf Alternativstandorten ist soeben fertig und geht nun an den Gesundheitsminister und den Bürgermeister, um geprüft zu werden. Drogenkoordinator Alain Origer will die Liste nicht weiter kommentieren, und auch Gilles Rod, neuer Leiter des „Comité de défense sociale“, zu der das Tox-Ingehört, hält sich raus: „Das ist eine politische Frage, in die wir uns nicht einmischen.“ Fakt istaber: Die Zeit rängt, die Containerstruktur an der Route de Thionville ist arg in Mitleidenschaft gezogen und platzt zudem aus allen Nähten.

Bei der polemischen, den hauptstädtischen Oppositionsparteien wohlnicht ganz ungelegen kommenden Standortdebatte, gerät die Komplexität des Drogenproblems weitgehend aus dem Blick. Das eignet sich nicht für Ad-hoc-Lösungen. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet die Gegner einer definitiven Fixerstube in Bonneweg vehement die rasche Einführung der kontrollierten Heroinabgabefordern. Dass die staatlich kontrollierte Abgabe von synthetischhergestelltem Heroin Langzeit-Schwerstsüchtigen helfen kann, wieder Tritt zu fassen und, vom Beschaffungsdruckbefreit, ein einigermaßen menschenwürdiges Leben zu führen, haben ausländische Modellversuche und Studien zur Genüge bewiesen(d’Land vom 9.03.07). 

Doch auch bei diesem Projekt wird sich die Frage stellen, wo es untergebracht werden soll: bei den Krankenhäusern, bei Ärzten oder im Tox-In? Im Frühjahr will die aus Drogeneinrichtungen, Ministerium und Ärzten bestehende Arbeitsgruppe ein Konzept für ein Pilotprojekt vorlegen, dessen Start, so der Drogenkoordinator, aber frühestens für 2009 zu erwarten sei. Ohnehin geht es bei den Nutzern der Fixerstube um einige Hundert, das Abgabeprogramm aber wird auf 20 bis 30 sorgfältig ausgewählte Leute beschränkt sein. Das sind vielleicht gar nicht die, die derzeit im Tox-In ein- und ausgehen. Ein anderer Standort ist auch keine echte Lösung: Das Problem würde lediglich aufgeschoben und verlagert.

Auf die Dauer vielversprechender könnte ein anderer Ansatz sein, über den Gesundheitsministerium, Drogenkoordinator, Spitäler und Drogeneinrichtungen derzeit beraten: Die „therapeutische Kette“ soll besser organisiert werden, das heißt bestehende Therapie- und Hilfeangebote sollen ausgebaut und enger vernetzt werden. Außerdem ist ein Beschäftigungszentrum geplant, dass Ex- oder Noch-Süchtigen den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern soll. Zwei Drittel aller Drogenabhängigen in Luxemburg sind arbeitslos. Vor allem aber sollen zum Ausstieg aus der Sucht Entschlossene schneller einen Entzugs- und Therapieplatz finden können, denn erfahrungsgemäß sind die Erfolgschancen am Beginn einer Drogenkarriere am höchsten. 

Weil aber die Nachfrage nach Entgiftungen ständig steigt – auf 461Süchtige kamen im Jahr 2005/2006 600 Entgiftungen – schaffen es die Spitäler nicht mehr, den großen Andrang zu bewältigen. Nicht wenige Süchtige aber nutzen die Entgiftung, bei der dem Körper die schädlichen Stoffe entzogen werden und die als Voraussetzung für eine Therapie gilt, um sich eine Pause zu gönnen – um danach mit dem Fixer-Dasein weiterzumachen. Für die Krankenhäuserbedeutet dies, Betten für „Notfälle“ freihalten zu müssen, während andere, die ernsthaft eine Therapie beginnen wollen, warten müssen.

Neben einer eventuellen Ausdehnung der Bettenzahl soll ein Register nun helfen, die medizinisch-therapeutische Betreuung in geordnetere Bahnen zu lenken. Es erfasst diejenigen Drogenabhängigen, die an einem Beratungs-,Therapie- oderSubstitutionsprogramm teilnehmen wollen oder bereits teilgenommenhaben. So sollen Mitnahme- und Drehtüreffekte vermieden werden:Süchtige, von denen die meisten eine Vielzahl von psycho-sozialenProblemen haben, kommen nach der Entgiftung dem Krankenhaus,finden keine adäquate Unterstützung und kehren, früher oder später,wieder ins Krankenhaus zurück. 

Auch den Methadon-Schwarzmarkt hofft das Gesundheitsministerium damit in den Griff zu bekommen. Bei den Überdosis-Fällen ist der Anteil derjenigen, in denen offenbarillegal gehandeltes Methadon eine Rolle spielte, gestiegen. Damit würde sich die Regierung an ein heißes Eisen wagen: Als in Deutschland der Spiegel über kriminelle Ärzte und schlampige Kontrollen bei der Methadonabgabe berichtete und Krankenkassendaraufhin zusätzliche Sicherheiten forderten, hagelte es Proteste seitens der Ärzteschaft. Erst als die Staatsanwaltschaft ermittelteund einige dreiste Geschäftemacher dingfest machen konnte, ebbte die Kritik ab. Es gibt Hinweise, dass das in Luxemburg ähnlich sein könnte. 

Es gebe Ärzte, die zu schnell und ohne dass beim Patienten eine psychosoziale Betreuung gewährleistet wäre, die begehrte Ersatzdroge verschrieben, meint der Drogenkoordinator und beruft sich auf eine Studie. Um Missbrauch zu verhindern, soll Methadon künftig nur dann abgegeben werden, wenn sichergestellt ist, dass der Patient nicht schon über einen anderen Arzt behandelt wird. Das wird per Register nachgeprüft. Die Testphase ist im Gange, inden nächsten Wochen soll der Versuch verallgemeinert werden.

Aus Datenschutzgründen habe die Polizei auf das Patienten-Register keinen Zugriff, versichert Alain Origer. Die großen Fische, die Drogenhändlerbanden, bekommt sie darüber ohnehin nicht. Die kamen bisher aus dem Ausland. Es könnte bald noch dicker kommen: Noch nie haben europäische Fahnder so viel Heroin beschlagnahmt wie in den letzten beiden Jahren, berichtet die EBDD. Folgen der andauernden politischen Krise in einemder weltweit größtenOpium-Anbauländer, Afghanistan, – die eines Tages wahrscheinlich auch in Luxemburg zu spüren sein werden.

Ines Kurschat
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