Der LSAP-Gesundheitsminister will nicht Vorreiter in puncto Cannabislegalisierung sein. Deshalb fahren Luxemburger Cannabis-Patienten für ihr Medikament ins Ausland

Teufelskraut? Medizin!

d'Lëtzebuerger Land vom 14.12.2012

„Was der Gesundheitsminister meint, ist mir inzwischen egal. Es geht um meine Gesundheit und um mein Leben.“ Edgar K. ist wütend. Er hat zunächst gezögert, mit Journalisten zu sprechen, denn „die stellen uns meist als Kiffer und Abhängige dar“. Uns – damit sind Frauen und Männer in Luxemburg gemeint, die auf Cannabis als Medizin angewiesen sind, die ohne den Wirkstoff nicht mehr leben können oder wollen. Und die sich wegen ihres Cannabiskonsums diskriminiert fühlen.
Edgar K. hatte Krebs, zweimal musste er operiert werden, die Folgen setzen ihm heute noch zu. Noch mehr Schmerzen aber bereitet ihm sein Rückgrat. Edgar K. hat Spondylolisthesis, eine Wirbelinstabilität, die dazu führt, dass Wirbelkörper auf die Rückennerven drücken. Bei Edgar bohrt sich ein Wirbelstück so tief und ist nicht zu operieren, dass er vor Schmerzen nicht sitzen und auch nicht liegen kann. „Ohne Cannabis wüsste ich nicht, was ich tun sollte.“ Das Mittel bekommt Edgar von einem deutschen Facharzt verschrieben. Mit dem Rezept fährt er in die Niederlande. In einen kleinen Ort hinter Maastricht gibt es eine Apotheke, die ausländischen Patienten gegen Rezept und ganz legal medizinische Cannabisprodukte aushändigt.
Edgar K. ist auch einer von mehreren Patienten, die in der Affäre Jean Colombera als Zeugen angehört wurden. Dem Arzt aus dem Norden wird vorgeworfen, 25 Patienten regelmäßig Cannabismedikamente ohne die ministerielle Erlaubnis verschrieben zu haben. Er stand deshalb Ende November vor dem Bezirksgericht in Diekirch.
Seit Jahren setzt sich der Arzt und ADR-Abgeordnete dafür ein, Cannabis zu legalisieren und insbesondere für medizinische Zwecke freizugeben. „Sein therapeutischer Nutzen ist längst bewiesen, auch wenn das verschiedene Leute in Luxemburg nicht wahrhaben wollen“, sagt Colombera im Land-Gespräch. Der Arzt hatte Bediol und Bedrocan verschrieben, das ist Cannabis in Reinform, von dem aber, betont Jean Colombera, keine psychoaktive Wirkung ausgehe. „Cannabis-Kranken geht es nicht um den Rausch, sie wollen ihre Schmerzen lindern“, ist er überzeugt. Über Jahre hatte der Abgeordnete in parlamentarischen Anfragen wiederholt auf die missliche Situation von Luxemburger Cannabis-Patienten hingewiesen.
Im Oktober 2010 hatte Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo  (LSAP) noch betont: „Im Moment ist es nicht möglich, Cannabis als Medikament zu verschreiben, weil es nicht als Medikament anerkannt ist – und dies nicht nur in Luxemburg nicht.“ Noch sei kein solches Medikament zugelassen, das könne sich ändern. „Und dann ist durchaus anzunehmen, dass das Medikament auf Basis von Cannabis auch bei uns in Luxemburg  registriert wird“, so Di Bartolomeo. Im Klartext: So lange keine Arzneimittelfirma einen Antrag stellt, ihr Medikament in Luxemburg zugelassen zu bekommen, können Cannabis-Patienten ihre Medizin hierzulande nicht kaufen – obwohl das Gesetz dies grundsätzlich erlaubt. In Großbritannien, Spanien, den Niederlanden, Kanada und verschiedenen US-Bundesstaaten sind Medikamente mit Cannabinoide (siehe Kasten) seit längerem zugelassen, im Frühjahr 2011 zog Deutschland nach, allerdings verschreibungspflichtig nach dem Betäubungsmittelgesetz. Weil in den Niederlanden der Gebrauch von Cannabis zu medizinischen Zwecken seit 2003 zugelassen ist, verschrieb Colombera das Medikament über diesen Weg.
Wer jedoch in Luxemburg als Rauschmittel eingestufte Substanzen verschreibt, muss dafür einen roten Schein ausfüllen, der dem Gesundheitsminister vorzulegen ist, der so die Abgabe der an sich verbotenen Droge kontrolliert. „Weil es in den Niederlanden ohne Sondergenehmigung geht, habe ich den Zettel nicht ausgefüllt“, so Colombera, der nun per parlamentarischen Anfrage das Genehmigungsverfahren geklärt haben will.
Der Fall Colomberas lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Janusköpfigkeit der aktuellen Drogenpolitik, nicht nur in Luxemburg, sondern europaweit. Wer Cannabis zu Rauschzwecken konsumiert und dabei erwischt wird, kommt hierzulande zwar nicht mehr ins Gefängnis, muss aber mit einer Geldstrafe und einer polizeilichen Verwarnung rechnen. Noch immer fällt den meisten beim Stichwort Cannabis kiffende Jugendliche ein. Dass Cannabis gerade junge Menschen psychisch abhängig machen und das noch in der Entwicklung befindliche Gehirn schädigen kann, ist unter Experten unbestritten. Unbestritten ist aber auch, dass Cannabis keine Einstiegsdroge für Heroin oder andere körperlich abhängig machende Substanzen ist – und sogar therapeutischen Nutzen hat. Sein Schmuddelimage ist Cannabis trotzdem nicht los.
Alarmierende Meldungen über vermehrte Funde von erhöhten THC-Werten in Cannabis tragen im Gegenteil dazu bei, dass die politischen Diskussionen um die Pflanze, nach einer kurzen Phase der Liberalisierung, wieder konservativer geführt werden. Tetrahydrocannabinol (THC) ist ein Wirkstoff im Cannabis, der unter anderem für den euphorischen Rausch sorgt. „Normalerweise liegt der THC-Gehalt einer Cannabispflanze bei sechs bis 15 Prozent, doch wir haben Cannabis mit Werten von 20 bis sogar 40 Prozent gefunden“, warnt Alain Origer, Drogenbeauftragter im Gesundheitsministerium.
In den Niederlanden schreibt die Regierung neuerdings THC-Werte von 15 Prozent vor und hat die Bedingungen, zu denen in den Coffeshops Cannabis gekauft und konsumiert werden darf, deutlich verschärft. Um den Zuzug von Drogentouristen zu bremsen, dürfen nur noch Einwohner, die in den Niederlanden gemeldet sind, im Coffeeshop einkaufen. Der Wietspass, der die regelkonforme Abgabe kontrollieren sollte, konnte sich aber nicht durchsetzen und wurde in diesem Herbst schon wieder abgeschafft. Cannabisbefürworter kritisieren die repressive Linie der konservativen Regierung. Denn obwohl die Niederlande lange Zeit die liberalsten Gesetze in ganz Europa hatte, was den Konsum von Cannabis betraf – die Produktion war davon stets ausgenommen. Sie blieb verboten, was, so sagen Experten, dazu führte, dass illegale Banden den Markt mit gestrecktem, verunreinigtem Cannabis mit erhöhten THC-Werten überschwemmten.
Der Cannabis aus dem Coffeeshop hat mit dem Cannabis zu therapeutischen Zwecken wenig zu tun. Cannabis mit erhöhten THC-Werten ist für verschiedene Therapien nicht geeignet, je nach Krankheit sind andere Wirkstoffe der Pflanze wichtiger. Firmen wie Bedrocan bauen streng kontrollierten standardisierten Hanf auf geheimen Plantagen bei Groningen an. Vertrieben wird er in der Apotheke. Weil keine Krankenkasse für diese Medizin bezahlt, ist die Therapie verhältnismäßig teuer. „Mich kostet die Schmerzbehandlung, Fahrtkosten eingerechnet, jedes Mal um die 1 000 Euro“, berichtet Edgar K. Er braucht eine hohe Dosis täglich, sonst hält er die Schmerzen nicht aus. Ein gutes Geschäft für die Pharmaindustrie. Alternativen wie Morphium, ein Opiat, das körperlich abhängig machen kann, kamen für K. nicht in Frage. Die Nebenwirkungen waren zu stark.
Patienten wie Edgar K. und die rund 2 600 Unterzeichner der Cannabis-Petition, die vor zwei Wochen dem Parlamentspräsidenten Laurent Mosar überreicht wurde, fordern daher außer der Straffreiheit von Cannabis als Medizin auch Straffreiheit für den Eigenanbau: Jeder Patient sollte Cannabis zur Selbstmedikamentation anbauen dürfen.
Spanien und Belgien gehen einen anderen Weg: Dort dürfen lizenzierte Social Clubs Gras verkaufen. Die Clubs sind privat, wer Cannabis erwerben und dort rauchen will, muss Mitglied sein. Doch die Zulieferung stellt die Clubbetreiber auch dort vor ein Problem, denn der Anbau von Haschisch ist in Spanien und Belgien weiterhin verboten. Ein kleines Dorf in Nordspanien beschloss zwar im Februar via Volksentscheid, fortan sieben Hektar für den Cannabisanbau zu nutzen. Doch dass das ein gängiges Geschäftsmodell wird, ist unwahrscheinlich. Folglich bleibt spanischen Patienten nur, entweder Gras illegal selbst anzubauen – oder es einzukaufen und dafür oft viele Kilometer zu fahren.
So erklärt sich auch der Patientenfrust und der Ärger auf die Politik hierzulande: Statt eine Vorreiterrolle in diesem Gebiet zu spielen und Hürden für Cannabispatienten abzubauen, wartet der sozialistische Gesundheitsminister in Luxemburg ab.
Die Haltung färbt ab. Auch auf dem Gebiet der Cannabis-Forschung tut sich – offiziell – in Luxemburg kaum etwas. Studien müssten aufwändig durch den Ethikrat genehmigt werden. Land-Informationen zufolge aber haben Luxemburger Wissenschaftler inoffizielle Tests mit Cannabis durchgeführt – und dabei ähnliches festgestellt wie ihre ausländischen Kollegen: dass Cannabinoide das Wachstum von Krebszellen hemmen. Spannende Aussichten für Krebspatienten, doch erstaunlicherweise zeigt die Fondation Cancer kein Interesse, derlei Studien zu unterstützen. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das in Zukunft passieren wird“, so Verwaltungsratspräsident Carlo Bock energisch. Er glaubt persönlich nicht „an Cannabis als Revolution im Kampf gegen Krebs“, so der Onkologe, der als Beweis eine Studie aus Kalifornien von vor 25 Jahren zitiert. Auch der Gesundheitsminister dämpfte in seiner Antwort im Oktober 2010 allzu hohe Erwartungen. „Morphium brauchte ein lange Zeit, bis es erforscht war und es sich als Schmerzmittel etabliert hat“, so der Drogenbeauftragte Alain Origer.
Doch eben daran ist die Politik nicht unschuldig: Sie hat jahrzehntelang das Image von Cannabis als gefährliches abhängig machendes Rauschmittel mittels einer mehr oder weniger repressiven Politik gefördert, weshalb es allgemein schwierig ist, Forschung in diesem Feld überhaupt finanziert zu bekommen. Jetzt, wo Pharmafirmen großes Geld mit dem Geschäft von Cannabis wittern, scheint die Politik allmählich umzudenken. Im Januar 2013 soll in Luxemburg das erste Medikament auf Cannabis-Basis auf den Markt kommen: Sativex ist ein Antispastikum, das als Medikament bei der Behandlung von Multiple-Sklerose-Patienten eingesetzt wird. Patienten wie Edgar K., die auf andere Cannabis-Medikamente angewiesen sind, werden sich weiterhin gedulden müssen.

Cannabis als Medizin
Patienten und Wissenschaftler setzen sich seit Jahrzehnten für die Legalisierung von Cannabis zu Heilzwecken ein. Die Verwendung von Cannabis als Arzneimittel hat eine jahrtausendealte Tradition, die moderne Forschung begann in den 1960-er Jahren. Ein Meilenstein in der Cannabis-Forschung war die Entdeckung des so genannten Endocannabinoid-Systems mit seinen Rezeptoren und endogenen Liganden ab Ende der 1980-er, das die Grundlage für das Verstehen der Wirkungsweise der Cannabinoide bildet (Quelle u.a.: cannabis-med.org, Wikipedia).
Neuere Studien zeigen, dass die Wirkstoffe Cannabidiol und Tetrahydrocannibinol in der Schmerzbehandlung, bei chemoinduzierter Übelkeit, bei Mangelernährung, bei der Auszehrung bei Aids und Krebs sowie bei der Verringerung von Muskel-Dauerverkrampfungen Linderung bringen können. In einer Studie mit Ratten wies der spanische Forscher Manuel Guzman bereits vor zwölf Jahren nach, dass Cannabinoide das Wachstum von Krebstumoren hemmen können.
Acht Jahre später entdeckten die deutschen Pharmakologen Robert Ramer und Burkhard Hinz von der Universität Rostock einen Mechanismus, der die Antikrebswirkung von Hanf erklärt. Sie wiesen in Versuchsreihen mit Gebärmutterhals- und Lungenkrebszellkulturen nach, dass Cannabinoide auch das Eindringen von Tumorzellen in das Blut- und Lymphsystem blockieren. Über diesen Weg können sie sich im ganzen Körper ausbreiten und Metastasen bilden. Ermöglicht wird die Ausbreitung durch Gewebe zersetzende Enzyme, die die Krebszellen herstellen. Der Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol bewirkt offenbar, dass die Zellen einen Hemmstoff gegen diese Enzyme bilden und somit die Tumorzellen blockiert sind.

Ines Kurschat
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