Müller, Paul: Gebündelte Erfahrungen eines Hausmanns Bd. 3

Tipps mit Chips und Schwips

d'Lëtzebuerger Land vom 21.12.2012

Wer hätte das gedacht: Die Wohndummies weilen immer noch unter uns. Auch nach Band 2 der „Gebündelten Erfahrungen eines Hausmannes“ ist daher noch nicht Schluss mit der geballten Wohnfachkraft. Mit seinem dritten Anlauf zu Tipps mit Links hatte es Paul Müller auch dieses Jahr wieder bis an die Spitze der luxemburgischen Bestsellerliste geschafft, jedenfalls kurzfristig, denn gegen die glamourösen Hochzeitsbroschüren und den Appeal von Hüten, Tüll und Küsschen haben Haushaltsratgeber natürlich keine Chance.
Immerhin: Im November suchten die Käufer einheimischer Buchveröffentlichungen zu mutmaßlich Hunderten Zuflucht beim Vademecum aus der Feder des erprobten Wohnexperten. Der November lud ja mit seiner unterdurchschnittlichen Anzahl an Sonnenstunden nachdrücklich zum Stubenhocken ein. Wie deprimierend wird das miese Wetter erst, wenn man feststellt, dass man selbst beim Wohnen nichts gebacken bekommt! Gerade in solchen Fällen ist man bei Müllers drittem Band der Tipps goldrichtig: Neben schlauen Ideen für allerhand Alltagssituationen in den eigenen vier Wänden legt der findige Hausmann diesmal besonders viel Wert auf Küche und Ernährung. Das zeigt auch, dass
er sein Zielpublikum mittlerweile bestens einschätzen kann, ziehen in Luxemburg doch seit jeher vor allem diejenigen Bücher, die mindestens eines der drei Nationalthemen (Kochen, Krimi, Luxemburg-Fetischismus) ansprechen.
Erster Tipp: Beim Backen von Obstkuchen soll man den Kuchenboden mit Haferflocken bestreuen, damit die Feuchtigkeit aus dem Obst nicht nach unten durchsuppt (sinngemäß S. 6). Wer schon einmal Obstkuchen gebacken hat, weiß natürlich, dass es eine dünne Schicht Mehl auch täte, aber das rein Praktische scheint hier nicht mehr letzter Zweck zu sein: Müsli im Kuchen „ist gesund“! Nächster Tipp: Beim Salz solle man aufpassen: Es droht Bluthochdruck (S. 12)! „Besser wohnen“ meets „gesünder essen“ als Stoßrichtung von Band 3 der Müllerschen Wohnunterstützung? Bemüht sich der Autor etwa um eine erfrischende Sichtweise auf sein Dauerthema? Man muss schon ein paar Seiten weiterlesen um zum Schluss zu gelangen: wohl eher nicht.
Vom mutmaßlich gesunden Kuchen geht Müller nämlich schnell zu Gerichten über, die ebenfalls nicht für ihren Vitamingehalt bekannt sind, und verschlimmbessert sie zu wahren Cholesterinhämmern: Bratkartoffeln solle man vor dem Servieren mit gebräunter Butter beträufeln, weil sie dann „besonders köstlich“ schmeckten (S. 7), Schimmelbildung auf Marmelade verhindere man durch die Beigabe von Schnaps (S. 17) und Cremesuppen veredele man durch Zufügen von „Salamichips“: „Dünne Scheiben in etwas Öl kross rösten“ und
so weiter (S. 29). Uff. Die Leber dankt.
Dass er von den klassischen Mitteln zur Verfeinerung von Speisen in der Tat nur wenig hält, macht der Autor in den „Kräutertipps“ überdeutlich. Etwa ein Drittel landet in Duftsäckchen, als Abschreckmittel gegen Hunde mit dringenden Bedürfnissen auf dem guten Teppich (S. 76), als Dekoration auf dem Tisch oder als geschmacklose Geschenkidee auf einem Stück Küchenpapier: die Zahl des Jubiläums eine Woche vor dem Anlass mit Kressesamen ausstreuen „und warten, bis die Zahl sprießt. Mit einem Quark-Dip verschenken“ (S. 40).
Unverwüstlich wie der Magen des Autors ist allem Anschein nach sein Glaube an die Mehrfachverwendung von haushaltsüblichen Gegenständen und Materialien, der treuen Lesern schon aus den ersten Bänden geläufig sein dürfte. Nylonstrümpfe werden vor Kellerfenster gespannt, die Gelatine an die Wand genagelt, das Wurstwasser kommt in den Eintopf und die Plastikschalen von Pralinenschachteln, die in Band 2 noch dazu verwendet wurden, um Butter zu hübschen Knubbeln zu verarbeiten, sollen jetzt für so genannte „Joghurtpralinen“ herhalten, die – immerhin – zum Obst serviert werden sollen.
Wer dann doch zu häufig die „tolle Knolle“ als „Beilage für Gerichte mit viel Sauce“ verwendet (wozu sich vorwiegend festkochende Kartoffeln „ideal“ eignen, siehe S. 22) oder zu Chips gehobelt und gebacken hat, wird am Ende nicht allein gelassen. Auch gegen den „Heißhunger“ hat Müller nützliche Tipps parat (S. 72), darunter zum Beispiel: „ablenken“, „Kiesel lutschen“ und „Zähne putzen“, was vielleicht auch als Kombilösung nicht zu verachten wäre.

Elise Schmit
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