Nach den Schülerprotesten fürs Klima – wie nachhaltig ist das politische Engagement der Jugend?

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d'Lëtzebuerger Land du 11.10.2019

„Change the system, not the climate!“, skandierten rund 3 000 überwiegend jugendliche Teilnehmende beim Fridays for Future-Marsch am Freitag vor zwei Wochen auf der Place Clairefontaine. Eingeheizt wurde ihnen von der US-amerikanischen Sängerin und Liedermacherin Amanda Palmer, die am selben Abend einen Auftritt im Konservatorium hatte.

Angesichts des Bündnisses von Jugendverbänden, mehreren Umweltorganisationen und Gewerkschaften sprechen Kommentatoren vom Aufkommen einer neuen Jugendbewegung, die sich für den Erhalt des Planeten einsetze und keine Lust mehr habe, sich mit Politikerfloskeln abspeisen zu lassen. Angeführt von einer jungen Frau, die es mit ihren Sitzstreik jeden Freitag vorm schwedischen Parlament zu Weltruhm brachte und dank ihrem unbeirrten Einsatz fürs Weltklima (nicht zuletzt von den Medien) in den Status einer Pop-Ikone gehoben wurde, hat die Bewegung Fridays for Future auch in Luxemburg an Zulauf und Zustimmung gewonnen. Rund 8 000 SchülerInnen folgten dem Protestaufruf von Youth for Climate Luxembourg am 15. März.

Militante Jugendbewegung? Die Wochenzeitung Woxx geht sogar so weit und schließt angesichts knackiger Slogans wie „Ändert das System, nicht das Klima“ eine weitere Radikalisierung in naher Zukunft nicht aus, auch wenn wohl keine „Fensterscheiben eingeschlagen“ würden oder Autos brennen. Da scheint die eigene Begeisterung der Journalisten den Blick auf die Realität doch leicht zu verzerren.

Radikale Klimaaktivisten wie Extinction Rebellion (XR), die mit inklusivem Gendersternchen, Kinderwagen und Megafon Hauptverkehrsknotenpunkte in Berlin und London lahmlegen und nach dem Name-and-Shame-Prinzip Botschaften von Umweltsünder-Länder blockieren, sucht man hierzulande vergebens. Eine symbolische halbe Brückenbesetzung war das Maximum der aufständigen Gefühle in einem Land, wo bereits ein streunender Hund auf der Straße oder eine falsch geschaltete Ampel zum mittleren Verkehrskollaps führen. Die bloße Ankündigung, dass es für den Streik am Freitag im Gegensatz zum Protestmarsch im März kein Schulfrei geben werde, habe nicht wenige Jugendliche davon abgehalten, sich an der Demonstration zu beteiligen, so die Einschätzung einer Lehrerin, die am 27. September mitmarschiert war. Aus Angst, den Schulausfall später auf der Zensur oder im Zeugnis vermerkt zu finden.

Ob es den Jungen und Mädchen, die auf die Straße protestierten, allerdings wirklich um einen System-umsturz geht, also um eine Fundamentalkritik an der kapitalistischen Wirtschaftsweise und um einen radikalen Bruch mit ihr, darf man angesichts der Aktionsformen, die neben den Demonstrationen stattfinden, bezweifeln: Es stimmt, in den Grundschulen und Lyzeen mehren sich Klimaaktionen und Umweltinitiativen. Jugendliche sammeln Müll ein, verlangen weniger Fotokopien im Unterricht und dafür mehr I-Pad-Einsatz, um dem Abholzen der Wälder entgegenzuwirken. Bei den meisten Schulaktionen geht es um Abfallvermeidung und Mülltrennung, etwa in der Kantine, wo manch Zulieferer immer noch nicht begriffen hat, dass Sandwiches nicht unbedingt in Plastikfolie gewickelt werden müssen.

Der Klimabericht, den Schüler nach Diskussionen mit rund 500 Teilnehmenden auf vier Regionalversammlungen erstellt und im Juni präsentiert hatten, listet als Forderungen Abfallvermeidung und weniger Plastik, Booksharing, Lebensmittelkauf aus regionalem, ökologischem Anbau, aber auch mehr Energieeffizienz, einen besseren öffentlichen Transport sowie mehr dezentrale Schulangebote auf. Umstürzlerisch klingen Aufrufe wie „De Klimawiessel geet eis all eppes un“ nicht, eher als Appell ans Gemeinwohl und an die gemeinsame Verantwortung. Im Vorwort weisen die AutorInnen (in nicht gendergerechter Sprache) darauf hin, „dass d’Responsabilitéit fir d’Klimakris a fir d’Géigemesuren net eleng op dem Schüler, dem Bierger, an dem Konsument seng Schëllere soll geluecht ginn“. Sie fordern einen starken, dirigistischen Staat. Die Regierung müsse eingreifen „fir klima- an umweltschiedlech Handlungen ze decouragéieren, ze verbidden, respektiv ze bestrofen, a positiv Géigemesuren ze encouragéieren, bezéiungsweis ze imposéieren“. Auch die Idee einer „Ëmweltretenue“ findet Anklang.

Ob sich die Luxemburger Jugend dauerhaft politisiert und ihren Einsatz fürs Klima in politisches Engagement umsetzt, ist nicht ausgemacht: Eine Stunde der Wahrheit könnte schlagen, wenn sie ihre neuen Vertretungen wählt. Zwischen dem 13. und 21. Oktober ist sie aufgefordert, neue Sprecher zu bestimmen, die sich für die Interessen der rund 48 000 Sekundarschülerinnen und Schüler einsetzen.

Laut Claire Henzig von der Gesamtschülervertretung Cnel sind Aussagen zur Wahlbeteiligung derzeit nicht möglich. Die Wahlen organisiert jede Schule für sich. Aus der Versammlung aller Vertretungen wird dann der oder die neue Präsident/in gewählt. Nach den Klimamärschen sollen wohl einige Schüler Interesse angemeldet haben, sich in ihrer Schule einzubringen, sagt Noch-Cnel-Präsident Kimon Leners. Ob sie sich zur Wahl gestellt haben, ist unklar. Der Schüler des Lycée des Arts et Métiers wurde 2017 für zwei Jahre gewählt und stellt sich zur Wiederwahl.

Marsch durch die Institutionen Ob wegen der Klimakrise die Beteiligung an den Schülerwahlen steigt, muss sich also erst noch zeigen. Dagegen sprechen Trends, mit denen, außer den Grünen, jede Partei und viele Vereine zu kämpfen haben: Laut Nationalem Jugendbericht 2015 der Uni Luxemburg (der nächste mit dem Schwerpunkt Gesundheit und Wohlbefinden ist für 2020 geplant) interessiert sich nur eine Minderheit der Jugendlichen für die traditionelle Parteipolitik und ist in Parteien engagiert, ein Trend, der auch im Ausland zu beobachten ist. Gremienarbeit gilt als unsexy und zu mühsam; die Jugend von heute engagiert sich eher punktuell als langfristig. Zumal, wenn sie das Gefühl hat, von den Erwachsenen eh nicht ernstgenommen zu werden.

Auch das Jugendparlament, eine Plattform für junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren (www.jugendparlament.lu), die sich politisch einbringen wollen, ohne deshalb unbedingt einer Partei anzugehören, formiert sich diesen Monat neu. Bis zum 19. Oktober können sich Interessierte melden. Dann werden die thematischen Kommissionen vorgestellt (die Organisationsweise ist die der großen Schwester, der Chamber, entlehnt), in die sich die Jugendlichen melden können. Laut Projektverantwortliche Stéphanie Wies steht auch da Klima hoch im Kurs. Auf ihrer Informationstour durch die Schulen vor den Ferien hatten die Jungparlamentarier vier Resolutionen im Gepäck: zum Klima respektive zur Abfallwirtschaft, zur Digitalisierung, zum Stage und zum (im Referendum 2015 abgelehnten) Wahlrecht ab 16 Jahren. „Das Jugendparlament setzt sich weiter für ein Wahlrecht ab 16 ein. Für Jugendliche, die an Politik interessiert sind. Es geht uns nicht um eine Pflicht, wählen gehen zu müssen“, präzisiert Stéphanie Wies.

Am Donnerstag vergangener Woche trafen Jugendparlamentarier Xavier Bettel (DP) zum Austausch, weitere Gespräche mit den Parteien sollen folgen. Eine Analyse davon soll zum Schluss erfolgen. Der Premier hat den Klima- und Umweltschutz in seiner Erklärung zur Lage Nation zu einem Schwerpunkt erkoren (Seite 2), er bekräftigte die Absicht der Regierung, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um bis zu 55 Prozent zu reduzieren und kündigte eine ökologische Steuerreform an. Konkrete Maßnahmen aber fehlten in Bettels Rede. Schon im Juni hatten Jugendliche der Landesschülervertretung Cnel den Premier, sowie Umweltministerin Carole Dieschbourg (Déi Gréng), Erziehungsminister Claude Meisch (DP) und Landwirtschaftsminister Romain Schneider (LSAP) getroffen, ohne konkrete Ergebnisse.

VertreterInnen von Youth for Climate Luxembourg sollten sich vergangene Woche erneut mit Umweltministerin Carole Dieschbourg treffen, wegen der Gartenhausaffäre war das Treffen aber kurzfristig abgesagt worden. Nun soll es kommende Woche einen neuen Anlauf geben. Die Frage wird sein, was bei diesen Gesprächen herauskommt, außer Werbung für Politiker und vage Worte. Noch-Cnel-Präsident Kimon Leners ist jedenfalls vorsichtig: „Wir haben das schon oft erlebt, dass Erwachsene uns nicht zuhören oder auf unsere Forderungen nicht wirklich etwas folgt“, sagt er skeptisch. Das geplante Klimaschutzgesetz, das den rechtlichen Rahmen vorgeben soll, um den Klima- und Energieplan umzusetzen, lässt auf sich warten.

Greta is in Luxembourg Gleichwohl sollte niemand die Proteste der Jugendlichen unterschätzten. Denn sie sind dank Greta Thunberg nicht auf Luxemburg beschränkt. Auch wenn den Protestierenden in Luxemburg der Durchbruch fehlt, ist das Thema gesetzt, lässt sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen: Weiße, meist männliche Vertreter der Über-40-Generation können sich besserwisserisch über die besorgten Jugendlichen mokieren, Fakt ist: Inzwischen kann es sich kein Politiker und keine Politikerin mehr leisten, nicht in irgendeiner Form auf den Klimaschutz und die Proteste einzugehen.

CSV-Fraktionschefin Martine Hansen etwa sprach sich im Luxemburger Wort unter der Überschrift „Everyday for future“ für eine „Klimapolitik der Anreize statt Verbote“ aus. Dieselbe Politikerin, die gegen eine höhere Besteuerung von SUV-Geländeautos ist und deren Partei die wachstumsorientierte Politik der vergangenen Jahrzehnte im Land maßgeblich mitbestimmt hat. Der Jugendwettbewerb Jeune Journaliste hat „Climate Youth“ zum Recherche-Thema des Jahres (www.jeunejournaliste.lu, Einsendeschluss ist der 31. Oktober) erkoren. Schon im Jahr zuvor kreisten etliche der eingereichten Beiträge der Mädchen und Jungen um Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Daraus spricht die Sorge um die eigene Zukunft und der Frust über Erwachsene, die zu langsam und zu zögerlich handeln.

Die Grünen mögen als Partei bei der Jugend derzeit die meisten Sympathiepunkte sammeln, allerdings stehen sie in der Beweispflicht, konkrete Ergebnisse zu liefern. Die spannende Frage wird daher sein, wie weit sich die Jugendlichen mit Ministerfotos, Parteiengespräche und vagen Zusagen befrieden lassen und wie nachhaltig ihre Proteste wirken. Auf die meisten wartet nach der Schule der Start ins Berufsleben – und der Übergang bindet, je nach Rückhalt seitens des Elternhauses, mehr oder weniger Energie. Wer selbst Geld verdienen muss, um eine Wohnung zu finanzieren, hat weniger Zeit sich politisch einzubringen. Bisher ist noch jede Jugendbewegung erwachsen geworden, ihre Sprecherinnen und Sprecher sind heute Anwälte, Journalistinnen oder Beamte beim Staat. Andererseits: Warum sollten die Jugendlichen heute es anders machen als die meisten Erwachsenen vor ihnen?

Ines Kurschat
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