Unsere Heimat, die sich so heftig weiterentwickelt

Benzin und Blut

d'Lëtzebuerger Land vom 06.02.2015

Gerade ist unsere Heimat so stolz darauf, weil sie sich so heftig weiterentwickelt. Ruckizucki in Richtung Aufklärung, um, sorry, den in der letzten Zeit vielstrapazierten Begriff noch einmal zu strapazieren. Sie ist so rational geworden: Wer an Götter glaubt, soll das bitte diskret erledigen, Flagellationen in der Öffentlichkeit haben zu unterbleiben.

Unbefangene Beobachter_innen aus fernen Galaxien oder aus Nachbarländern haben diesbezüglich aber Zweifel. Schon auf dem Flughafen, von allen Internet- Portalen springen sie Kultobjekte an, wie dämonische Bestien von den Portalen der Kathedralen. Dann sind sie auf Schritt und Tritt von ihnen umgeben, es gibt kein Entrinnen, überall, wohin sie sich auch wenden, so wundern sie sich, werden sie umsaust und

umbraust. Sie kämen sich, schildern sie, gar einsam vor beim Versuch, eine Kreuzung zu über- oder vielleicht ein Dorf zu durchqueren. Die Einheimischen raten von solchen Expeditionen auch dringend ab. Die Hunde in den Wohngebieten würden anschlagen, die Gardinen würden sich wellen, schnell würde man als Ostbande gelten. Oder gar als jemand, der es auf das Kultobjekt abgesehen hat.

Die Fremden stellen fest, dass der Homo luxemburgensis in gewaltigen Gefährten mikroskopisch kurze Wege zurück legt. Dass er einen Großteil seiner Lebenszeit in einer riesigen Schlange verbringt. Er hat sich allmählich angepasst, vermutlich führt es zu Genmutationen. Die Experten diagnostizieren ein kentaurisches Phänomen, einige gehen so weit, dass sie unbewusste halbgöttliche Aspirationen unterstellen.

Erstaunt beugen sich die Forscher über die Fetische, die wir verehren und begehren. Sie beugen sich über die Verkehrsadern, auf denen das Land verblutet, und fragen sich, ob es da keine Hilfe gibt. Warum ein Land so grausam gerädert und geteert wird, und die Insass_innen schreien nicht laut oder wandern massenhaft aus. Warum der Schrottgott unser Land in seinem eisernen Griff hält.

Sie untersuchen, warum wir diesen prähistorischen Göttern huldigen. Okay, sie sind groß und stark, sie verfügen über übermenschliche Fähigkeiten, sie sind allgegenwärtig und überwinden Grenzen. Wir pilgern zu ihren Messen, mindestens einmal im Jahr, notieren die Expertinnen. Sie rollen und grollen, dafür kriegen sie Benzin und Blut. Doch sie sind unersättlich, sie wollen vor allem mit Jugend gefüttert werden.

Wir opfern ihnen Bäume. Menschen. Umgangssprachlich heißt es dann, erklären wir den Experten, die den fernen Blick bekommen, sie blieben liegen.

Wahrscheinlich wollen sie uns bekehren, sie erzählen von Städten, die gar nicht weit weg sind. Von Städten, in denen die Menschen ebenfalls eine gräuliche Hautfarbe haben und noch die meisten Zähne im Mund, in denen die Menschen öffentlich verkehren, und dass das gar nicht pfui sei. Sogar aus der Schweiz, einem wohlhabenden Land mit grundvernünftigen Bewohnern, kommen solche Berichte über Entscheidungs- und Leistungsträger. Diese Menschen gehen sogar zu Fuß. Ganz normal, sie benutzen ihre Füße, aber nicht extra kompliziert mit extra dafür erworbenen Stöcken, nein, sie gehen, einfach so, wie soll man das erklären ... Sie reden auch nicht groß davon, dass sie jetzt zu Fuß gehen, von hier nach dort, und dokumentieren es nicht für die Enkelkinder oder kommunizieren es auf FB.

Laut Expertinnen sei das irgendwie praktisch. Es koste auch nichts, nicht mal unbedingt Zeit, Nerven schon gar nicht. Ökologisch sei es auch, und gesund, aber das wisse wohl jede. Schon seit Jahren würde sich das herum sprechen, immer mehr kämen drauf, Städte würden das Jahr des Fußgängers verkünden, die Autos würden immer kleiner werden.

Hier geht die Kunde, vertrauen wir verunsichert den Ethnologinnen an, ein bimmelndes Gefährt werde bald unsern Lebensraum einnehmen. Schrottgott müsse die freie Wildbahn mit diesem Konstrukt, das der Beförderung von blassen Insassenmassen dienen soll, teilen. Viele Landsleute seien schon prä-traumatisiert und müssten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Andere wiederum befürchteten, dass es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen käme, wenn man ihren Gott so demütigt.

Noch schlimmer, es gibt sogar welche, im Kreis der Eingeweihten, die von Götterdämmerung reden. Sie verwenden blasphemische Ausdrücke wie Carsharing. Sie reden von alten Statussymbolisten. Und von neuen, jungen Menschen, die neue Wege gehen würden. Sogar zu Fuß.

Michèle Thoma
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