Die kleine Zeitzeugin

Wird Luxemburg zu Hamstergramm?

d'Lëtzebuerger Land vom 11.10.2019

Der Geld- und Weltraumminister, der auch noch das höchste Gut, die Gesundheit um die Ohren hat, gerät ins Grübeln. Alles nicht so easy.

Das mit dem legalen Cannabis.

Fragen über Fragen, die sich auch harmlose Nachrichtenkonsumentinnen stellen. Zum Beispiel, ob der Staat jetzt der Dealer ist? Und wird dann ein ganzer Sektor arbeitslos? Andererseits, wer könnte ein besserer sein als dieser Elternteil? Der den ganzen Profit gleich wieder investiert, die Landeskinder sollen nur gerade so

high werden, dass sie nicht untergehen. Und alles wird, so geht die Sage, öko, fair und regional sein. The green, green grass of home, von der Gras-Bäuerin direkt ab Hof. Aber wie turboschnell wächst so ein Gras, gibt es überhaupt genug heimisches Heu für die vielen, denen es nach Grünem gelüstet? Expert_innen haben da ihre Zweifel, und so temperamentvoll wie ihre exotischen Verwandten kommt unsere hausbackene Hanfschwester auch nicht rüber.

Aber dafür wird alles clean über die Bühne gehen, seriöse Verkaufstellen mit Zertifikaten, Garantien, kompetenten und geschulten Verkäufer_innen. Ade dreckige Dealer_innenromantik! Ade sich Herumdrücken an zugigen Ecken, sich Zuraunen von Geheimtipps, ade Geheimtripps und -flipps, ade Knaststorys mit Flair! Wie ich einst in Maastricht  ... Ade Herzklopfen, weil es im Gang riecht, weil der Nachbar, der eine nicht riechen kann, etwas riecht, was riechen könnte, was gerochen haben könnte! Ade Panikattacke, wenn Geheimpolizist Grimm um die Ecke biegt!

Es wird alles legal. Es wird alles normal. Es wird alles banal. Tante Monique kifft und Onkel Fernand; zum Vatertag wird ein ordentlicher Ofen gebaut, zu Muttertag natürlich auch. In die Fondation Pescatore muss man nicht mehr die ewigen Knippercher mitnehmen. Wer mit hundert noch aus dem Fenster steigen will, soll am Cannabiskeks knabbern.

Aber es ist ja keineswegs nur wegen der Gesundheit, dass der Gesundheitsminister Kiffen okay findet. Obschon His Spaceship selber noch nie, nicht ein einziges Mal. Nicht mal bei der Studienreise in Kannabisda, wie er Paperjam anvertraut hat.

Trotzdem. Weil ja sowieso alle, außer ihm so ziemlich alle. Der realistische Weltraumminister weiß, dass Mensch nicht nur Betonbox mit Garage braucht und Auslauf in der Shopping Mall – ohne Traumdosis geht gar nichts.

Ob es aber vielleicht dem Bankenplatz schadet, wenn Bankerin sich zwischendurch einen reinzieht? Statt nur eine Line zu ziehen und auf Linie zu bleiben? Wenn beim Parkplatzsuchen alle einfach aussteigen? Nicht mal mehr Lach-Yoga buchen müssen, der Chef ist aber auch so komisch? Die Friday-for-Future-Kids entdecken, dass es auch ein Here and Now gibt, am Monday, am Tuesday und überhaupt?

Nein, nein, alles halb so wild. Kein Joint im Job, gekichert wird zuhause. Wie immer schon. Das Hanf-Hobby wird die neoliberale Party nicht stören. Die Feierabendselbstgedrehte des Gemeindebeamten wird den asozialen Frieden nicht gefährden.

Klingt alles schon gedämpfter als anlässlich der Anfangseuphorie. Super, cool, Luxemburg mega, hieß es, die halbe Welt hat sich schon mit uns vorgefreut. Kommt Ihr, aus Belgien, Frankreich, Preisen ...! Mit dem Joint in der Hand durch das ganze Land, öffentlich verkehrend, gratis auch noch, geht es noch paradiesischer, wer sagt noch Bankenparadies? So tönte es freudig aus den Mähdien.

Und jetzt plötzlich heißt es geizig, Ekstase exklusiv für Einheimische! Nur wer auf dem Mikro-Territorium klebt, darf sein Bewusstsein legal erweitern. Triererinnen, ihr sollt das eurige woanders erheitern, zu den Banken und zum Tanken dürft ihr aber gern. Und Pendler_innen, high sein ist nichts für Underdogs, sorry.

Aber wie soll das gehen, in der Praxis? Der Geldraumminister brainstormt intensiv. Weil überall ist bekanntlich alles offen, die Grenzen, die es nicht gibt, die Konten, denn wir sind offiziell ein offenes Land. Und darf in einer EU, im richtigen Kapitalismus, nicht jeder Shit shoppen, ohne Diskriminierung? Auf dem Ausweis oder dem Pass steht ja, grübelgrübel, nicht mal die Adresse, denkt der Weltraumminister laut nach.

Dieses Gras wächst ihm langsam über den Kopf.

Michèle Thoma
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