Elternschaft

Péitenger Wand

d'Lëtzebuerger Land vom 18.11.2011

Heute loben wir die verantwortungsvolle Elternschaft. Ist es nicht eine Kalamität, dass Eltern um die Sicherheit ihrer Kinder bangen müssen? Nur weil in unmittelbarer Nähe der Schule Asylbewerber einquartiert werden sollen? Es gibt ja einschlägige braune Bibeln und Fibeln, die uns weismachen, wie schlimm es diese entwurzelten Menschen treiben, vor allem wenn sie vom Balkan kommen.

Im Dunstkreis der demonstrativen Glatzen und SS-Bewunderer weiß man nämlich genau, was diese Deserteure aus sicheren Ländern alles auf dem Kerbholz haben. Sie fressen Kinder und klauen die Wäsche fremder Leute von der Leine. Wahrscheinlich fressen sie auch Wäsche und hängen die armen Kinder an die Leine. Sie sind zu allem fähig, soviel ist klar. In Petingen werden sie vermutlich bei Nacht und Nebel Verkehrsschilder abmontieren und verschwinden lassen. Ist es denn ein Wunder, dass auf dem gesamten Balkan ein expansiver Schwarzhandel mit luxemburgischen STOP-Schildern blüht? Man stelle sich bitte das aufziehende Petinger Chaos vor: kein einziges STOP-Schild mehr weit und breit, der Straßenverkehr wird abrupt zusammenbrechen, die verantwortungsvollen Eltern können ihre Luxuswürmchen und Edelpüppchen gar nicht mehr zur Schule bringen, ihre stolzen Karossen bleiben im anarchischen Straßensumpf stecken.

Der Petinger Bürgermeister ist ein tapferer Mann. In aller Öffentlichkeit erklärt er der verantwortungsvollen Elternschaft, die Container mit den Asylbewerbern würden ständig stramm überwacht, „24 Stonnen op 24, a 7 Deeg op 7“. Das ist eine lobenswerte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. In Petingen wird so eine neue, verheißungsvolle Karriere ins Leben gerufen: der Asylantenüberwacher. An geeigneten Kandidaten wird es sicher nicht mangeln. Unter den verantwortungsvollen Eltern stechen ja jene scharfen Pädagogen hervor, die bei Protestveranstaltungen lauthals schreien, diese Balkanmenschen seien allesamt „Wouscht an Dreck“. Damit haben sie ihre Qualifikation ausreichend unter Beweis gestellt. Der Bürgermeister könnte auch gleich einen neuen Wirtschaftszweig aus der Taufe heben: die Petinger Menschenmüllabfuhr.

Überhaupt fragen wir uns, ob es nicht günstiger wäre, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und ganz Petingen in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln. Stacheldrahtzäune um die Asylantencontainer wären ein erster Schritt. Man hat uns ja erzählt, dass Asylbewerber, sofern es sich um Sinti oder Roma handelt, geradezu süchtig nach gefängnisähnlichen Lebensbedingungen sind. Rein von der Architektur her eignen sich Container ausgezeichnet dazu, schnell ein kleines Kazett zu installieren. Das hat vor langer Zeit schon der hervorragende Menschenfreund Adolf Hitler erkannt. Er ließ die Sinti und Roma vergasen, weil sie auch damals schon Kinder fraßen und Wäsche klauten und sich somit selber zum unnützen Volk stempelten. STOP-Schilder hatte Herr Hitler in seinem Regime nicht vorgesehen. Daher ist nichts bekannt über die mutwillige Zerstörung der nationalsozialistischen Straßenverkehrsordnung. In Petingen allerdings gehören die Straßenschilder zur kommunalen Kultur. Aber neben der geplanten massiven Sachbeschädigung haben die Balkanmenschen leider noch viel Wüsteres im Sinn: die gezielte Kinderbeschädigung.

Daher verstehen wir gut, dass die verantwortungsvolle Elternschaft in Petingen auf die Barrikaden steigt. Es geht um nichts anderes als das Seelenheil der lieben Kinder. Man darf diese zarten Pflänzchen nicht mutwillig in tiefe Verwirrung stürzen. Wie sollten die Petinger Schulkinder mit Menschen zurecht kommen, die nicht mal ein eigenes Auto vorweisen können? Müssen wir diese Provokation wirklich ertragen? Der systematische Fußgänger macht sich von vorneherein verdächtig. Vor allem, wenn er auch noch unverständliches Balkanzeug redet. Er schleicht herum und hat es auf die armen Kinder abgesehen. Wer kein Auto hat, sollte gar nicht erst ins Land gelassen werden. Und falls er wider Erwarten motorisiert auf unserer Insel der Seligen ankommt, kann man ihn ja immer noch einem hochoffiziellen Verhör unterziehen. Man muss ihn nur fragen, ob er je schon im Cactus war und eine Päischtcroisière mitgemacht hat. Bei zweimaliger Verneinung ist die Sachlage sonnenklar: sofort ausweisen!

Der aufgeklärte Petinger Bürgermeister, der die Wählerbesänftigung weit höher einschätzt als die Verteidigung der Menschenrechte, hat seiner verantwortungsvollen Elternschaft mitgeteilt, es käme gar nicht in Frage, die Kinder der Asylbewerber in Petingen einzuschulen. Sie hätten „nicht die Qualifikation“, in einer luxemburgischen Schule aufgenommen zu werden. Da haben die Petinger Eltern ja noch einmal Glück gehabt. Wenigstens müssen ihre lieben Kleinen jetzt nicht auf dem Pausenhof mit stummen und zudem unqualifizierten, minderjährigen Kriegsgeschädigten vom Balkan spielen. Im Vokabular unserer Schulerziehung kommt das Wort „Krieg“ nicht vor. Der Péitenger Wand ist ein friedliches Lüftchen. Er bläst nur neuerdings aus der braunen Kloake.

Guy Rewenig
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