Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit

Rote Flecken auf kalkweißem Grund

d'Lëtzebuerger Land du 18.11.2011

Wer sich Anna Maria Krassniggs Inszenierung von Guy Helmingers Drama Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit angesehen hat, der weiß, was „Broker-Pommes“ sind. Das ideale „Erfolgspaar“ Grace und Toni muss sich diesen Spott der Kids ihrer „Putzliesl“ antun. Es handelt sich um Sushi. Sushi steht für Erfolg, für einen Snack für Besserverdienende, für Körperkult und die Sterilisierung der Körperlichkeit schlechthin. Wer sich diesem Lebensgefühl hingeben und auf den Afterwork-Parties der Chill-Lounges dieser (spät?-)kapitalistischen Kultur mitmischen möchte, verbringt den Rest des Tages vor dem LCD-Schirm, windet sich vor Ekel beim Anblick von im Fernsehen sich bloßstellenden Dickwänsten und sorgt im Solarium für die nötige Bräunung.

Dieses moderne Leben stellen Isabella Wolf und Martin Schwanda auf groteske Weise dar. Eingebettet ist die Szenerie in eine kalkweiße, ja sterile Möbellandschaft, in der die Entkörperung der beiden Figuren architektonische Gestalt annimmt. Das Weiß und die wie ein Altar anmutende Bartheke fungieren zudem als Unterschlupf und Schaubühne für Tonis dubiosen Freund Jesus. Zum einen lässt sich das Paar zahlreiche soziologische und theologische Beschwörungen von ihm vortragen, zum anderen erinnert Jesus (gespielt von Luc Feit) ohne Zweifel an jene christliche Figur, die der Menschheit als Gottessohn ein Vorbild im Sinne religiöser Werte war. Wohl kaum wird diese Anspielung in Frage gestellt werden können, denn stellenweise verleiht Feit seiner Figur den Eindruck des Kosmischen und spricht wiederholt davon, Sterbenden dabei zusehen zu wollen, wenn ihre Seele sich vom Fleische trennt. Trotz dieser kosmischen Konnotation hat Helminger die Figur jedoch auf den Kopf gestellt. Dieser Jesus wirkt weniger als Christus, der die Ideale Gerechtigkeit und Liebe predigt. Nein, vielmehr offenbart er Toni und Grace die Verlogenheit und das Heuchlerische des postmodernen Menschenschlags. Er wirkt wie ein zynischer Hofnarr, der allegorisch auf Bratter hinweist, einen Kuhzüchter, dessen selbstlose Aufopferung zum Hungertod führt. „Die Versuchung gut zu sein, ist immer latent“, bemerkt er spöttisch. Auch Spenden seien „die perfekte Illusion“, schafften dieselbe Distanz und Selbstbestätigung wie der LCD-Schirm. Auf Graces Anflüge von Emotionen reagiert er zynisch: „Du brichst mir das Herz! – Das Herz ist ein Muskel, das kann nicht brechen.“

Bestimmend ist daneben die Rolle der zuerst beobachtenden, dann brutal zuschlagenden Kinder der Putzfrau, Kid Cool und Kid Cat. Weil ihre Mutter von Toni und Grace sklavenartig behandelt wird, infiltrieren sie das Paar zuerst mithilfe einer völlig verqueren Jugendsprache, um die beiden in einem zweiten Schritt abzustechen. Ein rötlich bekleckertes Tuch zieht sich über die sterile Sitzgarnitur.

In Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit setzt sich Helminger mit der völlig denaturierten Lebensart städtischer Karrieremenschen auseinander und lässt ihre Entfernung von jeglichem Menschsein deutlich werden. Krassnigg untermalt diese Verbindung von Sterilität und Entmenschlichung mit einem weißlichen, zugleich aber an ein Kreuz erinnernden Bühnenbild. Diese von Helminger sichtlich beabsichtigte Haltung wird durch Kostüm (Antoaneta Stereva) und Bühne (Andreas Lungenschmid) verstärkt. Die kosmische Dimension wird mit der sehr realen irdischen verbunden, indem die Figuren rund um das Paar, sprich Jesus und die Kids, sowohl distanziert beobachten, als auch physisch präsent sind und handeln.

Die für Helminger so bekannte bösartige Komik, dank der er gesellschaftliche Phänomene nur zu gern mit grinsender Fratze entlarvt, wirkt jedoch nur selten. Genauer: Sie bricht eigentlich nur in der Figur des Jesus durch. Das liegt jedoch weniger an den fähigen Hauptdarstellern als vielmehr an den doch bisweilen repetitiven Stellungnahmen. Irgendwann hat auch der letzte Zuschauer gerafft, dass Grace der Konsumsucht verfallen ist. „Todkomisch“, wie Krassnigg befindet, ist Helmingers Vorlage nur gelegentlich. Für die atmosphärische Verdichtung sind höchstens Musik und Video verantwortlich. Der Produktion fehlt es streckenweise an Spannung. Krassniggs Inszenierung darf in diesen Punkten kritisch beäugt werden. Eine sehenswerte Inszenierung liefern uns die koproduzierenden Theaterhäuser jedoch allemal.

Das Leben hält bis zuletzt Überraschungen bereit von Guy Helminger; Théâtres de la Ville de Luxemburg, Théâtre d’Esch, Kasemattentheater, Drama Shop Wien und Salon5 Wien; Regie: Anna Maria Krassnigg; Musik und Vocals: Christian Mair; Raum und Licht: Andreas Lungenschmid; Kostüme: Antoaneta Sereva; Maske: Nadja Melender; Regieassistenz: Alexander Benold; Darsteller: Luc Feit, Philipp Kraicy, Jana Podlipna, Martin Schwanda, Isabella Wolf. Weitere Veranstaltungen am heutigen 18. und morgen, dem 19. November um 20 Uhr im Théâtre d’Esch.
Claude Reiles
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