Interview mit Direktorin Danièle Wagener zur Neu-Konzeption des Historischen Museums der Stadt Luxemburg

„Die große Geschichte der Stadt
besteht aus vielen Geschichten“

d'Lëtzebuerger Land vom 19.05.2017

d’Land: Das Geschichtsmuseum präsentiert sich mit (s)einer veränderten Dauerausstellung The Luxembourg Story im neuen Gewand. Mit der Neukonzeption erfolgt auch eine Umbenennung in „Lëtzebuerg City Museum“. Sind diese Anglizismen im Kontext des Nation branding zu sehen oder tragen sie lediglich der neuen gesellschaftlichen Durchmischung der Hauptstadt Rechnung?

Danièle Wagener: Der Name „Lëtzebuerg City Museum“ ist ja nicht ausschließlich englisch, er weist auch darauf hin, dass wir ein Museum in Luxemburg und über die Stadt Luxemburg sind. Der Begriff „City Museum“ ist europaweit in der Museumslandschaft verbreitet. Er weist auf Stadtgeschichte hin, aber auch auf Aktualität, und er drückt das Selbstverständnis eines Stadtmuseums aus, das für seine Bürger ebenso da ist wie für Besucher von außen. Wir haben in den letzten 20 Jahren festgestellt, dass unter unseren Besuchern viele entweder anglophon sind oder aus Nord- oder Osteuropa, wo Englisch die häufigste Fremdsprache ist. Wir wollten uns mit der neuen Dauerausstellung aber auch im Hinblick auf die veränderte Bevölkerungszusammensetzung hier in der Hauptstadt positionieren – es leben rund 70 Prozent Ausländer in der Stadt. Der andere Aspekt ist, dass wir mit dem Wort „Story“, was ein Teil von „History“ ist, auch auf eine erzählte Geschichte anspielen. Die große Geschichte der Stadt besteht aus vielen Geschichten.

Die Bezeichnung „Geschichtsmusée“ hatte sich unter Luxemburgern schon etabliert ... Glauben Sie nicht, dass sich gerade die einheimischen Städter schwertun werden mit der Umbenennung?

Bisher haben wir ausschließlich positive Reaktionen bekommen. Es wurden zwar immer wieder Fragen gestellt, aber wenn wir erklärt haben, waren die Leute positiv überrascht. Auf der anderen Seite haben wir den Namen ja auch geändert, weil unser Haus sehr oft mit dem Nationalmuseum für Kunst und Geschichte verwechselt wurde. Wir trugen offiziell die französische Bezeichnung „Musée d’Histoire de la Ville de Luxemburg“, und dann wurde „Geschichtsmusée“ gesagt und man wusste nicht, welches gemeint ist.

Die Texte sind nun durchgehend dreisprachig, Französisch – Englisch – Deutsch. Warum nicht Portugiesisch und Luxemburgisch?

Führungen wird es natürlich auf Luxemburgisch und auch auf Portugiesisch geben. Das ist geplant. Wir hätten nicht noch mehr Texte an den Wände anbringen können, sonst wäre es zu textlastig geworden. Der Ausbau des Angebots findet dann in einer nächsten Etappe statt, mit digitalen Applikationen für Smartphones und Tablets, die es den Besuchern erlauben, zu speziellen thematischen Stationen Zugang anhand von multimedialem Material zu erhalten. Da kann man sich gut vorstellen, dass man das in noch anderen Sprachen anbietet. Ein Museum kann immer nur ein Basisangebot bieten, welches durch das Rahmenprogramm ergänzt wird.

Welche Rolle spielen multimediale Elemente? Können sich Kinder die Stadtgeschichte auch spielerisch erschließen? Welche Zielgruppen stehen Ihnen noch vor Augen?

Wir haben ein Programm von Führungen und Ateliers auf die Beine gestellt, sowie ein pädagogisches Begleitheft für Familien mit Kindern ab vier Jahren. Wir sehen auch – vor allem in der Villa Vauban –, dass Museumspädagogik für Familien mit Kindern Erfolg hat. Und dann gibt es natürlich das Publikum, das traditionell schwer in Museen zu locken ist, vor allem Jugendliche. Für diese haben wir im Rahmen des Programms für Schulen Hefte mit Rätseln entworfen, über die man sich auf spielerische Art und Weise Geschichte erschließen kann.

Wie viele Objekte sind insgesamt in der Ausstellung zu sehen?

Zwischen 500 und 600. Ergänzend werden wir ab 2018 Ausstellungen zu Themen oder Objektensembles aus unseren Sammlungen anbieten.

Vor zehn Jahren wurde die Ausstellung ja bereits neu-konzeptioniert. Was ist geblieben? Und was ist das wirklich Neue an der Dauerausstellung? Hat sich die Hängung verändert?

Geblieben ist natürlich die Geschichte der Stadt. Sie ist das zentrale Thema des Museums. Was sich verändert hat? Wir haben beschlossen, wieder einen chronologischen Gang durch das Museum anzubieten – von den Anfängen bis heute. Ein Parcours, der zu verschiedenen Etappen Einblicke bietet, entweder in die urbanistische oder die architektonische Entwicklung oder in das Leben der Menschen in der Stadt. Das ist neu. Thematische Vertiefungen an einem chronologischen Strang, wenn man so will. Neu ist auch, dass wir die Geschichte bis heute erzählen, mit dem großen Modell im Maßstab 1:2 500 der heutigen Stadt direkt hinter dem Empfang. Selbstverständlich sind auch verschiedene neue Exponate hinzugekommen.

Zwei weitere Aspekte haben wir verändert, zum einen die Gestaltung: Wir hatten in den zwei letzten Dauerausstellungen eine Museumsarchitektur, die ganz flexibel, aber aufgrund der durchgehenden Holzpanele etwas monoton war. Jetzt zeigen wir – indem wir farbige Tafeln hineingebracht haben – eine viel diversifiziertere Museographie. Es entstehen so ganz unterschiedliche Atmosphären in den jeweiligen Räumen, auch durch große Hintergrund-
illustrationen. Themen werden auf eine atmosphärische Art und Weise dargestellt. Und zweitens die Aufwertung unserer Stadtmodelle durch Multimedia-Applikationen. Zum Beispiel die für das Jahr 1683/84, welche die Belagerung Luxemburgs durch die Truppen Ludwigs XIV. zeigt. Man hört dort zusätzlich Zeitzeugenberichte, während man auf die Projektion blickt. Zuvor waren die Modelle hauptsächlich ästhetisch ansprechende Objekte, die aber nicht so gut erschließbar waren.

Welcher Geschichtsschreibung folgt die Ausstellung?

Unsere Kuratoren Guy Thewes und Gaby Sonnabend haben die Geschichte der Stadt für die Ausstellung aufgearbeitet und die Schwerpunkte gesetzt. Natürlich haben sie sich dabei an der jüngeren Luxemburger Historiographie orientiert. Und es ist klar, dass die Ausstellung bestimmte Schlüsseldaten wie das Jahr 1867 hervorheben muss, weil es sich um Wendepunkte handelt, die etwas losgetreten haben in der Geschichte, was danach noch langfristige Entwicklungen zur Folge hatte. Das ist es, was wir zeigen wollen.

Die Schleifung der Festung Luxemburgs nach 1867 wird in der Ausstellung als wichtiger Wendepunkt der Stadtgeschichte begriffen. Wieso kommt ihr retrospektiv eine solche Bedeutung zu? Und wie macht sich das in der Ausstellung bemerkbar?

Man erkennt anhand der Stadtmodelle, dass der Platz, den die Menschen zum Leben zur Verfügung hatten, vom 15. bis ins 19. Jahrhundert gleichgeblieben ist. Im gleichen Zeitraum hat sich die Bevölkerung jedoch vergrößert, was sich auch auf die Architektur des Stadtkerns auswirkte: viele hohe Häuser mit Wendeltreppen. In dieser Hinsicht hatte die Festung großen Einfluss auf die Lebensart. Das Zusammenleben mit der Garnison war nicht immer einfach. Der Londoner Vertrag vom 11. Mai 1867, in dem die europäischen Großmächte die Neutralität Luxemburgs sowie die Schleifung der Festung beschlossen, erlaubte es der Stadt, sich weiterzuentwickeln. Der Wandel erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts schneller als in anderen Städten, weil das Verschwinden der Festungsmauern neue Perspektiven eröffnete: Die neuen Viertel, zum Beispiel rund um den neu entstandenen Stadtpark sowie auf dem Plateau Bourbon, konnten auf eine homogene Art und Weise entwickelt werden. Das erkennt man auch heute noch im Stadtbild, beispielsweise in der Avenue de la Liberté oder zwischen Park und Glacis.

Eine weitere Zäsur markiert der Erste Weltkrieg. Wie manifestiert sich diese Periode, der ja bereits angesichts knapper Budgets und trotz des Gedenkens an 100 Jahre Kriegsausbruch in Luxemburg wenig Raum gegeben wurde, in der neuen Ausstellung?

Wir zeigen den Ersten Weltkrieg nicht nur als zeitlich begrenztes Ereignis, sondern auch in seiner Langzeitwirkung auf die luxemburgische Gesellschaft der 1920er und 1930er Jahre. Deshalb trägt diese Abteilung den Titel „Stadt in der Krise“ und gibt einen Überblick über die vielfältigen Spannungen und Veränderungen zwischen 1914 und 1939. Der Besucher erfährt das in Form von Reproduktionen historischer Zeitungsartikel, die er an Kaffeehaustischen lesen kann.

Der Übergang zum Zweiten Weltkrieg erfolgt in der Ausstellung relativ abrupt ... Zeithistorische Dokumente und Hörstationen vermitteln akustisch Eindrücke der Zeit der Besatzung. Inwiefern haben zeithistorische Debatten wie der Artuso-Bericht Eingang in die Ausstellung gefunden?

Zunächst sieht man als Hauptobjekt eine Fotostrecke von der 100-Jahrfeier der Unabhängigkeit, 1939, die ja nicht umsonst so pompös und patriotisch ausgefallen ist, ein Jahr vor dem Überfall. Das ist das Bindeglied zwischen den Räumen zu den Weltkriegen. Wir hatten schon 2002, lange vor der Artuso-Debatte, eine Ausstellung unter dem Titel Et wor alles net esou einfach… 10 Fragen zur Geschichte Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg. Wir haben schon damals ausgestellt, inwiefern viele freiwillig in den Krieg gezogen sind und dass es in Luxemburg nicht nur Widerstand gab, sondern auch Kollaboration. Der damals entstandenen Diskussion stellten wir uns. In der neuen Ausstellung kommen Zeitzeugen zu Wort, die in Form ihrer persönlichen Erlebnisse die Komplexität der Zeit unter der Besatzung verdeutlichen.

Was ist denn aus Ihrer Sicht die wichtigste Etappe, das bedeutendste Ausstellungsstück oder das größte Highlight der neuen Dauerausstellung?

Mir persönlich gefällt der Raum über das Leben in der Festung. Dort ist eine Ansicht der Stadt im 19. Jahrhundert von Michel Engels ausgestellt, die fast wie eine Theaterkulisse die Figuren zur Geltung bringt, welche die Soldaten der sukzessiven Garnisonen repräsentieren, die zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert in der Stadt stationiert waren. Ein anderer Raum, der sehr ergreifend ist, ist der über das Alltagsleben im 19. Jahrhundert – wo wir auf der einen Seite das Leben der Bourgeoisie haben und auf der anderen Seite das Leben der einfacheren, armen Leute. Das ist eine sehr eindrucksvolle Gegenüberstellung.

Ist das „Lëtzebuerg City Museum“ maßgeblich ein Ort für Touristen oder für Luxemburger?

Was die Besucherzahl betrifft, kommen von September bis April hauptsächlich Leute, die in Luxemburg wohnen; während der Sommermonate steigt der Anteil der Touristen. Die Ausstellung ist sehr vielschichtig. Das heißt, ein Tourist oder Neuankömmling, der nicht viel von der Stadt oder dem Land kennt, kann einen guten Überblick gewinnen über die Geschichte der Stadt, auch im Rahmen der internationalen Geschichte. Und als Einwohner der Stadt – ob Luxemburger oder Nicht-Luxemburger – kann man verschiedene Aspekte vertiefen: durch die vielen interaktiven Applikationen, durch multimediale Angebote bei unseren Stadtmodellen, durch Texte und Objektbeschreibungen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele unterschiedliche Besucher in die Ausstellung kommen werden und dass das Feedback groß ist.

Anina Valle Thiele
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