Leben und Tod

Ist der Tod gerecht?

d'Lëtzebuerger Land du 10.01.2014

Ist es nicht so, dass jedes Leben so schön ist, dass sein totales Ende eine absolute Ungerechtigkeit wäre, da es diese Herrlichkeit sinnlos vernichten würde? Aber leider ist es so, dass eine absolute, schattenlose Schönheit nur eine Hoffnung ist und keine Realität. Und so ist es auch mit der Gerechtigkeit. Sowohl die Schönheit als auch die Gerechtigkeit sind Fiktionen, die ein Versprechen enthalten. Allerdings hat ein Versprechen, das nicht notwendigerweise gehalten wird, mit Gerechtigkeit nicht allzu viel zu tun.

Goethes Mephisto hat da folgende Sicht: „Denn alles was entsteht / Ist wert daß es zu Grunde geht; / Drum besser wär’s daß nichts entstünde“ (1339ff). Dieser Vers des Nihilisten ist schwer widerlegbar und schon aus der Antike tönen uns die Worte entgegen, die der Waldgott Silen an den König Midas richtete: „Das Allerbeste nämlich ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich, nachdem du einmal geboren bist, möglichst bald zu sterben.“

Der Mensch wird also das Leben so wenig begründen oder gar erklären wie den Tod, was eigentlich heißt, dass sich in der Frage von Leben und Tod die der Gerechtigkeit überhaupt nicht stellt. Man kann zwar Mephisto entgegenhalten, dass durch den Tod neues Leben und somit auch die Hoffnung auf Verbesserung entsteht. Doch diese Option für die Hoffnung bleibt ohne Gewissheit, und somit ist der Tod weder gerecht noch ungerecht, sondern einfach eine Tatsache, die wir vom Standpunkt der Religion oder dem des Transhumanismus als inakzeptabel oder ungerecht empfinden und bekämpfen und ihn gar in der religiösen Imagination oder unseren wissenschaftlichen Träumen abschaffen wollen.

Elias Canetti wollte mal einen Roman über den „Todfeind“ schreiben; sich selbst sah er als „Feind des Todes“ und schrieb: „Das ganz konkrete und ernsthafte, das eingestandene Ziel meines Lebens ist die Erlangung der Unsterblichkeit für die Menschen“ (PM,52/München 1973).

Doch gibt es auch die Haltung, die den Tod als etwas Positives begrüßt und da denke ich an folgenden Spruch von Theodor Fontane:

„Leben; wohl dem, dem es spendetFreude, Kinder, täglich Brot,Doch das Beste, was es sendet,Ist das Wissen, dass es endet,Ist der Ausgang, ist der Tod.“

Gerade in diesem Gedicht zeigt sich, dass Gerechtigkeit auf die Begriffe Leben und Tod nicht anwendbar ist. Sie erweist sich auch hier als schöne Fiktion und nichts mehr, besonders da Fontane den Tod gar nicht so negativ einschätzt. Wobei die Annahme des Seins so weise ist wie die Annahme des Nichts, die Annahme des Lebens nicht weniger als die des Todes. Hier mag ein Gleichgewicht erscheinen, das vielleicht an Gerechtigkeit erinnert, doch keineswegs mit ihr zu identifizieren ist.

In einem gewissen Sinn mag man sogar behaupten, dass der Tod, der niemanden auslässt, wenigstens in dieser Hinsicht in die Natur etwas wie Gerechtigkeit hineinbringt, auch wenn er immer zur unrechten Zeit kommt.

Jacques Wirion
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