Sprachmuseen

In aller Munde

d'Lëtzebuerger Land vom 19.05.2017

„Wo das Wort ist, da tappe nach“, forderte der Reformator Martin Luther schon anno 1526. Ausstellungsmacher aber haben die bunte Vielfalt der Idiome lange vernachlässigt, klagt der britische Linguist David Crystal: „Wenn ich mich für Naturkunde, Flugzeuge oder Kinderpuppen interessiere, finde ich in vielen Städten ein Gebäude, wo ich Entdeckungen machen, einen glücklichen Tag unter Gleichgesinnten verbringen und von der Expertise von Kuratoren profitieren kann. Ausgerechnet für das Thema, das den Menschen am meisten bestimmt, gilt das aber nicht: für Sprache.“

„Vielleicht ist eine solche Idee früher angesichts der Abstraktheit nicht realisiert worden“, vermutet Leo Fellinger, der für Salzburg ein „Haus der Sprache“ konzipiert hat. „Heute aber ist vieles durch digitale Techniken sehr gut darstell- und vermittelbar.“ Anstöße gab möglicherweise das „Europäische Jahr der Sprachen 2001“ oder auch die Warnung der Unesco, die meisten der rund 7 000 Sprachen seien vom Aussterben bedroht. Eine andere Inspiration war vielleicht die große Ausstellung Der Turmbau zu Babel, die 2003 das Kunsthistorische Museum Wien mit Leihgaben aus aller Welt in der EU-Kulturhauptstadt Graz zeigte. Jedenfalls sprießen nun vielerorts Projekte für Sprachmuseen.

Ottar Grepstad vom Zentrum für Norwegische Sprache hat 2015 rund um die Erde 59 derartige Initiativen gezählt, die meisten davon jünger als 20 Jahre. Allerdings sind in dieser Liste auch Museen für Schrift und Buchdruck verzeichnet, dazu Postmuseen, die sich in Deutschland und der Schweiz in „Museen für Kommunikation“ umbenannt haben. Viele sind jeweils nur einer einzigen Sprache gewidmet, etwa das Portugiesisch-Museum in Sao Paulo, oder würdigen einzelne Persönlichkeiten, wie zum Beispiel „Dr. Johnson’s House“ in London.

Eine ganze Reihe Initiativen hat zwar schon Ausstellungen organisiert, findet aber nicht genügend Geld für ein permanentes Museum. Die Pläne für eine „Casa de las Llengües“ in Barcelona ruhen ebenso in der Schublade wie für „SprachLust“ in Salzburg, das „Museum der Sprachen der Welt“ in Berlin und das „World Language Center“ in Reykjavik. „Die Ära großer Museumsprojekte ist lange vorbei“, meint gar das „Taalmuseum“ in Leiden, das sich von vornherein mit Veranstaltungen und Internetseiten begnügt.

Häuser, wie sie David Crystal vorschweben, gibt es bislang erst eine Handvoll. Ein Spezialfall ist dabei das bereits vor 90 Jahren gegründete „Esperanto-Museum“ in Wien: Lange nur eine etwas verstaubte Abteilung der Österreichischen Nationalbibliothek, bezog es 2005 moderne Räume im Palais Mollard, wo es nun allgemein zu Plansprachen informiert.

Das Museum „Mundolingua“, 2013 von dem neuseeländischen Linguisten Mark Oremland in einem Pariser Wohnhaus nahe des Jardin du Luxembourg eröffnet, bringt auf zwei Stockwerken und in einem Mini-Kino Besuchern Erkenntnisse der Sprachwissenschaft spielerisch nahe, und zwar in den sechs Arbeitssprachen der Uno und auf Esperanto. Kinder können an Bildschirmen herumdrücken; stolz ist das Museum unter anderem auf eine Enigma-Verschlüsselungsmaschine und eine Kopie des Steins von Rosetta.

Gut zehn Mal größer ist das „Wortreich“ in Bad Hersfeld. Die hessische Kur- und Festspiel-Stadt war einst Heimat des Wörterbuch-Verfassers Konrad Duden wie auch des Computer-Pioniers Konrad Zuse. Von dem Bremer Unternehmen Erlebniskontor hat sie sich für 6 Millionen Euro in ehemaligen Fabrikhallen auf 1 200 Quadratmetern eine „Themenwelt“ zu Sprache und Kommunikation einrichten lassen. Die unterhaltsame Dauerausstellung wurde 2011 eröffnet. Mehr als 90 interaktive Stationen verführen darin zum Mitmachen. Selbst wer nicht überall Halt macht, etwa auf Karaoke-Singen, Stille-Post-Spielen oder Experimente zum Schreiben mit den Augen verzichtet, braucht für den Besuch rund zwei bis drei Stunden.

Die Hersfelder Schau spricht alle Sinne an. Da eines ihrer elf Kapitel die Verständigung im Tierreich behandelt, können sich Besucher sogar an Duftproben versuchen. Lustig ist auch eine Simultankabine, in der man Reden zur EU-Gurkenverordnung dolmetschen kann. Alle Texte sind auf Deutsch und Englisch, können auch angehört oder in Braille-Schrift ertastet werden. Wissenschaftliche Erläuterungen sind nur knapp. Dafür wird anschaulich für den Erhalt der Sprachvielfalt geworben. Wäre es nicht schade um Shona? Das afrikanische Idiom hat 200 Wörter allein für „gehen“ (zum Beispiel mbwembwur = „gehen und dabei mit dem Po wackeln“). Den praktischen Frustrativ des brasilianischen Awetí kennen nur noch an die 150 Sprecher (etwa „Ich habe geschlafen, bin aber immer noch müde“).

Das 30 000-Einwohner-Städtchen Bad Hersfeld liegt etwas abgelegen im ehemaligen DDR-Zonenrandgebiet. Statt der ursprünglich projektierten 120 000 Besucher pro Jahr fand bislang bestenfalls die Hälfte den Weg ins „Wortreich“. Die Geschäftsführerin Karina Gutzeit hat deshalb die Ausrichtung etwas verändert: Schulkinder sind weiter die Hauptzielgruppe, das Haus wurde aber auch für das Tagungsgeschäft geöffnet. Mit Seminaren und Kommunikationstraining für Firmen konnte immerhin das jährliche Defizit von einer halben Million auf zuletzt 169 000 Euro gesenkt werden.

Derartige Schwierigkeiten schrecken vielleicht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ab, ein eigenes Museum zu eröffnen. Dass es nicht an fehlenden Inhalten liegt, veranschaulicht die Ausstellung Sprache. Welt der Worte, Zeichen, Gesten, die von der Akademie mit dem Deutschen Hygiene-Museum gestaltet wurde. Sie wird jetzt nur knapp ein Jahr lang in Dresden gezeigt und soll danach nicht weitergeführt werden. Zum Begleitprogramm gehörte bislang unter anderem das Literaturfest „Wir müssen reden!“.

Die 800 Quadratmeter große Ausstellung ist in vier Abschnitte gegliedert. In „Wie wir Menschen zur Sprache kommen“ werden vor allem anatomische und neuro-physiologische Grundlagen behandelt. In der Abteilung „Denkbewegungen“ geht es zum Beispiel um Schrift und Literatur, Grammatik und Sprichwörter – und den enormen Zettelkasten des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Propaganda ist ein Hauptthema von „Macht und Magie der Sprache“. Hier ist beispielsweise ein Nazi-Plakat von 1940 zu sehen, das die Luxemburger vom „verniggerten“ Französisch abbringen sollte. Zum Schluss reißt „Sprachheimat(en)“ Themen an wie Migration, Mehrsprachigkeit, Unterdrückung von Minderheiten, aber auch Sprachstörungen wie Stottern.

Ein besonderes Steckenpferd der Ausstellung ist Gebärdensprache, die in Deutschland erst seit 2002 amtlich anerkannt ist. Ansonsten sind alle Begleittexte auf Deutsch und Englisch, zum Teil in vereinfachter Sprache. Zahlreiche Bildschirme und Audio-Stationen ermöglichen überraschende Entdeckungen, etwa Dialekt-Beispiele, Kurt Schwitters Ursonate von 1925, die deutsche Nationalhymne auf Türkisch oder auch einen Gehörlosen-Chor. Historische Exponate, wissenschaftliche Experimente und Sprach-Spiele wechseln sich ab mit zeitgenössischen Kunstwerken; an einer Toiletten-Wand können sich die Besucher mit Graffitis verewigen.

Lehrerinnen, die gehofft hatten, in der Bandbreite von Goethes Handschriften bis zu Berliner Kiez-Rap sei nun wirklich für jeden etwas dabei, werden in Dresden allerdings bitter enttäuscht: Demonstrativ gelangweilt lümmeln sich Jugendliche in die Sitzkissen der Lese-Ecken, ziehen ihre Mützen tief in die Stirn und befingern Smartphones. Immerhin ist damit bewiesen: Nicht kommunizieren geht gar nicht.

Zu bestehenden und geplanten Sprachmuseen informiert das E-Buch A world of languages and written culture von Ottar Grepstad, das hier gratis zu haben ist: www.aasentunet.no/filestore/PDF/814Languagemuseums20150209rev.pdf

Hessische Erlebniswelt für Sprache: www.wortreich-badhersfeld.de

Pariser Sprachmuseum: www.mundolingua.org

In Dresden ist die Ausstellung Sprache noch bis 20. August 2017 zu sehen: www.dhmd.de Ein Lesebuch dazu hat Colleen M. Schmitz im Göttinger Wallstein-Verlag herausgegeben.

Martin Ebner
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