Die Sprachdebatte geht in die nächste Runde: Petitionäre warnen vor Überforderung, die ADR sieht gar eine „Frankofonisierung“

Glaubenssätze

Frühförderung
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 02.06.2017

„Was für ein Niveau”, murmelte ein Besucher auf der Parlamentstribüne am Dienstagnachmittag anlässlich der Debatte zur Einführung des Französischen in der sprachlichen Frühförderung. „Wie in einem Bistro“, wird später eine parlamentarische Mitarbeiterin abseits der Mikros kommentieren. In der Tat konnten sich Zuhörer über die Beiträge der Initiatoren der Petition 785 wundern, die immerhin mehr als 4 500 Unterstützer fand und deshalb vom Parlament diskutiert werden musste. Sie gaben sich während der einstündigen Debatte, auch auf nach Nachfrage hin, keine Mühe ihre Hauptthese, dass Kinder durch Französisch im Vorschulalter überfordert würden, zu begründen.

In einem Interview mit www.famill.lu hatte der Grundschullehrer Jacques Dahm behauptet, dass Mehrsprachigkeit am besten dann funktioniere, „wenn jemand seine Muttersprache zu 100 Prozent beherrscht“. Dahms einzige Referenz war der kanadische Pädagoge Jim Cummins. Laut dessen „Schwellenhypothese“ muss zunächst ein bestimmter Kenntnisstand in einer Sprache gefestigt sein, bevor eine zweite erlernt werden kann, eine These aus den 1980-ern, die unter Spracherwerbsforschern inzwischen als überholt gilt. So wie auch der Psychologe Gilbert Pregno in seinem Beitrag im Luxemburger Wort „En Francais svp!“ feststellt.

Da war es ein Leichtes für Schulminister Claude Meisch (DP), in seiner Antwort Dahms Argumentation zu demontieren und mit aktuellen Sprachstudien zu kontern. Dazu hatte er eigens eine Liste mit 72 bibliografischen Referenzen anfertigen lassen. Sie besagen unter anderem, dass Kleinkinder bis etwa sechs, sieben Jahre Sprachen anders lernen als ältere, dass sie parallel mehrere Sprachen relativ mühelos nebeneinander lernen, die in ihrem Umfeld gesprochen werden. Ähnliches hatte die Linguistin der Uni Luxemburg, Constanze Weth, in einem Land-Interview betont.

Man hätte erwarten können, dass die Petitionäre dies wissen. Vielleicht hatten sie einen schlechten Tag, vielleicht waren sie nicht gut vorbereitet. So schienen sie nicht zu wissen, dass bereits seit Monaten Weiterbildungen zur sprachlichen Frühförderung im Gange (und gut besucht) sind und das Konzept weiterentwickelt wird. Vielleicht waren ihnen die neueren Studien nicht bekannt. Dann aber muss man sich Fragen stellen über die Qualität der Lehreraus- und -weiterbildung.

Meischs Konzept ist keineswegs über Kritik erhaben: Dass es, entgegen der Absichtserklärung des Ministers, nicht mit einer Gruppe von Sprachforschern der Universität Luxemburg entwickelt wurde, sondern in einer Arbeitsgruppe des Ministeriums, in der eine von der Uni ins Ministerium gewechselte Forscherin saß und dass hiermit ein Ansatz landesweit eingeführt werden soll, dessen Wirkungsweise auf den Spracherwerb bisher nicht eingehend untersucht wurde, sind nur zwei Punkte von mehreren, die kritikwürdig sind.

Die Erfahrungen der Projektschulen seien gut, behauptet Meisch. Aber um belastbare Aussagen über den Nutzen einer spielerischen sprachlichen Frühförderung in Französisch und Luxemburgisch zu machen, bei der zudem die Herkunftssprache gestärkt werden soll, braucht es vergleichende Längsschnittstudien, nicht anekdotenhaft erzählte Erfolgsgeschichten. Sie fehlen. Dafür, dass der Ansatz den Steuerzahler 80 Millionen Euro jährlich zusätzlich kosten wird, wäre das nicht zu viel verlangt.

Die Petitionäre stellen zu Recht die Frage nach der Fortführung des Französischangebots. Dass es bei der Frühförderung nicht stehenbleiben kann, sagt Meisch selbst. Seit Monaten ist eine Arbeitsgruppe in der ministeriumseigenen Denkfabrik Script damit beschäftigt, die Sprachförderung auf allen Schulstufen zu überdenken. Das Abkommen, das das Ministerium im November mit der Lehrergewerkschaft SNE unterzeichnet hatte, sieht vor, dass die Familiarisierung mit Französisch im ersten Zyklus, in Précoce und Spillschoul weitergeführt werden soll. Auch der Sprachenunterricht in Grund- und Sekundarschule wird überdacht, wobei es nicht nur darum geht, die didaktischen Materialien und Methoden zu überarbeiten und stärker auf Lehrmethoden von Französisch als Fremdsprache auszurichten, etwas das Sprachforscher seit langem fordern. Insgesamt soll der Unterricht durchlässiger für andere Sprachen werden. Das macht Sinn: Kinder lernen, indem sie Laute, Wörter, Satzstrukturen vergleichen. Das in Luxemburg vorherrschende Modell des Einzelsprachenunterrichts, in dem sich ausschließlich auf eine Sprache – und da vor allem auf das korrekte Schreiben – konzentriert wird, ist überholt.

Diese sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse scheinen noch lange nicht bei allen Lehrern angekommen zu sein. Das mag daran liegen, dass sie in ihrer vierjährigen Ausbildung neben Sprachentwicklung weitere Fächer studieren und zudem seit Jahren an dem richtigen Mix zwischen Theorie und Praxis herumgedoktert wird. In dem Sinne ist die Einführung eines dreijährigen Referendariats zu begrüßen, obschon das die Berufsvertretungen anders sehen. Hier rächt sich, dass der Minister sein Konzept eben nicht nach einer breiten gesellschaftlichen Konzertation und durch einen wissenschaftlichen Beirat hat entwickeln und absichern lassen. Eine nachgereichte Fachkonferenz mit ausgewählten Wissenschaftlern, wie sie kürzlich stattfand, ersetzt keine kontroverse Debatte, die verschiedene Konzepte gegenüberstellt und auf ihre Wirksamkeit untersucht.

Die Frage ist allerdings, wie realistisch es ist, eine solche Konzertation binnen einer Legislaturperiode auf die Beine zu stellen. Oder ob es nicht besser wäre, angesichts der enormen gesellschaftlichen Bedeutung eine Sprachenpolitik im Rahmen eines parteienübergreifenden Konsenses über eine Regierungszeit hinaus zu entwickeln. Hier zeigt sich eine strukturelle Schwäche der Bildungspolitik: Obwohl die Mehrsprachigkeit Dreh- und Angelpunkt des Luxemburger Schulsystems ist, gibt es kaum eine Tradition, sie systematisch zu analysieren. Spracherwerbsforschung, mehrsprachige Didaktik, Arbeitsmarktforschung stecken hierzulande in den Kinderschuhen. Längst hätten gezielt erfolgreiche Schulen mit überzeugenden Sprachresultaten gefunden und Best practises untersucht werden können. Das aber würde einen anderen Umgang mit Evaluation und Feedback voraussetzen –nicht zuletzt da stehen sich alle selbst im Weg: die Lehrer, die sich nicht von außen bewerten lassen wollen, die Schulen, die um ihren Ruf fürchten, die Politiker, die Angst haben, sich unbeliebt zu machen.

Selbst wenn es eine nennenswerte Bildungs- und pädagogische Forschung gäbe; nach der Debatte am Dienstag kann man sich fragen, ob die Mehrheit der Lehrer sie überhaupt zu Kenntnis nähme. Oder glaubt einfach jeder, was er/sie will und was in sein/ihr Weltbild passt? Um eine fachlich hochwertige Reflexion zum Spracherwerb einer heterogenen Schülerschaft ging es jedenfalls nicht. Eher darum, Mythen und eigene Glaubenssätze fortzuschreiben.

Das schräge Bild zur Kinderbetreuung spricht da Bände: Jacques Dahm plädierte für weniger Staat und mehr Familie. Kinder würden darunter „leiden“, wenn sie nicht zuhause aufwüchsen. Wissenschaftlich ist die Mär, dass institutionelle Betreuung für die kindliche Entwicklung per se schädlich sei und die Betreuung durch die Familie (Mutter) natürlich besser, widerlegt: Internationale Studien zeigen, dass es auch hier auf die Qualität der Betreuung, auf die Intensität und die Kontinuität der Bindung ankommt. Wie sich so altbackene Plattitüden zudem mit den Positionen seiner politischen Heimat vereinbaren, weiß wohl nur der Autor selbst (Dahm kandidiert bei den Gemeindewahlen in Junglinster für Déi Gréng).

Wenig erstaunlich, dass die Unterzeichner Unterstützung von rechts, von der CSV und der ADR, bekamen (es war eine CSV-Familienministerin, die den Ausbau der Maisons relais vorantrieb). Wobei die Position der schulpolitischen Sprecherin der CSV, Martine Hansen, differenzierter war als das Schreckgespenst einer „Frankofonisierung“ auf Kosten der Luxemburger, das der ADR-Abgeordnete Fernand Kartheiser heraufbeschwor. Hansen plädierte zwar wie die Petitionäre dafür, verstärkt auf Luxemburgisch in der Vorschule zu setzen, ihre Partei stimmte unter anderem auch wegen der Kritik am Französischen in Zyklus 1 am Mittwoch gegen die Reform des Grundschulgesetzes. Sie verwies auf Ergebnisse aus Lernstandserhebungen, die darauf hindeuten, dass Luxemburgischkenntnisse die Alphabetisierung auf Deutsch positiv beeinflussen. Allerdings sind diese nicht abgesichert und es ist unklar, ob der Vorsprung dauerhaft anhält.

Dabei ist die Kernfrage beim Streit um die „richtige“ Frühförderung doch die, welche Sprachförderung am Ende zu besseren Bildungsverläufen führt. Im bestehenden System, wohlgemerkt. Denn dass die Dreisprachigkeit bleiben soll, darin sind sich beide Seiten – die Befürwörter von mehr Französisch (und Luxemburgisch) in Krippe und Kindergarten sowie die Befürworter einer Stärkung von Luxemburgisch im Zyklus 1 – einig. Beide wollen das herkömmliche System retten, wenngleich auf unterschiedlichen Wegen. Inhärent ist ihnen das Eingeständnis, dass der herkömmliche Sprachenunterricht, so wie er derzeit gelehrt wird, das Ziel, möglichst viele Kinder dreisprachig auf hohem Niveau zu erziehen, nicht erreicht. Meischs Ansatz, früh mit einer Gratis-Sprachförderung anzusetzen und so die Startbedingungen für eine erfolgreiche Schulkarriere zu verbessern, hat zusätzlich den Anspruch, die soziale Schere zu schließen und Kindern aus ärmeren Elternhäusern, die daheim kein Luxemburgisch sprechen, bessere Bildungschancen einzuräumen. Aber auch das ist nicht frei von Blindflecken: Der Staatsrat warnte in einem Gutachten zur (erneuten) Änderung des Jugendgesetzes davor, die sprachliche Frühförderung könnte zu neuen sozialen Ungleichheiten führen, weil Kinder, die von Tagesmüttern und -vätern privat betreut werden, nicht im gleichen Maße in den Genuss einer bilingualen Sprachförderung kämen.

Ines Kurschat
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