Mit Hilfe freiwilliger Zertifizierung, Offenlegung und Prüfung das Doping-Problem angehen

Gefangene eines fatalen Systems?

d'Lëtzebuerger Land du 02.06.2017

Doping hat den professionellen Radsport in den vergangenen beiden Dekaden erschüttert. Es führte zu dramatischen, geradezu filmreifen Szenen des Denunzierens, Leugnens und Gestehens beteiligter Athleten. Unvergessen sind die Auftritte von Lance Armstrong in einer amerikanischen Talkshow, in welcher er erstmals zugab, Epo eingenommen zu haben. Viele Zuschauer, insbesondere Radsportfans, sind enttäuscht. Die Schnappschüsse in den Medien zeigen die erschöpften Gesichter der Athleten, welche Resignation und vermeintlichen moralischen Verfall zum Ausdruck bringen. Längst verblasst sind in diesen Momenten die Bilder der triumphalen Zieleinfahrten.

Doch wie ist Doping aus einer rein entscheidungstheoretischen Perspektive zu betrachten? Sind Radprofis tatsächlich unethische Menschen oder doch Gefangene eines fatalen Systems? Welche alternativen Lösungsansätze existieren neben einer Ausweitung der Pflichtkontrollen?

Jan Ullrich, Tour de France-Sieger von 1997, brachte es einst auf den Punkt: „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen. [...] Fast jeder hat leistungssteigernde Substanzen genommen.“ (Jan Ullrich im Interview mit dem Magazin Focus im Juli 2013). Wenn alle dopen, muss jeder einzelne dopen, um keinen Nachteil zu haben. Dieser Zusammenhang ist in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur seit den 1950-er Jahren bekannt und wird durch die Spieltheorie beschrieben. Allen Athleten wäre es in diesem „Spiel“ lieber, wenn niemand dopen würde. Wenn jedoch zunächst tatsächlich niemand dopen würde, bestünde für den einzelnen Athleten der Anreiz, sich durch Doping einen Vorteil zu verschaffen. Dieser individuelle Vorteil würde die persönlichen Unannehmlichkeiten des Dopens aufwiegen. Doping zum eigenen Vorteil ist unethisch. Doch selbst wenn sich alle Athleten zunächst ethisch verhalten und nicht dopen würden, würden sie erkennen, dass andere Fahrer möglicherweise dopen. Das Verhalten der anderen kann der individuelle, saubere Athlet nicht beeinflussen. So kann es kommen, dass zwar alle Athleten Doping missbilligen, sich aber trotzdem gezwungen sehen, zu dopen. Welche Lösungsansätze existieren für dieses Problem?

Der bisherige Lösungsansatz basiert auf der Idee der Kontrolle (Englisch: monitoring) durch übergeordnete Instanzen. Hierzu zählen die Dopingkontrollen des Internationalen Radsport-Verbands (UCI) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Auch der kürzlich eingeführte biologische Pass oder Blutpass, eine individuelle Datenbank medizinischer Werte der Athleten, gehört zu dieser Kategorie. Problematisch ist dabei der stichprobenartige Charakter der Kontrollen. Beim Radsport handelt es sich nahezu um ein „Der-Gewinner-erhält-alles-Spiel“, bei dem nur die erfolgsreichsten Athleten ein so hohes Einkommen erzielen, dass dieses auch die Vorsorge für die Zeit nach Karriere ermöglicht. Wenn jedoch nur wenige Top-Athleten ein zufriedenstellendes Lebenseinkommen erzielen, haben stichprobenartige Doping-Tests keine ausreichend abschreckende Wirkung. Formal beschreiben die Wirtschaftswissenschaften diesen Zusammenhang mit sogenannten Auszahlung- oder Einkommensfunktionen. Es ergeben sich zwei Handlungsstrategien, aus welchen unter der Annahme, dass die Konkurrenten dopen, insgesamt fünf realistische Szenarien resultieren:

Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, dass „nicht dopen“ zwangsläufig zu einem unzureichenden Einkommen führt solange andere Athleten dopen. Dopende Athleten laufen zwar Gefahr, entlarvt zu werden, doch haben sie in einem „Der-Gewinner-erhält-alles-Spiel“ nichts zu verlieren. Der stichprobenartige Charakter der Dopingkontrollen ermöglicht das Szenario „Gewinnen und nicht des Dopings überführt werden“, welches mit hohem Einkommen einhergeht. Somit dominiert die Handlungsstrategie „Dopen“ die Alternativstrategie „Nicht dopen“.

Welche alternativen Lösungsansätze sind denkbar? Viele Leser dieses Beitrags kennen die Zeichen „Fairtrade“, „ServiceQualitéitLëtzebuerg” oder den „Blauen Engel”. Hierbei handelt es sich um freiwillige Siegel oder Zertifikate, die eine bestimmte Eigenschaft oder Qualität von Verbrauchsprodukten signalisieren. Die Hersteller der Produkte unterwerfen sich freiwillig den Kontrollen der vergebenden Institutionen. Ein anderes Beispiel sind Unternehmen, die ihr Qualitätsmanagement zertifizieren lassen oder freiwillig Nachhaltigkeitsberichte herausgeben und von Wirtschaftsprüfern bestätigen lassen. Was sind die Motive hinter diesen Siegeln und freiwilligen Instrumenten der Offenlegung? Die Unternehmen möchten sich von ihrer Konkurrenz abgrenzen und höhere Standards signalisieren (signaling). Der entscheidende Unterschied zur zwangsweisen Kontrolle (monitoring) ist der freiwillige Charakter. Dieser sorgt auf der Ebene der Unternehmen und Mitarbeiter von Vornherein für eine bessere Akzeptanz der zusätzlichen Maßnahmen, zum Beispiel Audits, höhere Produktions-, Umwelt- und Ethikstandards. Durch die Verleihung eines Siegels, Zertifikats oder Testats ergibt sich zudem ein relativer Nutzen für die Unternehmen, welcher die Kosten der zusätzlichen Maßnahmen überkompensiert. Wären hingegen alle diese Maßnahmen gesetzlich vorgeschrieben, bestünde keine Möglichkeit, sich von den Konkurrenten abzugrenzen.

Wie ist das Instrument der freiwilligen Offenlegung oder Zertifizierung auf den Radsport zu übertragen? Einige Athleten oder Teams, die ihre Gesundheit oder die ihrer Athleten nicht durch Doping gefährden möchten, könnten die Initiative ergreifen und sich zusätzlichen, wirklich flächendeckenden Dopingtests unterziehen. Profiteams könnten interne Kontrollen gegen Doping einführen und Prüfungsorganisationen damit beauftragen, diese internen Kontrollen zu prüfen. Zum Beispiel beauftragte der Radsport-Dachverband UCI im Jahre 2012 die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG mit der Prüfung ihrer Führungsstrukturen im Zusammenhang mit dem Skandal um Lance Armstrong. Die Wirtschaftsprüfung hat also bereits Einzug in den Radsport erhalten. Dies sind Schritte in die richtige Richtung, denn im Rechnungswesen als Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften ist das Verhindern von Betrug, zum Beispiel Bilanzbetrug, seit langem ein Kernthema. Der Radsport könnte von den Erfahrungen aus diesem Bereich profitieren.

Welche Voraussetzungen existieren für das Funktionieren derartiger, durch die Athleten selbst auferlegter zusätzlichen Kontrollen und Zertifizierungen? Neben der Eigeninitiative der Athleten ist vor allem die Wertschätzung der betreffenden Zertifizierungen durch Zuschauer und Sponsoren notwendig. Die Zuschauer müssten die sportliche Leistung eines zertifizierten Athleten höher einschätzen als jene eines Athleten ohne Zertifizierung. Hieraus würden unmittelbare wirtschaftliche Vorteile resultieren, wie etwa höher dotierte Sponsorenverträge. Diese würden den relativen Nachteil, welcher sich aus dem Dopingverzicht, den flächendeckenden Doping-Kontrollen und der freiwilligen Offenlegung von Laborwerten ergäbe, ausgleichen. So entstünde zunächst eine wünschenswerte Zweiklassengesellschaft. Die eine Klasse folgt den hohen Zertifizierungsstandards, die andere Klasse verzichtet auf Zertifizierung. In die Klasse der sauberen Athleten würden sich jene Akteure selektieren, die auf Doping verzichten. Je mehr Zuschauer und Sponsoren die Leistung der zertifizierten Athleten wertschätzen, desto eher ist zu erwarten, dass sich langfristig alle Athleten dieser Klasse anschließen.

Ein weiterer Aspekt, der bei zusätzlichen freiwilligen Kontrollen zu beachten ist, ist deren Kosten. So verschrieb sich das US-amerikanische Team Slipstream (heute: Cannondale Drapac) im Jahr 2007 einem Anti-Doping-Kurs mit 50 Blut- und Urintests pro Athlet und Jahr, welches in etwa einer fünffach höheren Kontrolldichte als dem UCI Standard entspricht. Die Kosten hierfür beliefen sich auf etwa 400 000 US-Dollar, welche durch Sponsoren getragen wurden (Bicycling, Mai 2007, Seiten 52 bis 54).

Welches sind die nächsten Schritte, um mit der Hilfe freiwilliger Zertifizierung, Offenlegung und Prüfung das Doping-Problem anzugehen? Die Initiative muss von den Athleten und deren Teams ausgehen. Diese müssen erkennen, dass die Zuschauer und Sponsoren eine mit fairen Mitteln errungene Platzierung höher schätzen als einen Sieg unter Doping. Die Athleten und Teams müssen selbst überlegen, wie eine lückenlose Doping-Kontrolle auf freiwilliger Basis zu strukturieren wäre. Wer anders als der Betrüger selbst kann die Betrüger am besten am Betrügen hindern? Im nächsten Schritt müssen Athleten und Teams Kontakt zu potenziellen Prüfungsorganisationen aufnehmen und die Zertifizierungsstrategie abstimmen. Sponsoren und Zuschauer müssen dann tatsächlich die sportlichen Leistungen, welche die zertifizierten Athleten erbringen, höher einschätzen als die Leistungen der nicht zertifizierten Athleten. Sponsoren und Zuschauer werden dadurch ein Teil der Zertifizierungsstrategie. So könnte ein bewährtes Prinzip aus der Rechnungslegung, nämlich die freiwillige Offenlegung und Zertifizierung, das Doping-Problem des Radsports nachhaltig lösen und Vertrauen wiederherstellen.

Thomas Kaspereit ist Professor am Crea (Centre for Research in Economics and Management) der Universität Luxemburg.

Thomas Kaspereit
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