Zum Frauentag

Über, unter Frauen

d'Lëtzebuerger Land du 11.03.2016

Irgendwie werden die Frauen auch diesmal ihre Tage durchstehen, sie haben schon ganz anderes durchgemacht. Also halten sie auch Politiker aus, die ihnen Blümchen überreichen, wild wirbelnde Weiber, Kerle, die den Feministen in sich entdecken und ihn stolz herzeigen. Frauenthemen, zu denen sie Stellung nehmen sollen, wer denn sonst, schließlich sind sie die Frauen. Dass Facebook allen Frauen gratuliert und verspricht, sich weltweit für Frauenrechte einzusetzen. Und dass in den Medien die Geschlechtsbezeichnung Frau derzeit überproportional häufig vorkommt.

Es gibt einen unheimlich guten Frauentagsfilm, unheimlich tolle Frauentagsausstellungen mit Frauenbildern zu Frauenthemen. Von denen gibt es immer mehr, weil, was ist das eigentlich, so eine Frau? Frau muss Kurse belegen, um das herauszufinden, und in den Diskurs um das eigene Geschlecht einzutauchen, das es vielleicht gar nicht gibt, dafür gibt es andere Alternativen, auch nicht schlechter. Das

Weibsbildbild ist ja noch wesentlich komplexer als damals, als sie in dem Buch blätterte, in dem sie ein Geschöpf entdeckte mit Brüsten und unten nichts. Das unbekannte Wesen, nannte einst der Dichter dieses Weibsbild, so ein unbekanntes Wesen wollte sie werden.

Und jetzt gibt es tiefgekühlte Eier, die geduldig auf das optimale Date mit dem optimalen Sperma warten, während die Eierbesitzerin die Karriereleiter erklimmt, ihr wird nicht mal schwindlig, sie fällt nicht ohnmächtig in die Arme eines Mannes mit markanten Gesichtszügen. Seine Spermien hätte sie aber gern.

Frauentagsvorglühen, Frauentagsvorfreuen, -vorfrauen. Frau ist schwer gefordert, sie kann nicht weglaufen oder sich wegducken, sie kann nicht einfach an irgendetwas Interessantes denken, beziehungsweise an etwas anderes Interessantes denken, zum Beispiel an den Tabakanbau in der DDR. Sie wird an einem Frauentagsbüffet mitwirken, die Schularbeit des Sohnes zur Genderthematik noch mal kritisch durchleuchten, vielleicht hat er das Allerwichtigste übersehen, es wird Fangfragen geben. Die Phallusfalle lauert überall! Wenigstens gut drauf soll sie sein, positive Schwesternschwingungen verbreiten. Die Freundin, die einen Matriarchatsvortrag hält, empowern.

Oder wenigstens all die Armutsrisiken, Kinder, Alter, Scheidung herunterbeten, die deprimierenden Klassiker. In einer Debatte ihre Frau stehen, in der es um Decken geht, die Frauen auf den Kopf fallen, oder um Glasdecken, die Frauen durchbrechen sollen, unbedingt. Und nicht immer gleich an das Blut denken. Oder sie hört sich diese Debatten an, schließlich geht es um sie, gerade deshalb langweilt sie sich ja so dabei, sie hört sich das schließlich schon lebenslänglich an. Sie hört sich mit dem Mund vieler Frauen fragen, ob sie zu viel oder zu wenig macht oder ist, und ob sie allen alles recht macht oder ob sie allen alles schlecht macht. Oder das Gegenteil.

Sie schaltet um zu der erfolgreichen Frau Heidi Klum und schaut ihr bei der Mädchenquälerei zu.

Sie schaltet um zu der erfolgreichen Frau Angela Merkel und hört einen Mann sagen, dass die ja nicht mal Kinder hat.

Falls gerade kein Kind Zähne kriegt oder Liebeskummer hat und kein Mann oder kein alter Mensch Zuwendung braucht, besucht sie Feste, in denen Politikerinnen und Künstlerinnen einander toll finden, oder schaut sich Filme mit Frauen an, die nicht mehr ehrengemordet werden wollen. Die Kurdinnen machen was und die Flüchtlingsfrauen stehen auf einer Bühne, sie erzählen wie es ist, wenn eine Frau flüchtet. Die muslimischen Frauen laden zur Vernissage von Porträts von Kopftuchfrauen, eine Burkafrau zeigen sie, vielleicht logisch, nicht. In einem Frauencafé wird die Frage erörtert, warum Transfrauen dort nicht erwünscht waren. Und was geschieht, wenn die Männer sich so wundersam vermehren wie gerade jetzt?

Vielleicht sind aber die Kinder, die mal Zähne bekamen oder Liebeskummer hatten, längst woanders, und kein Mann und kein alter oder junger Mensch braucht ihre Zuwendung, und sie weiß gar nicht wohin mit sich, mit ihrem Frausein, ihrem Menschsein.

Vielleicht ist es bei den anderen Frauen dann ja gut, vielleicht machen sie Mut.

Michèle Thoma
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