CD Isolation Nation der Benoît Martiny Band

Unter Dauerstrom

d'Lëtzebuerger Land du 25.11.2010

Benoît Martiny ist ein musikalischer Grenzgänger. Mit seinem experimentellen Jazz scheut er es nicht, Barrieren zu durchbrechen und mit seinem wild brodelnden Mix zwischen Elektro-Jazz, Rock, Funk, Trash und so genanntem Insanity immer wieder zu überraschen und einen Schritt weiter zu gehen. Wenn er an den Drums sitzt, tobt der Bär. Dann bricht ein Klangorkan über die Zuhörer herein, poltern wilde, mechanische Rhythmen durch den Saal, eine Musik, die einen mitreißt, eben weil sie keine Grenzen kennt. So auch beim Release-Konzert von Benoît Martinys neuem Album Isolation Nation, am letzten Freitag im Melusina.

Isolation Nation ist die Folge-CD der Scheibe mit dem schlichten Titel Benoît Martiny Band, die der Schlagzeuger vor zwei Jahren in Brüssel für das Label Quinto Quarto aufgenommen hatte – Martinys zweite Platte, nach dem Debüt-Album Jazz goes Garage, das bereits 2006 mit einem Kompromiss zwischen gutem alten Garagen-Jazz, Elektro-Sound und deftigem Rock die Individualität des Drummers zu Tage brachte.

In den letzten vier Jahren sind Benoît und seine Jungs rastlos durch Europa getourt, haben in allen denkbaren Jazz-Lokalen und Konzertsälen in Luxemburg gespielt, waren in Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Ungarn, Italien. 2008 haben sie den begehrten Amersfoort Jazz Talent Award gewonnen. Das Besondere an der Band ist nicht zuletzt ihre Neugier und Offenheit, neuen Stilrichtungen gegenüber: Mit Isolation Nation begibt sich Benoît Martiny weiter auf den Spuren des Fusion-Jazz. Gemeinsam mit dem Bassisten Sandor Kem, seit Jazz goes Garage mit von der Partie, Joao Driessen auf dem Tenor-Saxophon, seinen alten Weggefährten, dem Gitarristen Frank Gones und dem Saxophonisten Jasper van Damme und, als „guest“ in einer Nummer, Paul Gehl auf der E-Gitarre, hat Benoît Martiny im Studio Lobbes im niederländischen Opende für das Label XCOOP ein Album aufgenommen, auf dem die Band rockt und groovt wie nie zuvor.

Natürlich steht das Schlagzeug, der Rhythmus, die durchdringende Metrik im Mittelpunkt der Nummern. Benoît Martiny schreibt Stücke, die es ihm erlauben, alle Facetten dieses Instruments auszukosten, und das von seichten Pinselstrichen bis zu einem durchdringend hämmernden Beat in Höchstgeschwindigkeit. Die ausufernden Drums von Stücken wie Who called the cops?, der Titelnummer Isolation Nation oder Seriously funked up ergeben, gemeinsam mit der heulenden Elektrogitarre, den Riffs auf dem Saxophon und dem powervoll schwingenden E-Bass einen komplex geflochtenen, unglaublich satten Sound, eine unter Dauerstrom stehende Musik, die, trotz exzessiver Dynamik und Spannungssteigerungen jenseits von Gut und Böse, nuanciert und differenziert daherkommt.

Dass es mit diesem originell rockenden Elektro-Jazz nicht genug ist und man sich, vielleicht für das nächste Album der Benoît Martiny Band, einen weiteren Schritt des ambitionierten Schlagzeugers in Richtung musikalisches Neuland vorstellen kann, zeigt die gemeinsame Session mit den Hip-Hopern von De Läb, die sich vor dem Auftritt von Benoît Martiny im Rahmen ihres für die Expo in Shanghai entstandenen Projekts Brach ein skurriles Wortgefecht über die Erfahrun­gen in China lieferten und nach dem offiziellen Release-Teil zusammen mit der Jazz-Band auf einen eigenwilligen Exkurs zwischen Jazz, Rock, Hip Hop und Vocal-Jazz einließen.

Isolation Nation, CD & 7” Vinyl, Benoît Martiny Band / XCOOP. Informationen und Bestellungen: www.benoitmartinyband.com.
Marc Fiedler
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