Die kleine Zeitzeugin

Held_innen und Maskottchen

d'Lëtzebuerger Land vom 18.10.2019

Rojava-Heldinnen blicken kämpferisch von poppigen Postern. Alle Daumen gehen hoch, Likes, Tränen, trauernde Herzen, auf FB sind die Freund_innen außer sich. Der böse, böse, böse Wolf Erdogan! Trump, der Fiesling. Schmählicher Verräter. Trump go home! Was, er geht wirklich?!

So ziemlich die ganze Welt bekundet ihr Entsetzen, Politexpert_innen warnen vor Chaos im Nahen Osten, nicht sehr originell. Die EU murmelt was Besorgtes, wir können es uns denken und es uns schenken.

In den großen Städten der EU gibt es Kurd_innendemos, die immer die lebendigsten und temperamentvollsten sind. Sogar mit echten alten Männern, richtigen Arbeitern, wie man sie auf Linken-Demos sonst nie sieht. Frauen mit viel Haar, Fahnen mit Sonnen und Sternen. Das Öcalan-Porträt, das wie alle Ikonen nie altert, wird wie eine Monstranz getragen.

Terörist! Der Himmel ist aus Rauch und aus Blut, im türkischen Fernseher rollen mal wieder die Panzer, aus denen mal wieder die Jungs winken, einer wird schon am ersten Tag in einer Kiste zurück geliefert. Hey, Europäische Union! Erdogan droht, die Käfigtür zu öffnen, im deutschen Fernsehen fallen die Talk Shows aus. Dem Luxemburger Außenminister wird außerirdisch zumute.

Irdisch läuft ein Film ab, der uns unendlich bekannt vorkommt, der kein Ende zu haben scheint. Die Filmsequenzen, die wir in unregelmäßigen Folgen sehen. Wann die nächste Folge gesendet wird, die der vorigen sehr ähnelt, wissen wir nicht genau, aber wir können ihr sowieso nicht folgen. Die Kulisse ist zwar immer die gleiche, unwirtliche Örtlichkeit im Wüstensand mit verhuschten Gestalten. Wechselnde Nebendarsteller aus wechselnden Gruppierungen, die nur Kurdistanolog_innen nicht verwechseln. Die Hauptdarsteller, die ihr Haupt hinhalten und sich stellen, sind aber die gleichen. Toughe Mannsbilder, die Sandkorn um Sandkorn verteidigen, unterwegs ins Gelobte Land. Eine Fata Morgana?

Die jungen Frauen in Kampfmonturen, die so gern gepostet werden. Weil sie so toll sind, so toll mutig. So schön wild. So schön diszipliniert. So schön schön. Ich kann sie nicht liken, soll ich auch noch Frauen liken, die draufgehen im Krieg? Ich kann die Männer, die draufgehen, auch nicht liken. Ich bin für Feigheit vor dem Tod. Aber dann gäbe es ja nie ein Kurdistan.

Und wir lieben diese Held_innen ja so. Obschon die meisten von uns eine Heldenallergie haben, zumindest bilden wir uns das ein. Aber die machen ja was Sinnvolles. Sie sterben nicht für einen Blödsinn, sondern für uns. Nicht mal mehr in Hollywood macht das einer, der Letzte, der das tat, war Jesus, angeblich. Wir lieben sie, weil sie Loser sind, edle Loser. Gute Dumme, nein. Weil sie dauernd verraten werden, so wie wir, weil sie Vertrauen haben, weil sie einen Traum haben, aber nicht einen à la IS, mit Köpfen und Gottesfürchterlichkeit. Einen Menschentraum.

Utopie nennt man das. Sie haben eine Utopie, die gar keine mehr ist, manche haben sie gar gesehen und erzählen davon. Rojava. Kobane. Mit Marxismus und Feminismus und Selbstverwaltung. Selbst konservative Journalist_innen geraten ins Träumen. Auch wenn sich die Zuhörerin das dann doch nicht so richtig vorstellen kann, vielleicht ist ihre Traumkapazität schon lädiert.

Es könnte so schön sein. Und dann geht Trump home, und die Türken kommen.

Und dann ist der Retter ein ganz Böser. Halt, diese Version ist auch schon wieder revidiert, der ganz Böse wurde heruntergestuft zum Bösen light, also einem durchaus Brauchbaren. Dennoch setzt die übliche Konfusion ein, dürfen unsere guten Kurd_innen, unsere idealen Menschen, das denn?

Die Konfusion, die es schon gab, als Trump ihnen sozusagen zu Hilfe eilte. Mit den Amerikanern, pfui, darf das, darf Kurd_in das? Rojava-Romantik, Poster-Held_innen wie anno Che, und dann Trump? Statt edel zu sterben auf dem Feld der Ehre? Und schon verschwanden sie vom Schaufenster.

Am dritten Tag nach dem Beginn der türkischen Invasion sind die Kurd_innen nicht mehr in den Headlines. Auf FB übernehmen die Katzen und das Herbstlaub wieder, außerdem hat dauernd jemand Geburtstag. Am vierten Tag tauchen die Kurd_innen in den Nachrichtensendungen gar nicht mehr auf.

Michèle Thoma
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