Vergangene Woche stellten sich 29 Start-ups vor, in der Hoffnung auf 50 000 Euro, einen Schreibtisch in einem Inkubator und vier Monate Coaching

Wanderzirkus in Kirchberg

Das Start-up my MyMedBot stellt seine Idee vor
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 23.03.2018

Montags, kurz vor neun Uhr, nimmt einem die Geruchsmischung aus Popcorn, Nacho-Sauce und den Ausdünstungen derjenigen, die sie gegessen haben, welche man beim abendlichen Kinobesuch im Kinepolis Kirchberg widerwillig in Kauf nimmt, fast den Atem. Dennoch harren im Saal Nummer 6 fast 100 Leute in der luftdichten Dunkelheit aus. Auf einem Tisch neben den Abfalleimern steht lieblos Platikflaschenwasser bereit, vor der Leinwand sind weiße Ledersessel der Art italienisches Katalogdesign aufgestellt, auf die sich niemand setzten wird, umgeben vom Licht einer Diskobeleuchtung.

Auf dem Bildschirm läuft kein Film, sondern die Powerpoint-Präsentation von OW1 Audio, einem Start-up aus Frankreich. Beziehungsweise, sie läuft nicht. Denn wie könnte es anders sein an einem Montagmorgen, wenn Tech-Firmen sich vorstellen: Es gibt Probleme mit der Technik, die Fernbedienung für den Monitor funktioniert nicht. Dass Präsentation und Live-Vorstellung asynchron ablaufen, nimmt der Vorstellung des Audio-Systems für unterwegs ein wenig den Schneid, obwohl es von Designer Sasha Lakic entworfen wurde. OW1 Audio ist das erste von 29 Start-up-Unternehmen, die bis in den späten Nachmittag hinein einer Jury aus Unternehmern und Offiziellen ihre Produkte und Dienstleistungen vorstellen werden. Sie treten gegeneinander an, um in das Fit4Start-Programm aufgenommen zu werden. Denn das bedeutet, dass sie 50 000 Euro öffentliche Fördergelder, Büroräumlichkeiten und vier Monate Coaching erhalten. „How will you position your pricing model?“, fragt ein Jury-Mitglied. Ähnliche Sätze werden an diesem Tag viele geäußert. Dann ändert die Beleuchtung, die Zeit ist abgelaufen; jeder Firma stehen fünf Minuten zur Vorstellung bereitet und weitere fünf Minuten für Antworten auf Fragen der Jury, während denen das Licht auf der Bühne von Grün über Orange zu Rot wechselt.

Eine junge Asiatin tritt ans Mikrofon, sagt dreimal mit längeren Pausen dazwischen „Hallo“ und wird dabei ziemlich laut. Das Publikum ist ein wenig irritiert und das scheint die Unternehmerin offensichtlich zu freuen. Hier liegt kein kulturelles Missverständnis vor, sondern eine Demonstration, dass „Hallo“ nicht gleich „Hallo“ ist. Wann man welches in einer fremden Sprache benutzt, kann man mit ihrer App 2Dub lernen, erklärt die Koreanerin. Sie ermöglicht es Nutzern, ihre Fremdsprachendiktion zu verbessern, in dem sie die ärgerlichen Werbefilmchen, die Youtube vor den aufgerufenen Inhalt schaltet, selbst neu synchronisieren. Während der Frage-und-Antwort-Zeit, erklärt sie ein wenig stotternd das Business-Modell, es geht die Rede von CCP und CCM. Als sie von „effective geo-demographic focused advertising“ spricht, wird deutlich, dass sich der teure Uni-Abschluss am Londoner King’s College für Studenten aus Übersee gelohnt hat. Vor acht Wochen war die Fremdsprachen-Synchronisations-App bereits bei einem Wettbewerb in Helsinki in der Endauswahl. Es ist der erste Hinweis an diesem Tag auf den globalen Start-up-Wanderzirkus, der von einer Vorstellung zur nächsten tingelt, um Fördergelder und ein paar Monate Miete zu ergattern. Im Kinepolis Kirchberg sind Teilnehmer aus Südkorea, Finnland, Ecuador, Polen, Frankreich, Deutschland und sogar einige aus Luxemburg dabei. Offensichtlich kreuzen sich manche der mehr oder weniger jungen Unternehmer nicht zum ersten Mal bei einem so genannten „Pitching-Event“.

Dmitry aus Polen spricht schnell, er will die ihm zur Verfügung stehende Zeit voll ausnutzen. Er eröffnet ein fünf Minuten dauerndes, fast vokalfrei knackendes Maschinengewehrfeuer an Informationen über seine Firma, die Banken hilft, indem sie auch Informationen aus Sozialnetzwerken über potenzielle Kreditnehmer analysiert. Während der Fragezeit geht von europäischen Datenschutzregeln die Rede. Dem darauffolgenden Gelächter nach zu urteilen, scheint jemand einen Insider-Witz erzählt zu haben. Was ein solches Unternehmen in Luxemburg will? „This is the heart of Europe, very easy to get to other rich countries“, spult der Unternehmer eine Variation der Slogans ab, die er und andere, die an diesem Tag vorsprechen, eindeutig kurz vor der Präsentation auf der Webseite von Let’s make it happen nachgelesen haben.

Während der Pause gibt es vom Catering-Dienst Kaffee aus der Thermoskanne. Im Vorraum haben die Organisatoren von Luxinnovation, Nyuko und Wirtschaftsministerium einen Flipper, einen Babyfoot- und einen Airhockeytisch aufbauen lassen, dazu farbige Sitzgelegenheiten. Sie erinnern die Teilnehmer daran, dass diese Zeit zum Networken gedacht ist und die Spielgeräte dazu, vor den Präsentationen Stress abzubauen. Kreative Silicon-Valley-Tech-Atmosphäre will dennoch nicht so richtig aufkommen. Junge Unternehmer stehen mit Kopfhörern auf den Ohren am Tresen oder schirmen sich durch das Lesen von E-Mails auf dem Smartphone oder Laptop von ihrer Umwelt ab.

Ein erstes Start-up aus Luxemburg wird zur Präsentation angekündigt; der Name klingt nach Highway to capital. Ein Irrtum, die Niederlassung von High wave capital im Future Lab und die Zusammenarbeit mit dem Luxembourg House of Fintech (Lhoft) war den staatlichen Stellen sogar eine offizielle Pressemeldung wert. Der Mann trägt Jungunternehmeruniform, bestehend aus Sakko, Hemd ohne Krawatte, Jeans und Dynamik andeutenden Turnschuhen. Der Franzose radebrecht etwas „roboadvisers“ durch die gesamte „value chain“ von „early stage market“ und „our goal is perfomance“, wirft mit großen Zahlen um sich, „8 000 billion assets under management“. Die Powerpoint-Präsentation im Hintergrund liegt voll im Soll, was den Anteil an unterschiedlichen Pfeilen angeht – gestrichtelt, gepunktet, dick, dünn, farbig, schwarz, gekurvt, gradlinig. Er fügt noch hinzu: „We also need funding.“ Nach zwei Minuten ist das Spektakel vorbei. Ein Jury-Mitglied mit Zottelbart, gekleidet für einen Wanderausflug, schüttelt energisch den Kopf. Seine Kollegin fragt: „I did not really understand how your product works. Could you elaborate a bit?” Auf der Bühne beginnt erneut das Radebrechen: „Our allocation portfolio model outperforms the competition.“ Einen Beleg dafür bleibt der Unternehmer schudig. „Our key selling point is behavioural finance“, wirft er einige Phrasen hinterher, bleibt aber die Erklärung, was die Firma tatsächlich macht, gänzlich schuldig. Der Geduldsfaden des Zottelbarts ist offensichtlich strapaziert. Er fragt barsch: „Do you have any IP, patents, …?“ Nein, der Unternehmer erwähnt das Luxemburger Fintech Ökosystem. Möglicherweise sollen andere Firmen Inhalte, Wissen und Technik liefern auf dem „highway to capital“. Hinten im Saal, neben der Jury in den Komfort-Sesseln, tippen zwei junge Männer furios auf ihrem Laptop, machen dabei verachtende Geräusche. Sie tragen die Performance in einen Spreadsheet ein. Sie sind nicht zum Vorstellen hier, sondern auf Aufklärungsmission. Bei der nächsten Pitch-Session wollen sie ihre eigene Idee vortragen, heute beobachten sie deshalb nur, wie die Präsentationen anderer bei der Jury ankommen, tragen positive und negative Elemente in ihr Analyse-System ein, damit sie wissen, worauf es ankommt, wenn sie auftreten wollen.

Als er wieder Platz nimmt, sieht der Franzose noch höchst zufrieden mit sich selbst aus. Doch irgendwann innerhalb der nächsten halben Stunde muss ihm klar werden, dass er versagt hat. In der Mittagspause nimmt er sich den Ratschlag der Veranstalter zum Networken zu Herzen. Während die anderen Teilnehmer trotz PHDs mangels Tischen und Sitzgelegenheiten am Versuch scheitern, gleichzeitig Teller und Glas zu halten und eine Gabel zum Mund zu führen, kesselt er die Jury-Mitglieder ein, um sie doch noch davon zu überzeugen, dass er möglicherweise weiß, was seine Firma will, außer anderer Leute Geld.

Andere nutzen die lange Pause für eine Generalprobe ihrer Präsentation im Kinosaal. Ein Team aus fünf Leuten platziert im Saal verstreut, um zu testen, wo der Sprecher zwecks Publikumsinteraktion am besten während der Vorstellung hinschaut. Er misst vorne ab, wie viele Schritte er hin und her gehen kann, identifiziert bestimmte Punkte im Saal, über die er nicht hinauslaufen darf.

Ein weiteres Luxemburger Start-up folgt. Es trägt den originellen Namen Luxsign und will die vertrauliche Datenübermittlung revolutionieren, was verdächtig nach elektronischer Unterschrift klingt. Nach fünf Minuten fragt ein Jury-Mitglied: „Sorry, if you have presented it already, but can you summarise what your product really does?“ Schnell stellt sich heraus, dass es bereits andere Firmen gibt, die einen ähnlichen Dienst anbieten. Ob es irgendein Alleinstellungsmerkmal gibt? Er möchte gerne vom Image Luxemburgs als Land mit hohen Vertraulichkeitsstandards profitieren, der „geographic location“. Dass es da bereits einen staatlich getragenen Akteur namens Luxtrust gibt, an dem alle großen Banken am Standort beteiligt sind, steht den Jury-Mitgliedern ins Gesicht geschrieben.

MyMedBot wird angekündigt. Ein junger Mann, er sieht aus, als ob er gestern die Volljährigkeit erreicht hätte, tritt ans Podium. Von seinen fünf zur Verfügung stehenden Minuten verbringt er anderthalb damit, seine Karteikarten mit den Notizen zu sortieren, die er vor Aufregung durcheinander geworfen hat. Als er merkt, dass ihm die Zeit davon läuft, ruft er „screw the notes“ ins Mikrofon, greift in seine Anhängetasche, holt zwei Spritzen hervor, hält sie in die Höhe und fragt: „If I dropped to the floor now, would you be able to save my life?“ Als Diabetiker möchte er ein System entwickeln, das nicht nur an die in der Öffentlichkeit allgegenwärtigen Defilibratoren angelehnt, die richtigen Spritzen parat hält, sondern dazu eine App, die dem Sicherheits­personal in öffentlichen Gebäuden Bescheid sagt, wenn ein Diabetiker im Haus ist und im Falle des Falles, nicht nur den Angehörigen Bescheid gibt, sondern denjenigen, die zu Hilfe eilen, anweist, welche der beiden Spritzen sie wohin setzen müssen. Der junge Absolvent der Europaschule wird es ins Fit4Start-Programm schaffen.

Die Schau an Firmen, deren Namen eine Ansammlung von scheinbar wahllos aneinandergereihten Buchstaben sind, die nichts über ihre Aktivität aussagen, oft Klein- und Großbuchstaben mischen und überproportional viele X, Y, und Z enthalten, endet mit der Firma Zortify. Eine Truppe von Männern tritt an, in ihrer Mitte ein Jesus 2.0 mit dunklen Locken, schwarzer Kleidung und feuerroten Turnschuhen. Der Motivationscoach beginnt zu predigen, wem man Vertrauen kann und wem nicht. Weil man sich in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht immer sicher sein kann, empfiehlt er Arbeitgebern auf der Suche nach neuen Mitarbeitern, sich deshalb lieber auf das von seinen Kollegen entwickelte Computerprogramm zu stützen, um „the dark side of personality“ bei Jobkandidaten anhand von ihnen gelieferten Textproben und künstlicher Intelligenz zu identifizieren und so „greatly accelerate the trust process“. „We are not the only ones to believe in Zortify“, beendet Jesus die Präsentation mit erhobenen Händen, das Scheinwerferlicht im Rücken. Er hat sogar Jünger mitgebracht. Im Publikum jubelt seine Freundin, die den ganzen langen Tag an seiner Seite ausgeharrt hat.

Michèle Sinner
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