Wo ist der Arzt? Teil 2

Anstrickgurt auf Krankenbett
Photo: Sven Becker
Actualité du 28.11.2017 16:07

Nach zwei parlamentarischen Anfragen und internem wie öffentlichem Druck wird das Verfahren für Isolierungs- und Fixierungsmaßnahmen in Krisensituationen im Neuropsychiatrischen Krankenhaus Ettelbrück (CHNP) erneut überarbeitet. Pfleger des CHNP hatten im Sommer 2016 einen Leitfaden im klinikeigenen Intranet gefunden, wonach sie verpflichtet sein sollten, sollte der Doktor nicht im Haus sein, in Notsituationen einen aggressiven anders nicht zu bändigen Patienten zu fixieren oder zu isolieren, ohne dass eine ärztliche Anordnung vorliegt.  "Am ersten Werktag", so stand es im Leitfaden vom August, müsse der Arzt diese Maßnahme dann überprüfen und schriftlich bestätigen. Das hätte im schlimmsten Szenario bedeutet, dass theoretisch ein Patient bis zu 72 Stunden ans Bett hätte gefesselt bleiben könnte, ohne dass ein Doktor nach ihm schaut. D'Land hatte darüber ausführlich in einem Artikel vergangene Woche berichtet (d'Land vom 24.11.2017).

Die umstrittene Prozedur sei bereits am 7. November bei einem Treffen des Comité mixte, in dem Pflegeleitung, Conseil médical und Direktion zusammensitzen, überarbeitet worden, betonte CHNP-Generaldirektor Dr. Marc Graas gegenüber dem Land am vergangenen Freitag. Unsere Zeitung hatte Graas vor Veröffentlichung des Berichts über die Vorgehensweise bei psychiatrischen Zwangsmaßnahmen im CHNP wiederholt kontaktiert – vergeblich. Die neue Prozedur (deren Entwurf dem Land nun vorliegt) sehe vor, dass ein Doktor eine psychiatrische Zwangsnahme künftig innerhalb einer "idealen Frist von einer Stunde" zu überprüfen und sie nachträglich schriftlich in der elektronischen Akte anzuordnen hat. Das sei das Anliegen der Personaldelegation gewesen "und das haben wir gelöst", schreibt Graas in einer Email ans Land.

Doch wie es scheint, stimmt das so nicht ganz: Die Personalvertretung der Pfleger beanstandete gegenüber dem Land weiterhin, dass bei einer Not-Maßnahme und in Abwesenheit eines Facharztes, das Pflegepersonal verpflichtet sein soll, solche gefährliche Maßnahmen ohne medizinischen Beistand durchzuführen. Auch dass eine Email zur medizinischen Autorisation im Nachhinein ausreichen solle, reicht ihnen als Absicherung nicht aus. Im Unterschied zum Eintrag ins elektronische Dossier sorgen sie sich, ob die Unterschrift in einer Email auch vor Gericht Bestand hätte. Die Pfleger des CHNP, deren Vertretung eine eigene kritische Stellungnahme zum neuen Text plant,  verlangen daher weitere Änderungen.

Grundsätzlich bleibt indes die zentrale Frage, ob es bei der Anwendung so weit reichender Maßnahmen – Isolierung und Fixierung berühren als freiheitsentziehende Maßnahmen die Grundfreiheiten eines Patienten – überhaupt zu verantworten ist, diese ohne Präsenz eines Facharztes/einer Fachärztin durchzuführen, respektive diese binnen einer Stunde quasi per Ferndiagnose anzuordnen. Und ob nicht das betreffende Gesetz von 2009 überarbeitet gehört. In Deutschland beispielsweise sind Ärzte grundsätzlich angehalten, sich an psychiatrischen Zwangsmaßnahmen zu beteiligen, oder, sollten sie unabkömmlich sein, diese sodann "unverzüglich" vor Ort zu überprüfen. In Luxemburg genießen Ärzte solch eine große Behandlungsfreiheit, dass sich weder das Gesundheitsministerium noch die Krankenhausleitung offenbar in der Lage sehen, obschon es hier, wohl gemerkt, um Grundfreiheiten geht,  den Ärzten die Präsenz vorzuschreiben ... dabei hält das CHNP an sich sogar eine Wohnung für CHNP-Ärzte bereit, die von weiter weg kommen und Dienst haben.

Ines Kurschat
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