Anhaltende Krise

Photo: Sven Becker
Actualité du 14.02.2020 00:00

Vom Eingeständnis Jean-Claude Junckers im État de la Nation 2005, dass die CSV wohnungsbaupolitisch versagt habe, über den ersten Pacte logement 2008 bis hin zu den kühnen Versprechen der ersten Nicht-CSV-Wohnungsbauministerin Maggy Nagel 2014, dass nun alles anders werde, musste in Luxemburg immer von einer Wohnungskrise gesprochen werden. Und auch ohne die CSV in der Regierung wurde nicht gleich alles anders.

Denn einerseits nimmt die Einwohnerzahl zu schnell zu, andererseits ist Luxemburg nicht nur ein Land der Eigenheimbesitzer, sondern auch eines der Grundstücksbesitzer: Wegen der Niedrigzinslage seit der Finanzkrise von 2008 ist es derart attraktiv geworden, Geld in Immobilien anzulegen, dass der Graben in der Gesellschaft zwischen denen, die ein Immobilienvermögen haben, und jenen, auf die das nicht zutrifft, immer breiter wird. Kein Wunder, dass die Preise ungebrochen steigen, wie eine Analyse des Observatoire de l’habitat verdeutlicht (S. 25).

Vor den Wahlen 2018 gab es einen parteienübergreifenden politischen Konsens, dass der öffentliche Wohnungsbau nicht nur gestärkt werden muss, sondern massiv angekurbelt gehört. Von dem, was daraus folgt, handelt diese Beilage. Wohnungsbauminister Henri Kox (Grüne) sagt im Gespräch mit dem Land, er wünsche sich im öffentlichen Wohnungsbau „eine Investitionsoffensive wie im öffentlichen Transport“ (S. 23/34).  Damit meint er viele Baustellen, aber auch, dass die öffentliche Hand hierzulande über so derart wenig Flächen verfügt, dass es eines finanziellen Kraftakts bedarf, um den öffentlichen Wohnungsbau tatsächlich massiv zu vergrößern. Und dort zu bauen, wo es besonders sinnvoll wäre: an Orten, die gut an den öffentlichen Transport angebunden sind und wo es schon eine urbane Qualität gibt. Damit das nicht politische Bastelei bleibt, brauche Luxemburg unbedingt ein Konzept zur Mobilisierung privater Bauflächen und eine Strategie, wie der im kleinen Land knappe Platz genutzt werden soll, sagt der Stadtforscher Markus Hesse von der Universität Luxemburg (S. 32).

Politisch diskutiert wird bereits der Nachfolger des Pacte logement, der aktuelle Pakt zwischen Staat und Gemeinden gilt nur bis Ende dieses Jahres. Wenn im Pacte logement 2.0 die Gemeinden dazu gebracht werden sollen, im Wohnungsbau viel aktiver zu werden, stellt die Frage sich, ob die Hauptstadtgemeinde als die größte und reichste dazu schon bisher einen besonderen Beitrag leistet (S. 30). Allerdings harren dort viele groß angekündigte urbanistische Vorhaben noch immer ihrer Umsetzung oder haben sich mittlerweile wieder erledigt (S. 31). 

Könnte vielleicht eine Aufstockung bestehender Gebäude um mehrere Etagen die Wohnungskrise lindern (S. 28)? Und wie stehen die Aussichten, für alternative Wohnformen für Ältere zu sorgen, für Alten-WGs etwa (S. 28)? Inwieweit passen architektonische Normen und Standards zu Sozialwohnungen (S. 29)? Zu guter Letzt haben wir Elmen besucht, das derzeit größte Neubauprojekt der SNHBM in der Gemeinde Kehlen (S. 26/27). Elmen liegt ein innovatives Konzept zugrunde. Das Projekt enthält aber auch gewisse Widersprüche, denn in ihm drückt sich  ein Kompromiss aus, wie er heutzutage eingegangen wird, wenn viel öffentlicher Wohnraum schnell entstehen soll.

Peter Feist
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