Kein Luxemburger Messer

Aktuelle Meldung vom 27.10.2017 09:49

Eigentlich sollte es schon seit Juli im Handel sein, das Luxemburger Schweizer Messer. Als pièce maîtresse der Bildung eines neuen Clusters für die Kreativindustrie hatte Staatssekretärin Francine Closener (LSAP) Ende Januar eine Design Challenge ausgelobt. Mittels öffentlichem Wettbewerb für Designer sollte einen neuen Gebrauchsgegenstand erfunden werden, der Luxemburg und seine im Rahmen des Nation-Branding-Prozesses von einer Kommunikationsagentur ermittelten Werte repräsentieren sollte. Ein Schweizer Messer stellte sich Closener vor. Nur halt Luxemburgisch und kein Messer. So sollten die Bildung des Kreativ-Clusters und die Bemühungen die Darstellung Luxemburg via Nation-Branding nach außen zu vereinheitlichen zusammenlaufen.
Das Projekt ist – das war absehbar – gescheitert. Wie das Wirtschaftsministerium auf Nachfrage mitteilt, gingen bis zur Frist Ende März rund 15 Vorschläge ein. Die Jury, der neben ihrem Präsidenten Mars Di Bartolomeo (LSAP), Sasha Baillie vom Wirtschaftsministerium, der Event-Organisator Jean-Marc Dimanche (De mains de maîtres), der Präsident der Handelskonföderation Fernand Ernster, der Design-Manager Jan Glas, Ingrid Vandenhout von Design for Europe und der Direktor der Handwerkskammer Tom Wirion angehörten, hielt in ihren Schlussfolgerungen fest: „Alors qu’une série d’objets intéressants ont été présentés, aucun des objets n’a réussi à remplir tous les critères. Certains objets ont un charactère original, mais ne reflètent pas fidèlement les valeurs du pays ou bien n’ont pas le potentiel d’être commercialisés à grande échelle.“
Taugen die Luxemburger Designer also insgesamt nichts, wenn keiner der Vorschläge die ausgelobten Bedingungen erfüllte? Eher war die Ausschreibung von Anfang an schlecht gemacht, was wohl eine ganze Reihe von Designern davon abhielt, sich überhaupt daran zu beteiligen. Das lässt sich anhand mehrer Beispiele verdeutlichen. Die Luxemburger „Werte“ etwa wurden mit  „Dynamismus – Offenheit – Zuverlässigkeit“ definiert. Wie läßt sich ein dermaßen nichtssagendes Statement materiell umsetzen? Darüber hinaus sollte das Objekt eine komplette Neukonzeption sein und gleichzeitig einen hohen Luxemburger Wiedererkennungswert haben. Es sollte ein Gebrauchsgegenstand sein, kein Kunstwerk. Und es sollte außerdem obligatorisch den Schriftzug „Luxembourg – Let’s make it happen“ tragen – allein das dürfte manchem Designer als Grund für einen Verzicht gereicht haben.
Die in der Ausschreibung vorgesehenen Bedingungen waren wenig realistisch. Die Organisatoren des Wettbewerbs haben den Aufwand in Zeit, Arbeit, Material und Geld unterschätzt, den sie von den Teilnehmern verlangten. Sie sollten innerhalb von zwei Monaten eine neue Erfindung zur Produktionsreife bringen, was die Herstellung von Prototypen und technischen Zeichnungen zur Herstellung voraussetzt. Sowie Tests und Verhandlungen mit Herstellern, denn die Wettbewerbsteilnehmer sollten garantieren, dass ihr Produkt innerhalb von zwei Monaten nach Auftragsvergabe lieferbar sei. Dies zu „wettbewerbsfähigen Preisen“, die eine anständige Marge bei der Vermarktung zulassen sollten.
Bezahlen wollte man für diese Arbeit aber nicht. Die Kosten für die Bewerbungsdossiers sollten die Designer selbst übernehmen. „Le jury estime dès lors qu’aucun des objets ne remplit les conditions pour justifier un investissement conséquent par l’État dans la production de l’objet“, heißt es weiter in den Schlussfolgerungen. Insgesamt hatten die Berater von Francine Closener den finanziellen Auwand wohl unterschätzt. „En effet, un tel financement n’est justifié que s’il s’agit d’un objet dont l’État peut faire usage lui-même en tant qu’un objet représentatif du pays à offrir dans le cadre des visites officielles“, so die Jury. Obwohl in der Ausschreibung nicht gesagt wurde, dass es ein Gadget ging, das Offizielle bei Staatsvisiten aushändigen könnten und es Tassen, Stifte, Schals, alles in Nation-Branding Optik, zu diesem Zweck bereits im Überfluss gibt.
Mittlerweile sieht man auch beim Wirtschaftsministerium ein, dass die Designer darin „sehr viel Zeit und Arbeit investieren“, im Vorfeld war das Bewusstsein dafür wohl nicht besonders groß. Denn auch nach gewonnenem Wettbewerb war für die Designer keine Beteiligung an der Marge vorgesehen: „Les droits de vente au public sont réservés exclusivement à l’organisation de cet appel à projets. (...) Le créateur reste le propriétaires des droits d’auteurs. Le créateur cèdera les droits d’utilisation exclusifs à l’organisation pour la commercialisation des des produits (...).“ Tantiemen hätte es also keine gegeben und außerdem kein Recht, die geniale neue Erfindung ohne Luxemburg-Logo selbst herstellen zu lassen und zu vertreiben. Den fünf erstplatzierten Teilnehmern wurden nun jeweils 2 000 Euro gezahlt. Also der Mindestlohn für einen Monat. Die Verantwortlichen des neuen Clusters für die Kreativindustrie haben demnach viel Arbeit vor sich, wenn sogar diejenigen, die es gegründet haben, nicht verstehen, dass Designer und andere Kreative nicht umsonst arbeiten können.

Michèle Sinner
© 2017 d’Lëtzebuerger Land