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Bücher 5 Min. Lesezeit

Nelkas Wissen über Äpfel

So mancher Apfelbaum birgt eine dunkle Geschichte, wurzelt auf Zwangsarbeit. Davon erzählt Svenja Leiber in Nelka ...

Erschienen in Ausgabe Juni 2026
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Es geht um Äpfel, Missbrauch und weibliche Solidarität. In ihrem Roman Nelka zeichnet Svenja Leiber das Leben einer willensstarken Frau nach, die bereits früh ihrer Möglichkeiten beraubt, nach Norddeutschland verschleppt wird und als Zwangsarbeiterin während des Zweiten Weltkriegs auf einem Hof in Schleswig-Holstein schuften muss.

Doch die Erzählung verhandelt weit mehr als die Zwangsarbeit. Es ist die Geschichte einer mehrfachen Ausbeutung, eines psychischen Missbrauchs anhand eines fiktiven Einzelschicksals – als pars pro toto. Nelkas Wissen über Äpfel wird den Wohlstand Martens sichern … Der Gutsherr wird sie nicht nur lüstern sexuell ausbeuten, sondern rasch erkennen, dass sie ihm auch helfen kann, eine Obstplantage zu errichten. Während sie nach dem Krieg bei null anfangen wird, wird er es dank ihrer Expertise zu Wohlstand bringen.

Nelka ist ähnlich wie Leibers Roman Kazimira (2021) ein intelligenter Jahrhundertroman über starke Frauen, der sprachlich ausgefeilt ist und einen rasch in den Bann zieht. „Alles beginnt mit Sprache. Der tausendfache Missbrauch, der Zwang und die Morde durch Arbeit begannen mit Sprache. Mit der Einübung in die Unmenschlichkeit durch die Versprachlichung unmenschlicher Gedanken“, heißt es im Nachwort.

Sorgsam spinnt die Autorin Handlungsstränge, um sie sachte wieder zusammenzuführen, flicht sie wie einen bunten Teppich voller schillernder und düsterer Farben zu einem Gesellschaftsbild zur Arbeit Gezwungener während des Nationalsozialismus. Die reflektierte Selbstbefragung treibt sie an: „Womit beginnen? Mit den Herren oder mit den Knechten? Mit den Erzählten oder den Unerzählten? Womit beginnen? Mit dem Kummer oder mit dem Trost?“

Die vielschichtige, märchenhafte Erzählung entfaltet Sogwirkung. „Es muss von allem handeln, und es muss vorn beginnen, und seinen Anfang nahm es vor vielen Jahren im armen Kronland Galizien, in der Stadt Lemberg, damals gerade polnisch Lwów, wo ein Mann namens Wendelin Lechner lebte, der aber kein Pole war, dafür aber ein nicht unbekannter Pomologe.“

Nelka kehrt an den Ort zurück, an dem sie geknechtet wurde. Es ist eine Art Heimsuchung, an deren Ende Erkenntnis steht und die Möglichkeit, einen Schlussstrich zu ziehen, das Blatt zu wenden. Auf der einen Seite steht Nelka, die sich den Geistern ihrer Vergangenheit stellt; auf der anderen Seite der verstockte und zu Beginn der Erzählung schon betagte männliche deutsche Gutsherr Marten, der in seiner Selbstgerechtigkeit völlig unfähig ist, Schuld oder gar Reue zu empfinden.

Nelka hingegen wird sich der Vergangenheit stellen („Ihr ist, als fahre sie in diese Angst hinein, wie man in eine Nebelbank fährt.“) und Marten damit konfrontieren: „Diese Lücke, die sich irgendwann scheinbar geschlossen hatte, jetzt reißt sie auf. Wie eine billige Naht. Darunter kommt das Fleisch der Geschichte zum Vorschein, roh und zart. Es kommt hervor. Das Fleisch kehrt zu ihm zurück.“

Sinnlich und schillernd sind die Beschreibungen Lembergs, einer multikulturellen Metropole in der heutigen Ukraine: „Und Lemberg lag, wie ein Zankapfel, in einem Gebiet, nach dem alle Seiten griffen: mal der Zar, mal die Polnische Republik, mal die Ukrainer, dann der erste Generalsekretär und schließlich die Faschisten.“

Dort wächst Nelka behütet auf und badet in der Liebe ihrer Eltern. Ihr Vater, Wendelin Lechner, „lebte zwischen den Gewalten. Und eines Tages, auf dem Heimweg vom Institut, es war der 11. Juni 1924, erblickte er Jeva Silber, die eben aus einer Buchhandlung trat, welche Bücher in mehreren Sprachen anbot. Denn in Lemberg zwitscherte und stritt es mindestens auf Polnisch, Russisch, Ruthenisch, Deutsch und Jiddisch in den Straßen, wie in einer belebten Gartenhecke, und Jeva beherrschte diese Sprachen alle.“

Nelka kam in eine freigeistige Welt, sie erzogen das verträumte Kind „lose in ihrem jeweiligen Glauben und ihrer jeweiligen Sprache, wobei das Polnische ihre Hauptsprache war und ihr Glaube nur alte Gewohnheit.“ Wenn es um Politik ging, sprach Jeva Russisch, und wenn es um Äpfel ging, sprach Wendelin Deutsch, und so lernte Nelka die Beschreibungen der Früchte und ihren Anbau und sprach selbst kaum.

Leibers poetische Sprache lässt die unbeschwerte Kindheit aufleben: „Die Welt um sie her wuchs und verging, die Natur setzte zusammen und zersetzte auch wieder, Nelka sammelte ein und säte aus, glaubte an alles, was sie sah, Schöpfung im Frühjahr, Erschöpfung im Herbst und dazwischen, in Sommer und Winter, zwei Weisen des Schlafs, einen in Wärme, einen in Kälte, und es wunderte sie nur, dass sie selbst von einem ins andere ging, als wäre sie ein Faden – ohne zu reißen.“ Ihre Mutter gab ihr mit, „in einer Welt der Zähne nicht zu beißen“, „Zaubern, Nelka!“, ihr Vater.

Am Abend saß das Kind in der Stube „und hütete die Fliegen, drehte ihnen winzige Kugeln aus Teig und sah zu, wie sie mit ihren zarten Rüsseln die Krumen betasteten, als würden sie sie nach etwas befragen.“ Die Verschleppung auf das Gut Martens und die harte Arbeit markieren einen Bruch. Gleichwohl schafft Nelka es, den Kopf aufrecht zu halten und ihren Kameradinnen Mut zu spenden. Es sind ihre kleinen subversiven Ausflüchte, etwa in der Nacht an den See, die einem bei der Lektüre Trost spenden.

Nelka ist ein faszinierender Roman, der eine Frauenfigur in den Vordergrund stellt, die ihrem Schicksal trotzt. Im Nachwort präzisiert Leiber, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, sowohl im „Deutschen Reich“ als auch in den besetzten Gebieten. Große Teile des Reichtums von Industriellen-Familien und Unternehmen gründen auf einst geleisteter Zwangsarbeit. Eine besondere Rolle nehmen in diesem Kontext Frauen und ihre Körper ein.

Nelka ist die fiktive Geschichte einer Zwangsarbeiterin, wie es sie nie gegeben hat und doch gegeben haben könnte. Es ist ein Roman, den gerade Leserinnen lange in Erinnerung behalten werden, weil er ein Bewusstsein über eine Epoche schafft, die auch in der Forschung lange vernachlässigt wurde, aber auch weil mit Nelka eine schillernde Figur entworfen wird, die sich mutig allen Widrigkeiten entgegenstellt, solidarisch und klug in einer ungerechten Welt.

Svenja Leiber, Nelka, Roman. Suhrkamp 2026, 200 Seiten, 24 Euro