Grüne Bildungspolitik

Es grünt wieder

d'Lëtzebuerger Land du 30.11.2006

Die Spitze war fast geschlossen angetreten, die Basis ließ sich bitten: Lediglich rund 60 Parteimitglieder fanden am vergangenen Samstag den Weg zum außerordentlichen Kongress von Déi Gréng ins Kulturzentrum von Colmar-Berg. Dabei ging es um ein Kernthema der Öko-Partei, die viele Lehrer und Erzieher zu ihren Mitgliedern zählt: die Bildung. Mit einem 15-seitigen umfassenden Richtungspapier meldeten sich die Grünen in die Schuldebatte zurück – nachdem sie sich mit ausführlicheren Beiträgen in den vergangenen Monaten zurückgehalten hatten.

Man habe der neuen Regierung Zeit geben wollen, sagte Schulexperte Claude Adam in seiner Eröffnungsrede – um sogleich die Konzeptlosigkeit der CSV-LSAP-Koalition zu kritisieren: Trotz „richtiger Fragen“ und „guter Analysen“ falle deren Halbzeitbilanz insgesamt „ganz mager“ aus. Tatsächlich aber liegen die Gründe für den grünen schulpolitischen Absentismus bei der Partei selbst. Zum einen hat es gedauert, um nach dem Weggang von Robert Garcia passenden Ersatz für das Schuldossier zu finden. Dem Merscher Schulinspektor und Abgeordneten Claude Adam fehlt es noch etwas an der Schlagfertigkeit und Überzeugungskraft, die einen ge- standenen Politiker ausmachen und die für die mediale Präsenz unerlässlich sind. Zum anderen tut sich die Partei noch immer schwer damit, dem Reformprogramm des sozialistisch geführten Unterrichtsministeriums inhaltlich Paroli zu bieten. Denn auch Déi Gréng fordern gerechte Bildungschancen für alle und mehr Qualität in der öffentlichen Schule.

Die Maßnahmen, mit denen diese Ziele erreicht werden soll, sind denn auch nicht neu. So ist im grünen Papier die Rede von verpflichtender Weiterbildung, mehr Differenzierung im Unterricht und Teamarbeit – alles Kernelemente der Bildungsreformen von Mady Delvaux-Stehres. Wie die LSAP halten auch Déi Gréng an der Alphabetisierung in Deutsch fest, bei verbessertem Sprachunterricht. Sogar die im Gesetzentwurf zur Primärschule vorgeschlagenen Lernzyklen finden sich bei den Grünen wieder. Zur bereits vor Monaten erhobenen Forderung von Déi Gréng, den Précoce zu evaluieren, hat sich das Bildungsministerium bislang nicht geäußert. Doch wie wichtig ein frühes, hochwertiges Schulangebot für die sprachliche Entwicklung sei, hat Delvaux-Stehres zumindest verbal immer wieder bekräftigt – zuletzt auf ihrer Pressekonferenz am Dienstag mit dem portugiesischen Staatssekretär António Braga.

In einem – entscheidenden – Punkt gehen Déi Gréng allerdings sehr viel weiter: Nachdem mit dem Abschied von Garcia die Forderung nach einer Gesamtschule aus dem Parteiprogramm gestrichen wurde, erlebt sie nun eine Renaissance; begleitet von einem Schuss Realpolitik. Langfristig fordern Déi Gréng einen „tronc commun“ bis 16 Jahre. Die berufliche Spezialisierung würde danach erfolgen. Ginge es nach den Grünen, würden als Sofortmaßnahme gegen soziale Ausgrenzung an sämtlichen Sekundarschulen des Landes untere Zyklen mit den drei Schul-zweigen eingerichtet: „préparatoire”, „technique” und „classique”.

Ein in seiner Konsequenz und Reichweite bemerkenswerter Vorschlag, der vom Kongress angenommen wurde. Überhaupt wurde wenig gestritten. Die umstrittene Neudefinition der Lehrer-Arbeitszeit fand ebenfalls breite Zustimmung – dank einer gleichzeitigen grünen Absage an jegliche Sparpolitik im Bildungsbereich. Lediglich die Organisation der Primärschule sorgte für Kontroversen: Verfechter der Comités de cogestion warnten davor, „mühsam erkämpfte“ Rechte der Lehrer wieder abzubauen. Ein vom Ministerium ernannter Direktor, wie ihn das Reflexionspapier vorsieht, sei „inkompatibel mit grünen Werten wie die Demokratisierung“, empörte sich Parteimitglied Frenz Schwachtgen aus Differdingen. Den Einwand vom Beckericher Bürgermeister Camille Gira, Tausende von Eltern und Schülern bräuchten endlich eine Telefonnummer, sprich einen klaren Ansprechpartner, nannte Schwachtgen „populistisch“. Am Ende half das aber nichts: Eine große Mehrheit stimmte für die Einführung eines Direktors respektive einer Direktorin.

Ines Kurschat
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