Der Télévie feierte am Wochenende sein 25-jähriges Bestehen. Es war die letzte Ausgabe für Caroline Mart und Diane Wunsch. Ein Besuch am Set – wo sich Freude und Ernst streifen 

„Dann müsst ihr alle klatschen, okay?

Großherzog Guillaume wird in der RTL-City empfangen
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 24.04.2026

„So Jo, wanns de mech héiers“, sagt Fernsehmoderator Olivier Catani im Bildschirm des Regieraums. „Ja, wir hören dich“, antwortet Außenproduzent Roby Berg, der sich gerade in Bissen befindet. „2273 okay“ schallt es durch die Regie, wo gerade die Sendeproben laufen. Das ist die Leitungsnummer, über die der Kontakt nach Bissen hergestellt wird. Vor einem Pult mit rund 130 blau und gelb leuchtenden Knöpfen sitzt Patrick Chiapolino und koordiniert die Kameraeinstellungen. Neben ihm sitzt Sabine Speicher, die Regieassistentin – sie behält den Ablauf der Sendung im Blick und versucht jegliche Überschreitung der Sendezeit zu verhindern, indem sie den Moderatoren über einen Knopf im Ohr Anweisungen zuraunt.

„Seit drei Monaten planen wir die Abendsendung des Télévie-Finales“, erklärt Jeff Spielmann, Leiter des Fernsehprogramms. „In meinem Kopf rattert es gerade.“ Es gebe vieles zu bedenken für eine vierstündige Livesendung mit Außenschaltungen. In den Wochen zuvor mussten vor allem Erfahrungsberichte gesammelt und als Kurzreportagen verfilmt werden, um Krebserkrankungen für ein breites Publikum greifbar zu machen. Dabei werde jedoch zunehmend festgestellt, dass kontaktierte Personen zögerlich reagierten – sie wollten nicht vor die Kamera, nicht öffentlich über ihre Krankheit sprechen, erläutert Programmdirektorin Sandra Bintz. Sie vermutet, dass dies mit einer Social-Media-Kultur zusammenhängt, in der abwertende Kommentare zugenommen hätten, sowie mit einem allgemeinen Misstrauen gegenüber den etablierten Medien.

Die diesjährige Télévie-Ausgabe ist zugleich die letzte für Anchorwoman Caroline Mart – nach 40 Jahren Journalismus geht sie offiziell in Rente (will aber weiterhin an journalistischen Projekten arbeiten). Am Donnerstag zuvor ist zudem ihre Flagship-Sendung Kloertext nach 19 Jahren zum letzten Mal ausgestrahlt worden. Eine Ausgabe, die Mart dem Thema Krebs widmete. Dabei gab es eine demografische Premiere: Als jüngster Gast in der Geschichte der Sendung war die 13-jährige Constance anwesend. Sie erzählte, wie sie ihrem Hodgkin-Lymphom erlebt hatte und davon geheilt worden war. Vor 25 Jahren, als die erste Télévie-Ausgabe lief, wurden an Krebs erkrankte Kinder noch ins Ausland überwiesen; mittlerweile kann eine Reihe von Krebsarten in Luxemburg behandelt werden – ein großer Fortschritt, auch für das soziale Umfeld der betroffenen Kinder. Überhaupt habe sich in punkto Therapieangebote viel getan, erläutert Guy Berchem, Onkologe am CHL, in der Sendung: „Vor 25 Jahren hatte man mit einem Darmkrebs, der Metastasen streute, nur noch sechs Monate zu leben – heute sind es Jahre.“ Zugleich erkrankten jedoch zunehmend junge Menschen an Krebs; „do hu mer nach net richteg verstaanen, wou dat hierkënnt, mee do ginn et Suspects: D’PFAS’en a d'Neonikotinoiden si sécher net gutt fir eis.“ Anschließend deutete er in Richtung der CSV-Abgeordneten Nancy Kemp-Arendt und forderte, dass Politiker den Einsatz von Schadstoffen „bekämpfen“ müssten. Nancy Kemp-Arendt war auf dem Plateau zu Gast, um von ihrer – mittlerweile geheilten – Hautkrebserkrankung zu berichten, und saß die politische Dimension des Themas zunächst aus.

Den „laxen Umgang mit Tabak“ beklagte seinerseits CHL-Hämatologe Sébastien Rinaldetti. Anders als in den Nachbarländern seien hierzulande fast alle E-Zigaretten erlaubt. Außerdem sei Luxemburg nahezu das einzige EU-Land, in dem hochprozentiger Alkohol für 16-Jährige erlaubt sei. „Madame Arendt, als Politiker sidd Dir elo gefrot“, wendet sich Mart an die CSV-Abgeordnete. Sie gebe dem Arzt Rinaldetti „100 Prozent recht“. Tabak und Alkohol würden zwar hohe Steuereinnahmen generieren, „aber im Endresultat kostet es unsere Bürger auch viel“. Im Kloertext werden zudem Bilder von Constance in ihrer Schulklasse gezeigt, in der mehrere Erwachsene anwesend sind: „Do si Leit an d’Klass komm, fir ze erklären wat Kriibs ass“, erläutert die Schülerin. Ein solch offener Umgang mit Krebserkrankungen war vor 25 Jahren noch undenkbar: „Damals lief alles viel paternalistischer ab – manche Angehörige wollten die Erkrankung sogar vor dem Patienten verheimlichen und forderten den Arzt auf zu behaupten, es werde nur eine Zyste wegoperiert“, erinnert sich Berchem in der TV-Talkrunde.

Gegen halb sieben ist Moderator Raoul Roos am Samstagabend im RTL-Foyer damit beschäftigt, seine Krawatte anzuziehen. Er ist von fünf weiteren RTL-Mitarbeitern umgeben. Man gibt sich Anweisungen, spricht sich ab – in 30 Minuten geht die Télévie-Sendung live. 67 Fernsehmitarbeiter sind im Einsatz; Magazin-Reporter sind in den Centres de Promesse in Bissen, Fellen, Rodange und der Belle Étoile unterwegs. Das Fernsehstudio hingegen liegt noch im Halbdunkel. Es wirkt kleiner als am Bildschirm: Die optische Täuschung rührt vor allem von einer schwenkbaren Weitwinkel-Krankamera her, die per Fernsteuerung bedient wird. Fünf Tage lang wurde das Studio neu aufgebaut: Denn an derselben Stelle werden auch Wahlsendungen, LSC-Castings und der Kloertext aufgenommen.

„Ich war diese Woche jeden Abend ab 18 Uhr hier“, erzählt Fabienne. Sie ist Freiwillige im Back-Office-Call-Center im ersten Stock. Neben ihr sitzen weitere Freiwillige, ausschließlich Frauen über 40. Wie läuft es? „Im Durchschnitt werden Spenden von 100 Euro zugesagt; manche zögern aber nicht, 300 Euro zu spenden“, so Fabienne. Die Spendenbereitschaft habe über die Jahre nicht abgenommen. „A wann de Grand-Duc bis do ass, melle sech nach méi Leit, wëll se probéiren, hien op den Telefon ze kréien.“ Hinter ihr leuchtet derweil auf dem Bildschirm der Kontostand auf – er liegt noch unter einer halben Million Euro. Gegen Ende der Sendung werden es 1 521 000 Euro sein. Im Vorjahr waren es rund 1 800 000 Euro; die Rekordsumme stammt aus dem Jahr 2022 mit etwas über zwei Millionen Euro. Im Foyer im Untergeschoss bindet nun Claude Dublin, Produktionsdirektor, kurz vor Sendebeginn die Gäste – Freiwillige und Betroffene – in das Geschehen ein: Wenn die Télévie-Botschafter ihren Scheck auf dem roten Teppich vor der Kamera hochhalten, „dann müsst ihr alle klatschen, okay?“

In der Maske treffen wir die Kinderkrankenpflegerinnen des CHL. Sie wirken geduldig. Seid ihr nicht nervös? „Oh dach, et ass fir eis all deen éischten Live-Optrëtt, a mir wëllen d'Oncopédiatrie gutt representéiren“, antwortet sie. CHL-Onkologe Guy Berchem hatte bereits mehrfach unterstrichen, dass die Télévie-Spenden einen konkreten Einfluss auf die Krebsforschung hätten – „wir konnten dadurch Forschungsprojekte lancieren und Forscher einstellen.“ Laut der Fondation Cancer werden jedes Jahr über 3 000 neue Krebsfälle diagnostiziert, und mehr als 1 000 Menschen sterben hierzulande jedes Jahr an den Folgen einer Krebserkrankung. 2024 führte Lungenkrebs mit 122 Todesfällen die krebsbedingte Todesursachenstatistik bei Männern an, gefolgt von Prostatakrebs (65 Fälle) und Bauchspeicheldrüsenkrebs (51 Fälle). Bei den Frauen waren Brustkrebs (107 Todesfälle), Lungenkrebs (95) und Bauchspeicheldrüsenkrebs (46) am häufigsten vertreten.

Ein älterer Herr macht sich um halb acht in der Empfangshalle bereit, ein Selfie mit seinem Smartphone zu schießen: Hinter ihm kommt Großherzog Guillaume die Treppe herunter. Er ist nicht der Einzige – mehrere Fotokameras werden hochgehalten. Als Guillaume unter einem Bildschirm steht, werden gerade die RTL-Nachrichten übertragen. Raphaëlle Dickes leitet nur wenige Schritte entfernt im Nachrichtenstudio einen Beitrag über „d’Detonatioun vun enger Bomm zu Völklingen“ ein. Es folgt ein Rückblick auf die 40-jährige Karriere von Caroline Mart. Darin bezeichnet sie sich selbst als „Dinosaurier des RTL-Personals“. Ihr Kollege Christophe Hochard kommentiert aus dem Off, sie habe ihre Zuschauer „mit Finesse“ und „viel Charme“ durch die Sendungen geführt. Dass sie sich einen Namen als eine der besten Polit-Interviewer gemacht hat, ist mit beharrlichem Arbeiten verbunden: Vor drei Jahren erzählte sie dem Land, sie komme auf „Junckers 17-Stunden-Tage“. Das kritische Nachfragen solle das Medienhaus mit ihr aber nicht verlieren: „Fir all d’Politiker déi mengen, uff ee manner,deen desagreabel Froe stellt – d’Relève ass prett“, warnte Mart am Ende ihres letzten Kloertext. Ab September soll es mit einer neuen Polit-Talkshow weitergehen, die abwechselnd von Claude Zeimetz und Pit Everling moderiert wird. Ihren Platz in der alljährlichen Télévie-Sendung nahm Raphaëlle Dickes bereits am Samstagabend gegen Ende der Übertragung ein.

Nun taucht der DP-Abgeordnete Luc Emering in der RTL-City auf; zusammen mit anderen Freiwilligen hat er in Dippach 240 665 Euro gesammelt. CSV-Premier Luc Frieden seinerseits fuhr am Nachmittag in die Belle Étoile und strampelte dort auf einem Ellipsentrainer. „Un engagement incroyable pour faire avancer la recherche contre le cancer“, schrieb er später unter ein Video das seine Charity-Aktion dokumentiere und das er auf Instagram hochlud. Politiker würden nicht als Mandatsträger eingeladen; nur als Bürger könnten sie am Charity-Marathon teilnehmen, erklärt Programmdirektorin Sandra Bintz. In Belgien wurde diese Grenze allerdings überschritten: Dort war N-VA-Premier Bart De Wever im Studio am Telefon und nahm Spenden entgegen. Belgien ist das eigentliche Heimatland des Télévie. Dort schlossen sich 1989 Führungspersonen der RTL-Gruppe mit dem Vizepräsidenten des nationalen Krebsforschungsfonds zusammen, um das Charity-Event rund um Therapien für an Leukämie erkrankte Kinder ins Leben zu rufen. 2002 schlossen sich RTL Luxemburg mit der Stiftung Kiwanis an und unterstützt nun hiesige Forschungslabore.

„Glasperlen, Murano, Süßwasserperlen und Mineralsteine gemischt“, beschreibt Emilie Heinz ihre Armbänder, die sie im Foyer vor uns auspackt – „alle mit viel Liebe gemacht“. Manchmal sitze sie bis nachts um zwei Uhr zu Hause und stelle Armbänder für die Télévie-Spendenkollekte zusammen. Vor einiger Zeit wurde Krebsgewebe aus ihrer Brust entfernt. Sie ist Teil eines zehnköpfigen Freiwilligenteams, das sich um Mara Cruciani gebildet hat; sie alle verbindet die Erfahrung mit Brustkrebs. Mara Cruciani holt ihr Smartphone heraus und zeigt ihre gehäkelten Puppen und Plüschtiere – darunter ein Löwe, dem sie aus dicker Wolle eine lockige Mähne aufgesetzt hat. An einer mit Perlen bestickten Puppe habe sie mehr als 60 Stunden gearbeitet; die wolle sie nicht unter 500 Euro verkaufen. Hinter uns sind auf einem großen Bildschirm die in der Maske angetroffenen CHL-Mitarbeiter bei Caroline Mart im Studiosessel zu sehen – aber nicht zu hören, der Ton ist abgestellt.

Wird Mara Cruciani von der Koordinatorin Diane Wunsch bei ihrer Arbeit unterstützt? „Ja, sehr.“ Die Koordinatorin schaue regelmäßig bei den Freiwilligen vorbei. „Mit viel Herzblut» sei Wunsch das Jahr über im Einsatz, lobt Sandra Bintz. Vor elf Jahren saß sie in ihrem Auto und hörte im Radio von dem Télévie-Stellenangebot: „Do hunn ech geduecht, Diane, dat doten ass et“, erklärte sie diese Woche in einem Magazinbeitrag. Man dürfe sich nicht scheuen, kranke Menschen in schweren Momenten zu umarmen; getragen werde man von der Kraft der vielen Freiwilligen. Aber nach elf Jahren sei es nun an der Zeit, ihren Posten weiterzugeben – „et musse nei Ideeë rakommen.“

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Stéphanie Majerus
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