Die Maßnahmen gegen „invasive Pflanzen und Tiere“ sind widersprüchlich – und könnten der Natur sogar schaden

Ausrotten, Aufessen oder einfach Zuschauen

d'Lëtzebuerger Land vom 24.04.2026

Wie der Grenzschutz ist uns auch der Naturschutz lieb und teuer, aber tricky. Dass Aliens bekämpft werden, versteht sich. Aber was machen wir mit den Kindern? Wenn sich in Europa zum Beispiel neue Fasane oder Mufflonrassen bilden – müssen die dann abgeschossen werden, weil ihre Vorfahren Neobiota waren? Oder müssen sie im Gegenteil ganz arg geschützt werden, weil es diese Viecher nur bei uns gibt? Und wohin sollen vaterlandslose Pflanzen abgeschoben werden? Leinlichtnelken und Kupferfelsenbirnen haben kein „Ursprungsgebiet“, sondern sind irgendwo unterwegs entstanden. Die Natur gibt halt nie Ruhe, und die Evolution ist ein Hund.

Zuletzt wurde die Heimat besonders von Hornissen, Tigermücken und Sumpfkrebsen terrorisiert. Aus keinem anderen EU-Land werden, im Verhältnis zum Territorium, so oft „bedrohliche ausländische Tier- und Pflanzen-Arten“ verpetzt: Das European Alien Species Information Network (Easin) verzeichnet seit 2016 aus Luxemburg 40 Meldungen – zehn Mal mehr als aus ganz Frankreich. Noch mehr Anzeigen kommen zwar aus Dänemark (44), Polen (48) und Deutschland (119), aber diese Länder sind viel größer als das Großherzogtum.

Über die Gründe für die heimische Denunziationsfreude kann bloß spekuliert werden. Axel Hochkirch vom Naturmusée findet, dass „es in Luxemburg eine gut organisierte Struktur von Meldern und viele Citizen Scientists gibt, die über die Plattformen iNaturalist und observation.org Beobachtungen melden, die dann systematisch in unserer Datenbank mdata.mnhn.lu gesammelt werden“. Außerdem gebe es im Vergleich zu anderen Ländern „eine höhere Sensibilisierung der Bevölkerung zum Thema Neobiota“.

Haben die Südeuropäer vielleicht Hemmungen, neue Nachbarn ans Messer zu liefern? In Italien floppt die Keulung der Grauhörnchen, weil die „so süß“ sind. Das hat jedenfalls der Ökologe Bernd Lenzner herausgefunden: „Ein als schön oder niedlich empfundenes Äußeres kann das Management von gebietsfremden Arten erheblich erschweren, weil dann die öffentliche Unterstützung fehlt.“ Wer Honigbienen auffrisst, ist dagegen kein Sympathieträger: Mehr als die Hälfte der Luxemburger Easin-Meldungen betreffen die Asiatische Hornisse, üblicherweise samt Nest erfolgreich „eradicated“.

Da die EU-Institutionen viel mit KI arbeiten, wird aus Plänen zur Tötung der Amerikanischen Nerze in Übersetzungen schon mal kurzerhand die „finnische Ausländer-Strategie“. Mit allgemeiner Ausländerfeindlichkeit scheint das Engagement gegen Neobiota aber nicht zu korrelieren: Aus Ungarn kommen bislang nur zwei Easin-Einträge. Möglicherweise werden aber unerwünschte Einwanderer mancherorts ohne viel Federlesens abgemurkst, ohne dass die EU darüber informiert würde. China-Restaurants wird zuweilen nachgesagt, dass sie sich an wohlschmeckenden Wollhandkrabben vergreifen, ohne in Fangstatistiken Spuren zu hinterlassen.

Eigentlich sind wir Menschen im Ausrotten richtig gut. Gegen invasive Arten aber versagt bisher alles: Abschotten, Absammeln oder Ausreißen, Vergiften, Totschlagen oder Erschießen – nichts hilft so richtig und dauerhaft. Oft fördern wir die Biester sogar, weil wir die Umwelt verändern und natürliche Feinde aus dem Weg räumen. Abgesehen von kleinen Inseln sind Neobiota praktisch nicht mehr loszuwerden, wenn sie sich einmal in größerer Zahl etabliert haben. Werden Waschbären bejagt, setzen sie noch mehr Junge in die Welt, die noch weiter herumwandern.

Heinz Klöser von der deutschen Umweltorganisation Bund trommelt für eine „Neubewertung“ der Neobiota und für mehr „Gelassenheit“: In Mitteleuropa komme die robuste Natur mit Einwanderern ganz gut alleine zurecht. In der Regel seien Neobiota nicht die Ursache, sondern bloß ein Symptom ökologischer Probleme: „In einer überdüngten Landschaft wird die Bekämpfung der Riesenstauden nicht Kornblumen und Mohn zurückbringen.“ Angesichts des Klimawandels sei die Verhinderung von „natürlicher Dynamik“ sogar ausgesprochen kontraproduktiv: Wanderungen von „Klimaflüchtlingen“ müssten aktiv unterstützt werden, wenn sie nicht aussterben sollen. Viele mediterrane Pflanzen, aber auch zum Beispiel Mandarinenten sind in ihren Ursprungsregionen akut bedroht, hätten bei uns aber zunehmend gute Bedingungen.

Die Ökoszene beantwortet Klösers Diskussionspapiere mit Stillschweigen. Sollen vielleicht liebgewordene Beschäftigungstherapien und Ersatzbefriedigungen erhalten bleiben? Wenn man schon nichts gegen die allgemeine Umweltverhunzung ausrichten kann, will man doch wenigstens mit Inbrunst den Riesenbärenklau niedermachen. Die Neobiota-Thematik sei auch deshalb heikel, weil sich eine latente Fremdenfeindlichkeit „aus ganz anderen als naturschutzrelevanten Quellen“ speise, meint Klöser. Außerdem rufe sie „immer wieder stark motivierte, aber unzureichend informierte Einzelpersonen auf den Plan, die im Glauben, Gutes zu tun, unsachgemäß agieren“. Nicht jeder, der sich dazu berufen fühlt, auf Ambrosien herumzutrampeln, weiß tatsächlich, wie Ambrosia artemisiifolia aussieht. Oder wo gerade seltene Vögel brüten.

Invasive Arten einfach aufessen? Die Verwertung von Neobiota scheitert bisher oft an EU-Richtlinien, Pflanzenschutz-, Jagd- und anderen Gesetzen. Geschöpfe, die auf der „Unionsliste“ stehen, dürfen „nicht vorsätzlich in das Gebiet der EU verbracht, befördert, gehalten, gezüchtet, gehandelt, verwendet, getauscht, zur Fortpflanzung gebracht und in die Umwelt freigesetzt werden“. Samen und Blüten von Indischem Springkraut lassen sich gut mit Honig versüßen, aber wer daraus Fruchtgummi oder Dessertcreme machen will, müsste eigentlich erst bei der EU-Kommission um Erlaubnis fragen. Die Luxemburger Umweltverwaltung plant für dieses Jahr ein Symposium zur Verwendung von Signalkrebsen und anderen Neuwesen in der Gastronomie. Axel Hochkirch warnt jedoch vor überzogenen Erwartungen: „Der Teufel steckt häufig im Detail. Aus invasiven Pflanzen lässt sich ohne Probleme Biogas herstellen, aber es muss zum Beispiel beim Transport von Pflanzengut darauf geachtet werden, dass nicht Rhizome des Riesenknöterichs verloren gehen.“

Die Asiatische Hornisse wurde übrigens in Deutschland mittlerweile herabgestuft auf „weit verbreitet“, also quasi ortsansässig. Dadurch entfällt die „Beseitigungsverpflichtung“. Konkret bedeutet das, dass die Vernichtung der Nester nicht mehr vom Staat, sondern zum Beispiel von den Imkern selbst bezahlt werden muss. Das scheint nun nicht mehr ganz so dringend zu sein. Es schleimt aber bereits das nächste fremde Monster heran: Obama nungara, vermutlich mit Topfpflanzen aus Südamerika eingeschleppt. Die riesigen, fleischfressenden Plattwürmer fallen über heimische Schnecken und Regenwürmer her – und wurden schon rund um Luxemburg gesichtet. Zerschneiden nützt nichts, weil diese Raubtiere aus Einzelteilen wieder nachwachsen und sich vermehren können. Be warned!

Ausländer auf der Abschussliste

Mancherorts werden Zuwanderer schon nach drei oder vier Generationen in Sportverein und Schrebergarten geduldet. Biologen sind da strenger: Um als einheimische Arten zu gelten, müssen Pflanzen und Tiere bereits seit der letzten Eiszeit bei uns hausen. Biber waren schon Millionen Jahre vor uns da – dass sie sich jetzt wieder verbreiten, wird als Rückkehr gewertet. Grummelnd akzeptiert werden auch Archäobiota, die seit der Steinzeit zu uns kamen, etwa Apfelbäume aus Kasachstan oder Getreide aus Vorderasien.

Misstrauisch beäugt werden Neobiota, die seit 1492 mit Hilfe des Menschen in Europa einwanderten. Für manche ist das Stichdatum sogar noch früher: Die Sandklaffmuschel soll mit Wikingerbooten dahergekommen sein. Nach der „Entdeckung“ Amerikas wurden unter anderem Kartoffeln und Tomaten absichtlich eingeführt. Andere Arten wurden ungewollt eingeschleppt, zum Beispiel Wollhandkrabben in Ballastwasser. Von den mehr als 12 000 Neobiota, die heute in Europa bekannt sind, gehören schätzungsweise 7 000 zu den Neophyten (Pflanzen, Moose und Algen). Der Rest sind Neozoen (Tiere), Neomyceten (Pilze) und allerhand Mikroorganismen.

Invasive gebietsfremde Arten sind Neobiota, die große Schäden anrichten oder Krankheiten übertragen können. Beifuß-Ambrosie ist zum Beispiel eine Plage für Allergiker. Japankäfer können ganze Weinberge kahlfressen. Im Schnitt können sich von 1 000 Neobiota etwa 100 dauerhaft bei uns im Freiland etablieren – und davon bereitet eine (1) massiv Ärger. Dabei kann die Bewertung ganz unterschiedlich ausfallen: Lorbeerkirsche und Sommerflieder (Buddleja) werden in Luxemburg schon mal absichtlich zur Zierde oder Insektenweide gepflanzt – in der Schweiz sind diese Gewächse seit 2024 verboten.

In der EU stehen aktuell 114 Geschöpfe auf der „Liste der invasiven gebietsfremden Arten von unionsweiter Bedeutung“: Wasserpest, Baumwürger und andere Staatsfeinde werden steckbrieflich gesucht; sie müssen an Easin gemeldet, überwacht und bekämpft werden. Auf den Black-, Watch- und Alert-Listen der „für Luxemburg relevanten“ Invasoren stehen derzeit rund 163 Alien-Arten. Achtung, ihr amerikanischen Bisamratten und Ochsenfrösche – Naturmusée is watching you: Neobiota.lu.

Martin Ebner
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