Digitalwirtschaft

Just not cool enough

d'Lëtzebuerger Land vom 25.03.2016

Berchem. Findel. Das sind die beiden neuen Hotspots der Digitalwirtschaft, der Newest Economy in Luxemburg. Der Autobahnrastplatz und der internationale Flughafen liegen dem Zentrum des Internetuniversums, dem Nukleus der Nerdgalaxie am nächsten.

Dazu braucht es keine Ratzfatz-Bandbreite, sondern lediglich die Filiale einer US-amerikanischen Kette, die neben kalorienreichen Kaffeegetränken mit widersinnigen Namen auch das gewünschte Umfeld des „Ich kann mir ein Heißgetränk für sieben Euro leisten und es stört mich nicht, wenn mein Name lautmalerisch durch den Laden gerufen wird“-Interieurs. Kostenfreies Internet mag es nahezu überall in Luxemburg-Stadt geben, aber einen Kaffee mit Schokostreusel dazu nur an den allerwenigsten Stellen in der Hauptstadt des Großherzogtums. Und in Berchem sitzt es sich so ungemütlich. Filialen der Kaffeegetränkekette sind das Abziehbild der neuen Internetwirtschaft, der nächsten Generation der New Economy, deren Absturz vor etwa 15 Jahren schnell abgeheftet und vergessen wurde. Starbucks-Niederlassung bringen das auf den Punkt, wonach es die Generation WWW sehnt: kostenfreies Internet in ansprechender Atmosphäre und ein wenig Lebensgefühl. Sie können damit auch die Blaupause für die Internet-Strategie des Großherzogtums liefern.

Was die Vernetzung betrifft, hat die luxemburgische Regierung ihre Aufgaben gemacht. Zu Beginn dieses Monats wurde anlässlich der „Luxembourg Internet Days“ das LU-CIX 2.0 gestartet, der Knotenpunkt des Großherzogtums im und mit dem weltweiten Netz. Ein CIX ist ein Commercial Internet eXchange, ein Internetverkehrsknotenpunkt zwischen kommerziellen Internetanbietern. Sie dienen als Austauschpunkte für den Datenverkehr im weltweiten Netz. Der weltweit größte CIX ist der DE-CIX in Frankfurt am Main. Es folgen die Knotenpunkte in Zürich, Amsterdam, London und Moskau. Üblicherweise sind diese Knotenpunkte international aufgestellt, so dass beispielsweise die Frankfurter auch Knotenpunkte in Hamburg, München, New York City, Dallas, Dubai, Marseille, Palermo und Istanbul betreiben. Luxemburg reicht Luxemburg. Vollkommen. Weiteres Zahlenwerk der Frankfurter: Im Mai vergangenen Jahres, so die aktuelle Darstellung, waren mehr als 600 Internetdienste-Anbieter und andere Organisationen aus mehr als 60 Staaten am DE-CIX angebunden, darunter alle großen Internet-Provider. Der Datendurchsatz lag im Dezember letzten Jahres bei fünf Terabit pro Sekunde (Tbit/s); derzeit ist der Frankfurter Knoten auf eine Kundenkapazität von 14 Tbit/s ausgelegt. Für LU-CIX ist da noch viel Luft nach oben, auch wenn man sich seiner Geschwindigkeit von 50 Gbit/s rühmt, am Main sind es 100 Gbit/s.

Doch Technik ist nicht alles, was zählt in der neuen Digitalwirtschaft. Und genau an diesem Punkt lohnt der Besuch einer Starbucks-Filiale. Weniger in Berchem oder Findel, sicherlich aber in San Francisco, Buenos Aires oder Berlin. Denn hier findet sich das eigentliche Kapital der neuen Digitalwirtschaft, die sich nicht lange mit den Versionen 2.0 und 3.0 beschäftigte, sondern mit 4.0 dem wahren Wissen des weltweiten Netzes auf die Spur zu kommen und ihm einen sinnhaften Nutzen zu geben sucht. Es ist sind die Menschen, die die Inhalte im Internet sinnvoll zusammenbringen, weiterentwickeln, die nach neuen Möglichkeiten suchen und Ideen entwickeln. Diese Menschen sitzen nicht in sterilen Büros, in die Kaffeemaschine am Nachmittag noch immer den ersten Trank vom Morgen in vollkommener Bitterkeit warmhält, sondern dort, wo es ihnen gefällt und vor allen Dingen dort, wo sie Gleichgesinnte treffen. Dann kann der Laden Imapala oder Morse oder Starbucks heißen, das ist egal, so lange es den angesagten Kaffee gibt und damit das Lebensgefühl der Nerdgeneration gleich mitgeliefert wird.

Zum Beispiel in Berlin: Die deutsche Hauptstadt hat nicht nur genügend Cafés, abgeranzte Bars und ein Nahverkehrsnetz, in dem sich so herrlich das Feierabendbier trinken lässt, sowie subkulturelle Szenen, die kaum Wünsche offen lassen, sondern vor allen Dingen auch eine Förderpolitik, die Unternehmensgründungen und Start-Ups mit nötigem Kapital versorgen. Ein Schwerpunkt ist dabei die Internetwirtschaft. Man ist in der deutschen Hauptstadt willens, dem kalifornischen Silicon Valley ein wenig Paroli zu bieten. Es wird gefördert, dass es kracht. Und sei das Projekt noch so unsinnig, wie eben jene junge Dame aus dem Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg, die mit ihrer Internet-Handelsplattform für maßgeschneiderte Schuhe nun den US-amerikanischen Markt aufrollen möchte. Sie sucht nach Investoren, die sie dabei begleiten, und nimmt an einer der vielen Veranstaltungen in Berlin teil, in dem junge Gründerinnen und Gründer mit ihren Ideen reüssieren und Kapitalgeber finden können. Ihr gegenüber sitzen Vertreter der öffentlich-rechtlichen „Investitionsbank Berlin-Brandenburg“. Sie bleiben gelassen, stellen die richtigen Fragen nach der Vermessung der Füße, laden sie zu einem Treffen mit Start-Ups aus dem arabischen Raum in der Woche darauf ein, wo es sicherlich nützliche Kontakte für sie geben könne, dann solle sie ihren Businessplan überarbeitet nochmals vorbeibringen.

Es sind nicht nur staatliche Fördergelder, die zwar die Grundlage und den Motor für jede weitere Unterstützung bilden, sondern vor allem auch Venture Capital, wie es eine Untersuchung der britischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) zeigte, die sich der europäischen Start-Up-Szene widmete und danach fragte, wo denn das Geld hinging in 2015. Das Ergebnis: Nirgendwo in Europa wurde im vergangenen Jahr so viel investiert wie in Berlin. Mit 2,1 Milliarden Euro an frischem Kapital überholte die deutsche Hauptstadt sogar London, wo Start-Ups 1,7 Milliarden Euro einsammeln konnten. Auf den weiteren Plätzen folgen Stockholm mit 992 Millionen Euro, Paris (687 Millionen Euro), dann Hamburg, wo 296 Millionen Euro in Start-Ups investiert wurden, und München mit einer Investitionssumme von 206 Millionen Euro. Die Stadt Luxemburg sucht man vergeblich auf dieser Liste. Insgesamt war das vergangene Jahr ein erfolgreiches Jahr für die Gründerszene, denn immerhin konnte sie 11,8 Milliarden Euro binden. Die Podestplätze gingen dabei mit 3,1 Milliarden Euro an Deutschland, für 2,6 Milliarden Euro an Großbritannien und mit 1,5 Milliarden Euro Investitionsgelder an Frankreich. Auch hier: Luxemburg fehlt.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1 433 Risikofinanzierungen durchgeführt. Die Trendbranche, so die Studie von EY, ist immer noch der elektronische Handel, gefolgt von der Fintech-Branche, also Technologien im Bereich der Finanzdienstleistungen, sowie Unternehmenssoftware und Big Data-Lösungen. Die Risikobereitschaft und der Anlagedruck seien dabei so groß wie schon lange nicht mehr. Denn die starken Schwankungen an den Aktienmärkten, die anhaltende Niedrigzinsphase und die zunehmende Bedeutung der Digitalisierung machen junge Technologie-Unternehmen zu reizvollen Investments. Da ist Musik drin. Würde ein Banker sagen. Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat hat vom Internet nicht sonderlich viel Ahnung, weiß aber, wann sie lächeln muss. Das tut sie bei einem Blick auf ihre Arbeitsmarktstatistiken, die zeigen, dass die Stadt für junge, gut ausgebildete Menschen ungemein attraktiv geworden ist. „Macht was mit Software“, rät sie jungen Schülerinnen und Schülern an einer Problempunktschule, „das ist immer gut.“

Ist die Finanzierung durch, sind genügend Barmittel für Kaffeemischgetränke beim US-amerikanischen Franchise-Unternehmen vorhanden. Denn das bietet ein weiteren unschlagbaren Vorteil für junge Gründer: das Netzwerken. Direkt hier oder im Co-Working-Büro treffen sich Menschen, die „Irgendwas mit Medien“ oder „Irgendwas mit Internet“ machen, so die meistgehörte Stellenbeschreibung der Generation 4.0, damit Menschen im Geiste, die ebenfalls an einer Idee basteln. Und das Kapital folgt den Ideen. Hier aber hat Luxemburg großen Nachholbedarf. Ein schneller Internetknoten mag zwar der Beginn sein, doch „weiche Faktoren“, die das Land und die Stadt attraktiv für „Ideenhaber“ und „Ideengeber“ machen, fehlen. Wenn es in Luxemburg einen Film Fund gibt, der das Großherzogtum als Standort für Filmschaffende entwickelt, warum gibt es dann nicht auch einen Internet Fund, der die Anschubfinanzierung für Start-Ups zulässt und das Scheitern zulässt? Es braucht auch nicht unbedingt einen Direktflugverbindung nach New York City, denn die Generationen 3.0 und 4.0 wollen einfach am Abend gepflegt ein Bier – oder einen Kaffee – mit Freunden trinken und neue Bars entdecken. Dazu reicht am Anfang eine Nachtbusverbindung nach Saarbrücken.

Martin Theobald
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