Vom Hämmern zum Flappen

d'Lëtzebuerger Land vom 25.10.2019

Die Digitalisierung ist im vollen Gange. I-Pad-Klassen in der Schule, Iris-Erkennung auf der Arbeit, E-Patientenakten in der Medizin. Die Regierung verfolgt eine digitale Strategie, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit beworben wird. Nur über einen Bereich wird nicht gesprochen: die fortschreitende Digitalisierung im Schlafzimmer.

Nein, es geht nicht um die Weckfunktion im Smartphone. Und auch nicht um die Möglichkeit, die Jalousien praktisch per smarter App zu öffnen oder zu schließen. Gemeint sind die vibrierenden Spielzeuge, die von manchen mit mehr oder weniger Enthusiasmus (Gruß an die unfreiwilligen Singles) in der Pause oder nach Feierabend hervorgeholt werden.

Die Erfindung des Vibrators geht auf das Jahr 1883 zurück. Und ehrlich: Wer sich bisher zu den Fortschrittsskeptischen zählte, wird spätestens beim Anblick des Vibbie-Prototyps von Doktor Joseph Mortimer Granville seine oder ihre Position überdenken. Den Namen „Hammer“ hatte das bohrmaschinenähnliche ohrenbetäubend laute Gerät, das eigentlich für die Behandlung verspannter Muskeln männlicher Patienten gedacht war, redlich verdient.

Die Erfindung batteriebetriebener silikonbeschichteter Sex-Toys ab Anfang/Mitte der 1990-er war für viele Frauen in punkto Selbstbefriedigung eine Art Erweckungserlebnis. Obwohl die vorwiegend männlichen Entwickler, wohl den Bedeutungsverlust ihres Geschlechts vorausahnend, erste Modelle als viel zu große und viel zu steife Penis-Doubles kreierten, Adern am Silikonschaft inklusive. Mit dem Internet kam die Demokratisierung – und damit die Rückmeldung kritischer Kundinnen. Seither hat sich die Lust-Technologie enorm verfeinert: Wo früher zu kleine, schnell den Geist aufgebende Batterien für manch unfreiwilligen Coitus interruptus sorgten oder lange Netzstecker so einen Kabelsalat provozierten, dass eine Abgrenzung zum Bondage-Fetisch sogar geübten Betrachterinnen schwerfiel, können diese heute bequem über eine Ladestation oder den USB-Port aufgeladen werden.

Neben der Ladetechnik sind die Sex-Toys selbst verbessert worden: Es gibt sie in allen Größen, Formen und Farben. Lila und krumm mit Extra-Klitoriskitzler oder schwarz und kegelförmig, um ausgeschaltet die Beckenbodenmuskulatur zu trainieren. In Lippenstiftform, um unauffällig in der Tasche (voller Ideen) mitgeführt zu werden, als Partnermodell, das ganz ohne Hände auskommt. Die peinlichen Penisimitationen sind passé – Frauen ist eine eigene Sexualität ohne phallische Präsenz vergönnt.

Und dennoch, raus ist der Mann aus dem Geschäft mit den Sex-Toys nicht, wie die vielen Inhaber- und Designernamen der wie Pilze aus dem Boden schießenden Toy-Marken zeigen. Manche Erfindungen sind einfühlsam, andere zumindest kurios: Da sind zum einen die diversen Stufen. Hand aufs Herz, äh, auf die Vulva, Ladies: Wer will einen Vibrator, der salvenartig und maschinengewehrähnlich vorwärtsstößt? Oder der so penetrant schraubt, als handle es bei der Suche nach dem G-Punkt um eine Tiefseebohrung? Oder dessen Intervall lang lang kurz kurz lang lang ans SOS der Schifffahrt denken lässt? (Lebenslauf und frühere Beschäftigung mancher Toy-Hersteller wären eine Kolumne für sich).

Voll im Trend liegen Kombinationen. Ein Vibrator tut’s nicht mehr, der Trend geht zum Zweitvibrator. Es lebe die simultane Mehrfachstimulation. Während das eine Gerät die Scheidenwände massiert, wird das andere auf die Klitoris gelegt. Die Wirkung ist sexier als der Produktname: Auflagevibrator (das passiert, wenn die Werbeabteilung das Produkt nie selbst ausprobiert hat). Nur: Wozu die Noppen unter dem computermausähnlichen Toy? Im Test stellt sich heraus: Die Silikonnoppen machen Sinn, schon um alles in Position zu halten. Denn das Ding rattert und röhrt so sehr, dass es ganz ohne Ekstase droht, vom Venushügel zu rutschen. Und jeder Versuch, sich in Fantasien zu verlieren, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist (ok, außer bei denjenigen, die auf Baulärm-Kinky Stuff stehen).

Überhaupt sind Lautstärke und Antriebsintensität echte Qualitätsmerkmale: Indiskrete Betriebsgeräusche sind besonders auf Fernreisen lästig. Falls ins Spiel doch jemand anders involviert ist: Wer will sich schon per Zuruf verständigen müssen, um mitzuteilen, wie sie es am liebsten mag? Wer lieber Sex im Dunkeln hat, kommt übrigens auch auf ihre Kosten: So genannte Undercover-Vibratoren haben eine eingebaute Taschenlampe.

Der neuste Schrei sind connected toys. Sexspielzeuge und Vibratoren, die per Fernsteuerung oder per App übers Smartphone funktionieren. So kann praktisch wie bei einer Eieruhr Zeit, Dauer, Stärke und Art der Spielsession eingestellt werden. Statt per Telefon meldet sich die Fernbeziehung dann eben mit einem netten digitalen Stupser oder groovigen Vibe im Unterleib. Noch unheimlicher sind nur die seitenlangen Datenschutzerklärungen.

Eines ist jedenfalls sicher. Die Abkehr vom armseligen fantasielosen Penisersatz in der maschinellen weiblichen Selbstbefriedigung ist unumkehrbar. Einige Modelle versuchen neuerdings gar, den Cunnilingus zu imitieren. Aber die tentakelartigen Klitoris-Sauger und Wassermühlenrad-ähnlichen flappenden Zungenimitationen sehen doch noch arg nach Testphase aus. Auch Doktor Granville hatte seinen „Hammer“ mehrmals nachgebessert.

Ines Kurschat
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