Religionsunterricht

Die Weihwasserscheide

d'Lëtzebuerger Land vom 30.04.2009

Der katholische Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen war noch 2004 eine solche Selbstverständlichkeit für die CSV, dass sie es nicht für nötig gehalten hatte, ihn in ihrem Wahlprogramm auch nur zu erwähnen. Doch fünf Jahre später sieht sich die christliche Partei nun gezwungen, seiner Rechtfertigung fast zwei Seiten ihres Wahlprogramms zu widmen.

Während der zu Ende gehenden Legislaturperiode scheint ein Schub Laizismus in der Gesellschaft und der Politik stattgefunden zu haben, der seinen Höhepunkt in der Legalisierung der Euthanasie erreichte. Unterstützt von den reaktionären Fantasien von Papst Benedikt XVI., stellte er aber auch mit neuem Nachdruck den Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen in Frage. Dabei geht es nicht nur um die staatlich finanzierte Verbreitung von Bibelgeschich­ten, sondern auch um die Identifizierung und Polarisierung im mehr als ein Jahrhundert alten Kulturkampf zwischen Liberalen und Klerikalen.

Forsch heißt es bei der DP: „In der öffentlichen Schule wird die DP den Religionsunterricht abschaffen und durch einen Werteunterricht ersetzen. Im Rahmen dieses neuen Unterrichts werden alle Religionen objektiv thematisiert.“ Für die Grünen ist „Religion in Form von Glaubensbekenntnissen in einer öffentlichen Schule, die Wissen vermitteln soll, fehl am Platz und gehört vielmehr in die Kirche oder in einen privaten Religionsunterricht“. Die KPL wirft der Regierung vor, „den Religionsunterricht wieder als Promotionsfach ein[geführt]“ zu haben, und verlangt ebenfalls: „Weder Religionsunterricht, noch religiöse Symbole in den Schulen“.

Hatte die LSAP den Religionsunterricht bisher vor allem als klerikale Indoktrination kritisiert, so sieht sie ihn nun zuerst als Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Denn sie befürwortet „die Einführung eines einheitlichen Werteunterrichts, der alle Kinder der öffentlichen Schule auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Ziele zusammenbringt. Parallelgesellschaf­ten, die sich auf religiöse Ansprüche oder nationale Eigenheiten berufen, würden ein Land, dessen Bevölkerung sich aus vielen verschiedenen Nationalitäten und Religionsgemeinschaften zusammensetzt, vor eine Zerreißpro­be stellen.“ Auch die Grünen finden: „Die derzeitige Unterteilung der Schüler in den katholischen Religionsunterricht und das ‚Morale-Laïque-Sammelbecken‘ wird den Anforderungen unserer heutigen pluralistischen Gesellschaft nicht mehr gerecht. Im Interesse der sozia­len Kohäsion ist es grundlegend falsch, Kinder aufgrund der Reli­gionszugehörigkeit (ihrer El­tern) gerade bei der Wertevermittlung voneinander zu trennen.“

Weil aber kaum ein politischer Konflikt hierzulande so emotional aufgeladen ist wie der Kulturkampf, müssen die Parteien eine Haltung zum Religionsunterricht finden, die gleichzeitig ihre Wähler zufrieden stellt und nach den Wahlen Konzessionen für eine Koalition zwischen einer klerika­len und einer liberalen Partei ermöglicht. Damit dies gelingt, haben sie sich auf das aus Deutschland übernommene Zauberwort „Werte­unterricht“ geeinigt. Nur déi Lénk schert etwas aus und meint: „Der Religionsunterricht gehört nicht in die öffentliche Schule! Er sollte ersetzt werden durch einen einheitlichen, dem Alter angepassten Kursus praktischer Philosophie.“

Allerdings verstehen die Parteien den Begriff des Werteunterrichts sehr unterschiedlich. Für die einen ist es ein Sammelbegriff, unter den auch der Religionsunterricht fällt, für die anderen ist es eine Alternative zum Religionsunterricht. Alle gebrauchen sie ihn weniger als pädagogisches Konzept, denn als Schlüssel zum politischen Kompromiss.

Denn die CSV  hält am „aktuelle[n] System der Wahlfreiheit“ zwischen Religionsunterricht und Laien­moral als „Ausdruck des Pluralismus“ fest. Zudem soll „das Statut des so genannten Werteunterrichts (sowohl Religions- als auch Moral- und Sozialunterricht) in der Primärschule dem Statut im Sekundarbereich gleichgestellt werden“, die „Programme werden von der Regierung gutgeheißen“ und „das betreffende Personal vom Staat angestellt“. Diese Regelung könnte „auch für andere Religionsgemeinschaften in der öffentlichen Schule gelten“. Als einzige Partei teilt die ADR den Standpunkt der CSV, denn „sie res­pektiert die Entscheidung der Eltern und Schüler sowohl zugunsten des Religionsunterrichts als auch des Werteunterrichts und spricht sich daher für das gleichberechtigte Weiterbestehen beider Fächer an den Schulen aus.“

Die LSAP, in deren Wahlprogramm 2004 noch keine Rede von Werteunterricht ging, ist stolz auf die „Pilotschule Neie Lycée“, wo es „einen religionsneutralen Unterricht für alle Schüler“ gebe. „Diesen Weg will die LSAP nun weitergehen und eine Verallgemeinerung des Werteunterrichts einführen“, der „die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen darstellen“ soll.Dem widersetzt sich die CSV überraschenderweise nicht grundsätzlich. Sie habe „dem Pilotprojekt im Neie Lycée unter dem Vorbehalt zugestimmt, dass die Vertreter der Religionsgemeinschaften und nicht-religiösen Weltanschauungen authentisch zu Wort kommen können. Wir fordern eine tiefgründige Auswertung des neu eingeführten Werteunterrichts im Neie Lycée, bevor weitere Schritte unternommen werden.“

Aber vielleicht hat die immerhin auch um Modernisierung bemühte CSV eingesehen, dass  mittelfristig der Werteunterricht die letzte Hintertür für die katholische Kirche sein könnte, um in die Klassensäle zu gelangen. 

Romain Hilgert
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