Wohltuende Katastrophen

Leierkastenmann

d'Lëtzebuerger Land vom 16.12.2010

Heute loben wir die wohltuenden Katastrophen. Unser Land ist am Ende und wird bald wieder genau so klein sein, wie es immer war. Dann dürfen wir endlich bleiben, was wir sind: ein geopolitischer Klacks, durch euro-päische Hochstapelei seit Jahrzehnten aufgebläht zum hohlen Popanz ohne Rückendeckung. Das Menetekel ist ja überdeutlich: Herr Juncker gebärdet sich zunehmend wie ein wildgewordener Kobold. Seine Selbstüberschätzung schlägt dramatisch um in reine Raserei wider seine katholischen Kollegen in Europa. Er wird die schlechte Komödie verlieren. So wird es kommen: der Euro bricht zusammen, Europa zerfällt in Windeseile, übrig bleibt ein Gewirr zerstrittener Nationalstaaten. Von Luxemburg wird kein Mensch mehr reden. Weil es nicht mehr wahrnehmbar ist.

Natürlich ist unsere nette Vorweihnachtsgeschichte hier noch nicht zu Ende. Nach dem Rückfall in den allgemeinen Protektionismus werden wir Luxemburger ganz schön belämmert aussehen. Unsere Schulen gehören zu den schlechtesten der Welt. Wir sind nicht in der Lage, Fachkräfte hervorzubringen, die international konkurrenzfähig wären. Schulreformen, die nur in den Köpfen verbohrter Theoretiker Bestand haben, ruinieren die Motivation unzähliger Lehrkräfte. Auch unsere Klimaschutzpolitik gehört zu den schlechtesten der Welt, wie uns eben erst der Klimakrisengipfel von Cancún bescheinigt hat. Wir haben keine Ideen, keine Einfälle, keine Pläne für unsere Zukunft. Wir verpulvern unsere Ressourcen, als seien wir auf ewig das zementierte Schlaraffenland, dem keiner etwas anhaben kann. Wir verraten reihum alle Grundsätze des Menschenrechts und der Freiheit, weil wir glauben, mit diesen Kniefällen den wüstesten Diktatoren des Planeten, etwa den Chinesen, zu gefallen. Alles, was von Luxemburg übrigbleiben wird, ist ein unregierbares Kaff von Landesgröße.

Was sind wir noch, wenn uns der trügerische europäische Heiligenschein vom Kopf gerissen wird? Ein verlorener Winkel mit einer Handvoll Menschen, die vermutlich unheimlich ackern müssen, um überhaupt eine Chance aufs Überleben zu haben. Keiner wird uns mehr hofieren, wir werden nicht einmal mehr die Besenkammer des verblichenen Europas sein. So. Jetzt dürfen die Weihnachtsglocken läuten. Bimbam, bimbam, wo bleibt nur der Erlöser?

Der Erlöser, der sich immer noch feiern lässt als der Herkul Grün Europas, wandert wie in Trance von Preisverleihung zu Preisverleihung und merkt nicht, dass seine schöne, kontinentbreite Projektion aus allen Fugen gerät. Europa steht kurz davor, an seinen eigenen Widersprüchen zu zerbrechen. Da kann Herr Juncker noch so oft seinen Leierkasten anschmeißen und gebetsmühlenartig wiederholen: „Europa ist das Gegenteil von Krieg.“ Mit diesem einzigen Behauptungssatz mogelt sich der Erlöser seit Jahren durch die komplexe europäische Wirklichkeit. Er ist offenbar der Ansicht, die Bürger ließen sich mit derlei träumerischen Mätzchen abspeisen. Sein gesamter Preis- und Medaillenballast, unter dem er bald zusammenbrechen wird, beruht auf simplen Affirmationen, für die er jeden Beweis schuldig bleibt. Wie definiert er denn eigentlich den „Krieg“? Ist Krieg nur das hörbare Säbelrasseln, die pure militärische Gewalt?

Wenn Junckers politischer Gesinnungsgenosse Sarkozy (ein guter Katholik, gelobt sei Jesus Christus) massenweise Roma deportieren lässt, ist das kein Krieg gegen eine schutzlose Minderheit? Wenn Berlusconi (ein guter Katholik, gelobt sei Jesus Christus) Gesetze aushebelt, die Justiz verhöhnt, die Pressefreiheit knebelt, die Opposition mundtot macht, der Korruption Tür und Tor öffnet, ist das kein Krieg gegen das eigene Volk? Wenn Banken und Finanzinstitute die gesamte europäische Bevölkerung über den Tisch ziehen, ganz Europa als Geisel nehmen und sich über Verfassungen und gesetzliche Regelungen ungerührt hinwegsetzen, hat das etwa nichts mit Krieg zu tun? Wenn die europäische Verwaltung mit ihrer monströsen Bürokratie eine absurde Verfügung nach der anderen erlässt, die an reinen Irrsinn erinnern, ist das kein Krieg gegen Vernunft und Gemeinschaftsgefühl?

In Herrn Junckers Wohnort gibt es eine schmucke, kleine Kunstgalerie. Wir können uns ohne weiteres vorstellen, dass unser Hyper-Europäer nach seinem endgültigen Absturz hier eine idyllische Bleibe findet. Er wäre dann der berühmteste Ausstellungswärter im Kanton Capellen. Jedem Besucher könnte er endlos Anekdoten erzählen über das prachtvolle, exemplarische, kriegsfreie Europa. Ihm würde zwar keiner mehr zuhören, aber seine rhetorische Apparatur könnte er so auf Touren halten. Eine Kunstgalerie ist nämlich tatsächlich das Gegenteil von Krieg. Und der ehemalige ungekrönte Kaiser von Europa könnte sogar sich selber ganz legitim für ein Kunstwerk halten. Eine lebende barocke Skulptur mit gemeißeltem Lorbeerkranz. Sozusagen der vom Sockel gefallene „Gëllene Mann“. Vielleicht lässt sich die Bofferding-Brauerei ja überreden, zu diesem Anlass die goldene Juncker-Flasche auf den Markt zu werfen.

Guy Rewenig
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