Lichtverhältnisse in der Hauptstadt

Es werde Licht!

d'Lëtzebuerger Land vom 10.12.2009

Heute loben wir die Lichtverhältnisse in der Hauptstadt. Wir reden nicht von den leuchtenden Weihnachtsbaldachinen, dem Glühbirnenüberschwang in allen Gassen. Diese künstliche Helligkeit hat ja nur mit dem ebenso künstlichen Kommerz und Konsum zu tun. Da im Dezember die Dunkelheit früh hereinbricht, braucht der kommerzbewusste Stadtbummeler ein bisschen elektrische Nachhilfe beim Konsumvollzug. Es wäre ja buchstäblich ein Debakel, wenn nichts mehr gekauft würde, sobald es dunkelt. Wir benötigen mindestens noch soviel Licht, dass wir unsere Kreditkarten sehenden Auges aus dem ledernen Portefeuille ziehen können. Die winterliche Finsternis soll uns das Geschäft nicht versauen.

In diesem Lobgesang aber geht es um ein ganz anderes Licht, eine geniale Erfindung der Stadtverantwortlichen. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass an bestimmten Stellen im Stadtpark die Baumkronen angestrahlt werden? Tatsächlich ist die gebündelte Leuchtkraft einer ganzen Scheinwerferbatterie gezielt ins Geäst gerichtet. Grüne und blaue Strahlengarben verschmelzen zwischen den Zweigen: ein Bild der stadtpolitischen Harmonie. Ist das nicht ein toller Dienst an den city people?

Natürlich werden jetzt die ewigen Miesmacher wieder aus dem unterbelichteten Gebüsch treten, die Knaddervullen vom Dienst, und über dieses schöne Erleuchtungsspektakel herfallen. Wir hören sie schon quaken: Warum um alles in der Welt muss ein Baum des Nachts beleuchtet werden? Gibt es nicht schon genug Lichtverschmutzung in der Stadt? Muss jetzt auch noch das letzte Stück Natur verfremdet werden? Welche grünen und blauen Lichtgestalten haben diese abstruse Schnapsidee ausgeheckt? Ein Baum kann sich nicht wehren, ist das ein Grund, ihn mit Lichtsalven zu bombardieren? Wie können es die grünen Schöffen, diese leuchtkräftigen Prediger der Naturbelassenheit, eigentlich zulassen, dass Bäume nachts nicht sein dürfen, was sie sind: in Dunkelheit getauchte Naturgewächse?

Nun, wir setzen uns keinesfalls zu diesen Kritikastern ins Boot. Denn wir wissen: vor allem die Grünen im hauptstädtischen Schöffenrat denken stets über den Tag hinaus. Sie verschmähen den schnellen, elektoralen Effekt, sie pflegen bei allen Entscheidungen die radikale Nachhaltigkeit. Also muss auch bei der Baumbestrahlung im Stadtpark höhere Intelligenz im Spiel sein. Nach langem Denksport sind wir endlich darauf gekommen: das Ganze ist eine sogenannte ESM, eine „Eichhörnchenschutzmaßnahme“. Wir wissen ja, dass Eichhörnchen, vor allem betagte, des Nachts nicht mehr unbedingt in der Lage sind, schön forsch und locker von Ast zu Ast zu hüpfen. Sie zögern, sie werden unsicher, und die hauptstädtische EAS (Eichhörnchenabsturzstatistik) bläht sich bedrohlich. Seit die Baumkronen im Park hell beleuchtet sind, leben die Eichhörnchen nach Mitternacht förmlich wieder auf. Jeder kann sich mit eigenen Augen, zum Beispiel um drei in der Früh, vom scheinwerfergestützten Eichhörnchenaufkommen im Stadtpark überzeugen. Es ist eine wahre Lust! Übrigens hat sich noch nie ein Baum darüber beschwert, dass er stundenlang von blauem und grünem Scheinwerferlicht gekitzelt wird. Ganz im Gegenteil freuen sich die Bäume offenbar darüber, dass die Eichhörnchen nicht länger depressiv sind und wieder vital in den Baumkronen turnen.

Nein, wir lassen uns die Begeisterung über den baumhohen Verdienst des hauptstädtischen Schöffenrats auch nicht von dieser Meldung schmälern: im neuen Kulturzentrum Cité scheint das Prinzip der obscuritas praecox zu herrschen. Um 21 Uhr bricht automatisch die Dunkelheit herein. Die programmierte Elektronik macht’s möglich. Wer nicht vor 21 Uhr das Gebäude fluchtartig verlässt, riskiert nicht nur, in einem zappendusteren Raum zu hocken, sondern auch noch an den elektronisch verriegelten Ausgangstüren zu scheitern. Also müssen beispielsweise literarische Abende schon um 18 Uhr angesetzt werden, damit sie nicht mit der Cité-Elektronik in Konflikt geraten. Zieht sich so ein literarischer Abend ein bisschen hin, weil der Dichter gut gelaunt und das Publikum entspannt ist, gerät die zuständige Bibliothekarin jedes Mal in Panik. Um 21 Uhr ist couvre-feu! Nur schnell raus hier!

Worüber beschweren sich eigentlich die finsteren Kulturfritzen? Der Künstler ist ja selber ein großes Licht, wieso braucht er dann noch die Außenbeleuchtung? Soll sein Werk nicht eher von innen heraus strahlen? Und außerdem: was hindert den Dichter daran, um 21 Uhr mit seinem Publikum beschwingt in den Stadtpark zu pilgern? Dort findet er jede Menge Licht. Vielleicht hat er ja sogar ein Eichhörnchengedicht in seinem Manuskriptköfferchen. Keine Angst, zum Vorlesen muss er nicht unbedingt auf den Baum klettern. Ein Scheinwerfer am üppig bestückten Metallturm ist nämlich nach unten gerichtet, auf die Parkallee. In diesem Lichtkegel darf sich die Kultur frei entfalten. Zudem noch an der frischen Luft.

Guy Rewenig
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