Die kleine Zeitzeugin

Danuvius, der erste Fußgangster

d'Lëtzebuerger Land du 08.11.2019

Die Bayer_innen waren, das ist jetzt wissenschaftlich bewiesen, die ersten Fußgangster_innen der Welt. Damit haben sie den Afrikaner_innen den Rang abgelaufen, die waren erst fünf Millionen Jahre später auf den Beinen. Der Olympia-Titel wird ihnen mit sofortiger Wirkung aberkannt.

Schon sehr früh stand Bajuwarin, wie wir jetzt lernen, auf eigenen Füßen, in aller Herrgottsfrüh’ strapazierte sie ihre Hax’n, als der Herrgott noch nicht mal erfunden war. Als alles andere mit dem Aufstehen noch nichts am Fellhut hatte, als gekrabbelt wurde, ansonsten nur Keim und Schleim. Zeitzeug_innen gibt es kaum, nur vornehm schweigende Fossilien und Säbelzahntigerinnensäbelzähne.

Gut, dass wir Wissenschaftler_innen haben, die zäh und besessen und zugleich von kristallklarer Nüchternheit den Erdboden durchwühlen, wie wir Trivialen das ausdrücken. Dann finden sie einen Knochen, wie ein Hund. Aber der hat es in sich und alle sind außer sich. In den Mähdien gibt es Konterfeis

von Zweiglein, die Knochen genannt werden, eine kompetent ausschauende Frau hält einen solchen hoch; nicht triumphierend, sie ist eine Frau, eher sachlich. Und schon ist alles wieder anders, wieder neu, die Weltgeschichte wird auf den Kopf gestellt und neu auf die Füße. Die Füße gehören jetzt anderen.

Afrika, delete. Wer anders als die Europäer_innen hat sich als erstes auf die Hinterbeine gestellt und alles auf Vordermann gebracht? Und wen bitte, überrascht das? Mutter Afrika, schön und gut, aber wer kann es mit Europa aufnehmen – seine Kriege waren immerhin Weltkriege – und obendrein mit einer Gegend, in der sich traditionell strebend bemüht wird; so was steckt schließlich in den Knochen.

Wieso Bayern und nicht nicht Preußen? Ja, wer steht mehr mit den Beinen auf der Erde als die Bajuwar_innen, bodenverständig seit jeher? Diese Reck_innen mit Gemüt und Software und einem irritierend gesunden Menschenverstand. Die Kostümierungen dieser maßlos Maße stemmenden Mannsbilder, dieser drallen Weibsbilder, sie stemmen ebenfalls Maße; ihre berauschten Feste, ihre temperamentvollen, aber schlichten Tänze. Nun sind wir alle bayerische Weltkulturerben.

Bayern, wo die wilden, etwas barocken Kerle wohnen. Söder. Der Bulle von Tölz. Benedikt XVI. Ebendort leibte und lebte Danuvius guggenmosi. Seinen Namen verdankt er nicht Kreativen-Eltern, sondern einer keltisch-römischen Gottheit und dem jüngst verschiedenen Freizeitarchäologen Sigulf Guggenmoos. Ist allerdings über den Daumen gepeilt elf Millionen Jahre her. Primat Danuvius, offiziell jetzt Prä-Menschenaffe, war der erste Fußgänger. Evolutionär war er top ausgerüstet, flexibel hangelte er sich von Baumkrone zu Baumkrone oder streifte per pedes durch Gottes freie Natur. Warum nur machte er sich vom Acker?

Rätselrätsel. All das geschah, guggelguggel, im Miozän, einer chronostatigrafischen Serie des Neogen, früher des Tertiär. Davor gab es das Oligozän, danach das Pliozän. Solche Sachen finden Paläonthologin Böhme und ihr Team anhand von ein paar verkohlt ausschauenden Knöchelchen und ein paar Zähnchen raus, Ehrfurcht durchschauert mich. Dieses Miozän scheint eine angenehme Zeit gewesen zu sein, schön warm mit Walnüssen und Magnolien in der Antarktis, mit schmelzendem Eis, lauwarmen Meeren, Mangroven und Korallenriffen. Und jeder Menge CO2.

Doch wie ging es in Afrika weiter? Wanderten die Fußgangster_innen dorthin aus? Äfften die afrikanischen Prä-Menschenäffinnen die Migrantinnen aus Bayern nach? Oder kamen die Afrikaner_innen einfach auch drauf und auf die Füße und den Hund? Da werden die Forscher_innen noch zu tüfteln haben. Sicher finden sie bald wieder ein paar Zähne aus einem -zän. Oder ein Os. Und es geht wieder los. Dann hält wieder jemand einen Knochen in die Höh’, der an einer Location ausgebuddelt wurde, die gerade nicht ins Konzept passt. Dann ist das Konzept keins mehr, und es kommt eine neue Theorie und eine neue Weltgeschichte. Es gibt genug davon.

Michèle Thoma
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