Ob Kunst etwas bewirkt?

Scherzgrenze

d'Lëtzebuerger Land vom 15.04.2016

Ich weiß nicht, wie die Lage sein wird, wenn Sie, geneigte/r Leser_in, sich über diese Zeilen beugen. Es geht alles so schnell im Moment, es nimmt Ausmaße an, die noch keiner abschätzen kann. 78 Millionen Türken hat der deutsche Satiriker Jan Böhmermann beleidigt, das hat jedenfalls der Präsident der demokratischen Republik Türkei mitgeteilt. 78 Millionen, eine Traumquote für einen Late-Night-Witzbold. So hätten Satiriker_innen, die bislang noch niemand zum Duell aufgefordert hat, wahrscheinlich noch vor kurzem gedacht und sich sonst nicht so viel dabei gedacht.

Ob Kunst etwas bewirkt? Jedenfalls so viel, dass einem ausländischen Potentaten die Anschuldigung des strafrechtlich doch relativ relevanten Verbrechens gegen die Menschlichkeit über die Lippen geht, vielleicht sagt er das zuhause ja öfter. Also eines Straftatbestands im Völkerrecht, der durch einen ausgedehnten oder systematischen Angriff gegen eine Zivilbevölkerung gekennzeichnet ist. Also Nürnberg, Den Haag, diese Liga.

Was muss einem deutschen Mitternachtswitzbold einfallen, um eine so überdimensionale Aufmerksamkeit zu erreichen? Der Aufwand war eigentlich nicht besonders groß. Es ging im Wesentlichen um ein Körpermitglied. Kein unwichtiges Accessoire allerdings, eines, das sich gern wichtig macht, um nette Tiere, ein bisschen reimte es sich auch. Ein Mini-Bauernhofbilderbuchporno, ja, manchmal brauchen die Intellektuellen so was, sie können auch nicht nonstop intellektuell sein. Die Konsumentin der freien Kultur zuckt angeödet und ob der derben Doofheit leicht angeekelt die Achseln; den raffinierten Vorspann hat sie ja glatt überhört, da ging es ihr wahrscheinlich wie den legendären 78 Millionen Türken. Man passt ja auch nicht immer auf.

Und dann auch noch Konditionalis. Etwas erscheint platt, infantil, schnell mal ein paar Zötchen reißen, eine Prise Rassismus, geil. Aber okay, Ironie wird es wohl sein, wir sind ja nicht auf einem Pornokanal für geistig Behinderte, sondern im ZDF. Die vielschichtigen Ebenen des Diskurses, eine Ziege ist eine Ziege ist eine Ziege, erschließen sich der Kunstkonsumentin allerdings nicht auf Anhieb. Dann taucht auch noch ein unbekanntes Wort auf, sie hält es zuerst für eine in Kulturtheoretiker_innenkreisen übliche Formel. Irgendetwas mit kritischem Diskurs, etwas für Eingeweihte. Dabei ist es nur eine ungelenke Wortkonstruktion, ein Synonym für die gute, schlichte, alte Beleidigung.

Und wer weiß, worum es sich jetzt schlussendlich handelt? Um eine Beleidigung oder eine kunstvoll getarnte Beleidigung? Und ist es dann Kunst, oder immer noch nur eine Beleidigung, die jetzt Schmähkritik heißt?

Und wer soll heraus finden in der Kunst, wo die Beleidigung anfängt und wo die Närrinnenfreiheit aufhört? Wo ist die Scherzgrenze, und muss ein unverschämter deutscher Mann, wie der türkische Präsident den Satiriker nannte, die türkische Schamgrenze respektieren?

78 Millionen, mal guggelguggel, beim aktuellen Guggelstand, der sich alle paar Minuten zugunsten erdowahnischer Bevölkerungsdichte in die Höhe schraubt, umfasst die Bevölkerung der demokratischen Republik 77 975 475 menschliche Einheiten, ein bisschen hat Erdogan also aufgerundet. Jan Böhmermann hat demnach nicht nur die türkischen Männer beleidigt, sondern auch die Frauen, die Kinder, die Neugeborenen, die Greisinnen, jedes menschliche Wesen, jeden Insassen und jede Insassin des Osmanischen Reiches. Er hat die Kurdin beleidigt und die Alawitin und den Aleviten, er hat die Schriftstellerin aus Istanbul beleidigt und den Busfahrer, der für ein paar Euro kulturbesessene Senior_innen von Sehenswüdigkeit zu Sehenswürdigkeit karrt. Er hat die PKK-Kämpferin beleidigt und den Journalisten, der im Knast sitzt, weil er den Präsidenten beleidigte. Ob das Volk der Türken überhaupt weiß, dass es beleidigt ist, weil der Präsident in seiner Männlichkeit beleidigt wurde? Wurde der böhmermännliche Erguss auf allen Kanälen serviert, mit kompetenter Übersetzung, gab es einen Aufschrei-Hashtag, eine Twitterkampagne zugunsten des Twitter-Terminators? Darf man ein ausländisches Organ wirklich nicht kritisch-satirisch beleuchten? Heißt das dann „schmähkritisieren“? Und ist ein ausländisches Organ, das im eigenen Staat ein so potenter Faktor ist, überhaupt noch ein ausländisches Organ?

Michèle Thoma
© 2017 d’Lëtzebuerger Land