Zukunft der Nationalbibliothek

Nationalbibliothek ade?

d'Lëtzebuerger Land du 17.12.2009

Auf der Internetseite der Nationalbibliothek ist zu lesen, dass einige tausend Bücher aus deren Beständen nicht mehr eingesehen respektive ausgeliehen werden können. Sie sind zwar in klimatisierten Räumlichkeiten aufbewahrt, trotzdem von einem Schimmelpilz befallen und müssen nun mittels komplizierter und kostspieliger Verfahren im Ausland behandelt werden.

Dieser Vorfall ruft die unendliche Geschichte um den Neubau der Nationalbibliothek in Erinnerung. Zu dieser Geschichte war am 23. Oktober 2008 eine Interpellation in der Abgeordnetenkammer abgehalten worden, die mit einer einstimmig angenommenen Motion und dem einhelligen Bekenntnis aller auftreten­den Redner für einen solchen Neubau in möglichst kurzer Zeit auf Kirchberg auf dem Grundstück des Schuman-Gebäudes abgerundet wurde.

Die danach einsetzenden Bemühungen fanden ihren vorläufigen Abschluss in einem schönen Satz der Regierungserklärung: „Le Gouvernement accordera une priorité à la construction d’une nouvelle Biblio­thèque nationale, projet qu’il convient d’accélérer.“

Inzwischen sind wieder einige Monate ins Land gegangen. Die Regierung hat sich anscheinend darauf festgelegt, besagten Neubau erst in Angriff zu nehmen, wenn das Europaparlament das Schuman-Gebäude verlassen und das ausgebaute Konrad-Adenauer-Gebäude beziehen wird. Die voraussichtliche Zeitschiene für eine neue Nationalbiblio­thek ist somit auf frühestens 2020 angesetzt.

Damit sind die Hoffnungen zerschlagen, die in und nach der Interpellation im Parlament und in interessierten Kreisen aufgekeimt waren.

So waren Alternativlösungen vorgeschlagen worden, die einen kürzeren Zeitplan als den erwähnten ermöglicht hätten. Die billigste dieser Lösungen wäre die Zurverfügungstellung einiger Stockwerke des renovierten Hochhauses für die im Schuman-Gebäude untergebrach­ten Parlamentsdienste.

Eine andere Lösung wäre die Anmietung von Büroräumen auf Kirchberg gewesen, was jedoch mit dem Hinweis auf den Kostenpunkt abgelehnt wurde. Ein dem Fonds du Kirchberg gehörendes und für den Nationalbibliothek-Neubau geeignetes Grundstück käme anscheinend nicht in Frage, weil es, an eine Bank verkauft, einen Batzen Geld einbringen würde. Gegen solche Argumente kommt natürlich eine Nationalbibliothek nicht an! Hohe Entscheidungsträger der staatlichen Verwaltung haben nun eben eine andere Agenda als die Kulturministerin.

Erschwert wird zudem die Suche nach Ausweichlösungen durch die Unklarheit über die tatsächlich benötigten Büroräume des Europaparlaments in Luxemburg. Offiziell sollen im Schuman-Gebäude auf Kirchberg etwa 600 Beamten arbeiten; vielleicht sind es auch nur noch 300, denn wie viele von ihnen nur nominell in Luxemburg ernannt und reell in Brüssel arbeiten, weiß außer dem inneren Kreis der Parlamentsverwaltung niemand in Europa geschweige denn in Luxemburg. Leere Büroräume soll es allerdings im Schuman-Gebäude geben!

Wie man nun laut Regierungserklärung den Neubau der Nationalbiblio­thek schneller („accélérer“!) hinkriegen wird, bleibt ein Rätsel.

Inzwischen geht es weiter mit dem Flickwerk. Die Annexe auf Kirchberg wurde mit viel Geld für die Nationalbibliothek eingerichtet und soll noch weiter Geld kosten. Wie viel Geld jetzt in die Sanierung der Keller der Nationalbibliothek gesteckt werden muss, steht noch in den Sternen. Ein Architektenwettbewerb hat bereits stattgefunden. Im Staatshaushalt 2010 ist zu lesen, dass vor 2008 bereits 1 790 620 Euro für einen Neubau ausgegeben wurden, 2008 25 700 Euro, 2009 waren 200 000 veranschlagt und 2010 sollen es laut „Fonds d’investissement public administratif“ 500 000 Euro sein. In der Programmierung bleibt die Nationalbibliothek jedoch noch immer „à l’étude“, also an letzter Stelle hinter den in der Ausführung und in der Vorbereitung befindlichen Vorhaben.

Das sind wahrlich keine schönen Aussichten für eine neue Nationalbibliothek. Das Parlament, das seit 1990 sechsmal die Nationalbibliothek besucht und jedesmal katastrophalen Raummangel und unzumut­bare Arbeitsbedingungen vorgefunden und gebrandmarkt hat, wird vorgeführt, wenn es einstimmig Wünsche beschließt, die ebenso schnell zur Makulatur werden.

In einer Zeit, in der die Politik unisono nur so von Kultur, Innovation, Aufbruch in die Zukunft, Forschung, Bildung undsoweiter trieft, ist es ein Armutszeugnis erster Güte, dass so manchen „Spielereien“ in der Kultur (siehe Festungsmuseum) großzügig Vorrang vor grundlegenden Kulturinstituten wie die Nationalbibliothek oder auch das Staatsarchiv eingeräumt wird.

Ben Fayot
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