Die Belgier trinken weniger billigen Rivaner. Ernst & Young soll den Luxemburger Winzern helfen, ihn anderswo zu verkaufen

Kättche, Kättche...

Weingutmitarbeiter bei der Arbeit im Weinberg
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 30.06.2017

„Der Weinbau unseres Landes hat in den letzten 30 Jahren eine hohe Stufe der Entwicklung erreicht“, beginnt die Denkschrift Der Weinbau im Großherzogtum Luxemburg während der Jahre 1904 – 1911 einschließlich, die 1911 vom Distrikts- und Weinbaukommissariat in Grevenmacher in der Obermosel-Zeitung veröffentlicht wurde. In über 100 Jahren hat sich demnach nicht viel verändert. Denn heute fasst Robert Ley, Direktor des Weinbauinstituts (IVV) die Situation wie folgt zusammen: „Draußen hört man ständig: ‚Der Wein wird immer besser!’ Aber verkauft wird er nicht. Die Frage ist warum?“

Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. In den vergangenen Jahren ist der Verkauf einheimischen Weins und Crémants von 100 000 Hektoliter weißem Wein auf 64 000 Hektoliter gefallen. Das Gesundheitsbewusstsein wächst, die Leute gehen weniger zum Wirt, zumal seit der mehr Mehrwertsteuer berechnen muss. Wenn sie trinken, dann nicht unbedingt ein Pättchen Elbling oder Rivaner. Denn gleichzeitig sind die Importe ausländischer Weißweine gestiegen. Migranten bringen ihre geschmacklichen Vorlieben, Trinkgewohnheiten und Weine von daheim mit. Auf diesen Trend hatte der Luxemburger Weinbau schon vor Jahrzehnten mit der Entwicklung des Crémants reagiert. Der Crémant ist eine Erfolgsgeschichte. Aber die Verkaufszahlen nehmen nicht mehr so stark zu wie in der Vergangenheit, sagt Ley. Dazu addiert sich, dass der Absatz in Belgien schrumpft, was die Exportzahlen drückt. Rund die Hälfte der einheimischen Produktion wird aber im Ausland abgesetzt, 90 Prozent davon in Belgien. So ist es vor allem den klimatisch bedingten schlechten Ernten der vergangenen Jahre zu verdanken, dass die Lagerbestände nicht allzu hoch sind.

Dass die Belgier weniger trinken, ist vor allem ein Problem des Rivaners und damit ein Problem der Kooperative Vinsmoselle. Von dieser Rivanerkrise will Vinsmoselle-Direktor Patrick Berg nichts wissen. Doch die Zahlen sprechen für sich: Die Mitglieder der Vinsmoselle bewirtschaften über die Hälfte der gesamten Luxemburger Anbaufläche, auf der sich 2016 der Rivaner-Anteil an der Ernte auf rund 30 Prozent und der Elbling-Anteil auf zehn Prozent belief. Zwangsläufig fällt ein nicht unerheblicher Anteil des Rivaner- und Elbling-Anbaus auf die Kooperative zurück, die laut ihrer Jahresberichte rund 40 Prozent ihrer Produktion exportiert. Die Erntestatistiken des Weinbauinstituts zeigen ihrerseits, dass 2016 21 Prozent der Ausfuhren von 32 929 Hektolitern nach Belgien nicht einmal den Qualitätskriterien der Appelation d’origine protégée (A.O.P.) entsprachen, weitere 45 Prozent waren Rivaner der A.O.P.-Einstiegskategorie. Dabei eignet sich der Rivaner nicht zur Crémant-Herstellung. In den vergangenen zehn Jahren wurde die Anbaufläche für den Rivaner schon um fast 40 Prozent reduziert und durch andere Rebsorten ersetzt, die Anbaufläche für Elbling ist nur noch halb so groß wie vor zehn Jahren. Weiter reduzieren, Rebstöcke roden und beispielsweise durch populärere Pinot-Sorten ersetzen, ist nicht mehr wirklich möglich, weil sich die Lagen dafür nicht eignen, darüber gibt es kaum Diskussionen.

Das alles ist an der Mosel bekannt. Und deshalb ähnelte der Auftrag an die Unternehmensberater von Ernst&Young, die in den vergangenen zwei Jahren eine strategische Studie über den Luxemburger Weinbau erstellten, stark dem von Beratern, die vom Verwaltungsrat in ein kränkelendes Unternehmen gerufen werden, um bekannte Probleme zu bestätigen und dann Entlassungen vorzunehmen. In diesem Falle geht es darum, die Produzenten von Massenware zu disziplinieren und dadurch den Ruf der Luxemburger Mosel als Weinanbaugebiet insgesamt zu sanieren. Deshalb rät Ernst&Young zur Einrichtung neuer Arbeitsgruppen beim Weinbausolidaritätsfonds, die kurz- und mittelfristige Aktionen zur Verbesserung unter anderem in den Bereichen Kommunikation, Marketing und auch Rivaner beschließen sollen. Dazu haben sich die verschiedenen Interessenverbände, also die Kooperative, die Privatwinzer, aber auch die Weinhändler, wozu beispielsweise die Caves Bernard Massard, Caves St Martin, Gales oder Desom gehören, in einer Charta verpflichtet. So soll den Luxemburgern und den Einwanderern auf dem Heimatmarkt, beziehungsweise den Verbrauchern auf den Exportmärkten klargemacht werden, dass der Luxemburger Wein nicht schlechter ist als beispielsweise Weißwein von der deutschen Mosel oder aus Österreich, der im Verkauf aber wesentlich bessere Preise erzielt.

Damit das kein reiner Etikettenschwindel wird, betonten Landwirtschafts- und Weinbauminister Fer­nand Etgen (DP) und seine Mitarbeiter am Mittwoch bei der Vorstellung, dass die Qualität stimmen muss, weil man die „Mosel als Ganzes“, also auch mit der Traditionsrebe Rivaner, erhalten will. Dass die Vorstellungen darüber noch weit auseinandergehen, zeigten die Reaktionen der verschiedenen Produzentengruppen. Ein Rivaner, der „gut gemacht“ ist, so Antoine Clasen von Bernard Massard enthusiastisch, sei ein frischer, angenehmer Wein. Doch auf die Kriterien für die Herstellung angesprochen, darauf, ob neue Lastenhefte notwendig seien, meinte Patrick Berg von der Vinsmoselle patzig: „Die Qualität stimmt jetzt schon.“

Zu den Problemen, mit denen sich die neuen Arbeitsgruppen dringend auseinandersetzen müssten, gehört auch die Qualitätsklassifizierung an sich, da sie für den Verbraucher, der im Supermarkt eine Flasche Wein kaufen will, völlig undurchsichtig ist. Eine Situation, die seit die A.O.P. die Marque nationale ersetzt hat, nicht besser geworden ist. Denn woher soll der Kunde wissen, dass die Anforderungen an einen Wein der „Coteaux de“ im Namen enthält oder den Namen einer Lage wie beispielsweise Wormer Koeppchen, höher sind, er im Prinzip also besser ist, als die an Weine, die unter der Bezeichnung „Cotes de“ verkauft werden. Zumal auch Fantasienamen zugelassen sind, denen jeder Bezug zu Lage und Ortschaft fehlt. Zu dieser Kundenverwirrung trägt die Vinsmoselle mit ihren Produkten ganz wesentlich bei. Unter dem Namen 66 produziert sie gemischte Weiß-, Rosé- und Rotweine, bei denen bereits der Anblick der Etiketten Schwindel und Kopfschmerzen verursachen. Daneben stehen Weine unter dem Namen Edmond de la Fontaine oder vielleicht auch die Reihe Jongwënzer mit ihrem sehr simplen Etikettendeisgn. Wie aber soll der Konsument erkennen, dass sich hinter diesen Fanatsienamen im Gegensatz zu 66 Weine mit sehr strengen Qualitätsanforderungen in den Lastenheften für die Winzer verstecken? Dass die Luxemburger Winzer jeweils billige Massenware produzieren, die dennoch die Bezeichnung A.O.P. tragen, trägt nicht dazu bei, das Vertrauen der Kunden in ihre hochwertigen Produkte zu stärken.

Diese Schizophrenie geht bei der Vinsmoselle sogar so weit, dass sie auf ihrer Webseite verschweigt, dass sie Rivaner und Elbling herstellt und ihn im Web­shop auch nicht zum Verkauf anbietet. Dass die Kunden nicht so blöd sind, ein Produkt zu kaufen, für das sich der Hersteller selbst so schämt, dass er dessen Existenz verschweigt, will Patrick Berg nicht wirklich einleuchten. „Es wurde beschlossen, auf der Webseite nur die Qualitätsweine anzubieten“, antwortet er dem Land. Beim Hinweis, dass es ein Widerspruch ist, einerseits zu behaupten, die Qualität von Rivaner und Elbling stimme, sie anderseits nicht zu den erwähnenswerten Qualitätsweinen zu zählen, wird Berg ungehalten. Diese Rebsorten, raunzt er, hätten einfach nicht das Potenzial von Pinotsorten oder auch noch einem Riesling. Der Ertrag pro Hektar sei in den vergangenen Jahren schon drastisch gesenkt worden, so Berg. Weitere Senkungen auf das Ertragsniveau wie das, was beispielsweise bei der Herstellung von Pinot Gris gilt (zwischen 30 und 50 Prozent weniger), würden es auch nicht erlauben, den Verkaufspreis von aktuell zwischen drei und vier Euro die Flasche zu verdoppeln oder zu verdreifachen. „Da ist nicht mehr zu holen!“, so Berg.

Dass das so nicht stimmt, dass da so manches zu holen ist, zeigen Gegenbeispiele wie Bromelt und Homelt von Château Pauqué, die in der Vinothek am Knuedler für stolze 24 Euro die Flasche verkauft werden. Dass es sich dabei um Rivaner beziehungsweise Elbling handelt, ist an den Flaschen nicht zu erkennen. Das Geheimnis des Winzers, erklärt die Verkäuferin, liege in der besonderen Kontrolle der Gärtemperatur, die zu niedrigen Restzuckerwerten führe. Die Kundschaft, sagt sie, zahle den Preis, der dem französischen Champagners entspricht, ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn sie einräumt, dass es wahrscheinlich hilfreich sei, dass die Weine nicht unter der Bezeichnung der Rebsorten angeboten würden.

Dabei scheint es nicht unmöglich, den Ruf von Rivaner und Elbling wieder herzustellen. Riesling war keinesfalls immer so beliebt wie jetzt. Und lange Zeit galt der gutbetuchten Luxemburger Kundschaft der Crémant als Bastard im Vergleich zum Champagner. Dabei ist in den gleichen Kreisen mittlerweile das Kredenzen einer Coupe Alice Hartmann zum Statussymbol geworden, weil es bedeutet, dass man zum Kreis der Auserlesenen gehört, die erstens wissen, dass er besser ist als mancher Champanger und zweitens eine Kiste der raren und teuren Ware kaufen durften. Champagner können schließlich Hinz und Kunz im Supermarkt kaufen. Wieso sollte sich die junge, urbane Kundschaft, die an heißen Tagen französischen Rosé mit Eiswürfeln trinkt, sich nicht überzeugen lassen, einen guten Rivaner zu trinken? Zumal Nostalgieprodukte und die regionale Produktion bei Initiativen wie Lëtz go local Hochkonjunktur feiern. Rivaner und auch Elbling passen als traditionelle Luxemburger Rebsorten ganz in diesen Trend.

Dabei liegt es nicht nur an den Winzern. Auch andere Akteure könnten mehr dazu beitragen, den Ruf der Luxemburger Moselprodukte zu verbessern. Zum Beispiel die Macher der „Let’s make it happen“-Nation-Branding-Kampagne. Wer ihre Webseite inspiringluxembourg.public.lu besucht, muss feststellen, dass die Kampagne hauptsächlich davon spricht, dass es eine Kampagne gibt, die ganze Sache also um sich selbst dreht. Der Bergbau im Weltraum, das Space Mining, ist als Werbemittel für das Luxemburger Land und als Mittel zur Ablenkung vom Finanzplatz gerade noch erwähnenswert. Dass es eine jahrhundertealte Weintradition in Luxemburg gibt, hingegen nicht. Dabei wäre der Weinbau ein Bereich, der den ganzen Bemühungen ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit geben könnte. Würde das Nationbranding etwas taugen, würde es Rivaner und Elbling zum Pendant von Schweizer Käse machen, anstatt Wettbewerbe auszuloben, um ein Luxemburger Schweizer Messer zu erfinden.

Bestockte Rebfläche (ha):

1997: 1 345 2016: 1 297

Anteil Rebsorten an Rebfläche
1997; 2016 und Entwicklung (%):

Rivaner: 36 236-367

Elbling: 13 65-516

Pinot Gris: 106 152379

Ernte 2016 (hl): 82 947

Anteil Rebsorten an der Ernte 2016 (%):

Rivaner:28

Elbling:10

Pinot Gris: 13

Verteilung Rebfläche 2016 (%):

Genossenschaften: 544

Privatwinzer: 299

Weinhandel: 156

Exportanteil Luxemburger Produktion (%): 50

Anteil Belgien an Weinexporten (%):90

Exporte nach Belgien 2012/2013 (hl):41 087

Exporte nach Belgien 2015/2016 (hl): 32 929

davon ohne Qualitätssiegel AOP: 7 033

davon Rivaner der AOP Kategorie 1: 14 897

Michèle Sinner
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