Leselux 2008

Lesekompetent

d'Lëtzebuerger Land vom 24.12.2009

„Lesen ist als Kulturtechnik eine wesentliche Voraussetzung für die Teilnahme am politischen, sozialen und kulturellen Leben.“ So beginnt ironischerweise der inhaltliche Teil von Leselux 2008, einer Zusatzstudie zur Pirls-Grundschuluntersuchung. Vielleicht hätten die Autoren noch hinzufügen sollen, dass diese Schlüsselkompetenz auch für das Lesen und Verstehen von Bildungsstudien gilt, denn was die Pressemappe des Unterrichtsministeriums als Zusammenfassung der wesentlichen Leselux-Ergebnisse aufführt, gleicht eher einem Versteckspiel.

Nachdem die Pirls-Studie 2006 ausschließlich die Lesekompetenzen der Fünftklässler in Deutsch geprüft hatte, sollte die zweisprachig angelegte nationale Folgestudie Leselux 2008 untersuchen, wie Sechstklässler vor allem in Französisch abschneiden. So, hofften die Forscher, würden sich wertvolle Informationen über die Effekte von Mehrsprachigkeit und Wirkung des Sprachenunterrichts gewinnen lassen. Dazu wurde eine Stichprobe von rund tausend Sechstklässlern mit den gleichen Fragenbögen getestet, die Fünftklässler 2006 erhalten hatten. Die Fünftklässler hatten damals erstaunlich gut abgeschnitten: Obwohl die wenigsten zu Hause deutsch sprechen, lagen die luxemburgischen Schüler im internationalen Vergleich ganz oben. Mit zwei – wichtigen – Einschränkungen: Wurden hierzulande Fünftklässler getestet, darunter viele Klassenwiederholer, waren es in den anderen Ländern Viertklässler. Die Luxemburger Vertreter hatten sich die Sonderbehandlung erbeten, um mögliche Nachteile ausgleichen zu können, die hiesigen Schülern durch Mehrsprachigkeit und der deutschen Testsprache, als Nicht-Muttersprache, entstünden.

Die Sorge scheint unbegründet. „Leselux 2008 bestätigt die sehr guten Leseleistungen Luxemburger Schülerinnen und Schüler in der Primärschule“, heißt es stolz in der ministeriellen Pressemappe. Während in der „offiziellen Pirls-Skala“ die Fünfklässler mit 557 Punkten einen der oberen Spitzenplätze belegen konnten, würden die Sechstklässler im deutschsprachigen Test mit 587 Punkten „einen signifikant hohen Lesekompetenzwert an der Spitze der Pirls-Skala“ aufweisen. Die frohe Nachricht illustriert ein Ranking, das die Luxemburger Schüler mit großem Vorsprung ganz oben zeigt, noch vor den Pirls 2006-Siegern Russland (565), Hongkong (564) und Kanada (558).

Dass die Luxemburger Sechstklässler von 2008 mit Viertklässlern von 2006 verglichen wurden, erschließt sich dem Leser der Pressemappe aber nur im Zusammenhang mit den französischen Kompetenztests: Luxemburgs Sechstklässler schneiden fast so gut ab wie französische Viertklässler. Da erst wird die Bezugsgröße genannt. Die Tatsache, dass von den Sechsklässlern 22,3 Prozent mindestens einmal sitzen geblieben sind, also bis zu drei Jahre älter waren als die Vergleichsgruppe, steht ein paar Seiten weiter. Unerwähnt bleibt, wie viele Schüler die Grundschule Richtung Ausland oder Préparatoire verlassen haben. Der Vergleich ist also mit äußerster Vorsicht anzustellen, ansonsten riskiert er, gewaltig zu hinken.

Die ministerielle Dokumentation hat noch einen Blindfleck: Die Pfadanalyse über die Orientierungen der Sechstklässler, obwohl erstmals von externen Experten durchgeführt, taucht nur am Rande auf. Dabei bestätigt sie die dramatische soziale Schieflage im luxemburgischen Schulsystem. Die Chance für Kinder aus Elternhäusern mit mehr als 200 Bücher – Indikator für die Bildungsnähe respektive -ferne der Eltern – sei „fast neunmal so hoch statt für den technischen für den allgemeinen Sekundarunterricht empfohlen zu werden“. Die Chance, nur einen Orientierungsbescheid für den Préparatoire zu erhalten, ist „bei Schülern mit mehr als 200 Büchern im Vergleich zur Referenzgruppe 0,2 -mal so hoch – also fünfmal geringer“. Ähnlich erschreckend sind die Ergebnisse nach der Herkunft. Anders ausgedrückt: Akademikerkinder oh-ne Migrationshintergrund haben die besten Chancen, von ihren Lehrern eine Empfehlung für den Classique zu bekommen. Zum Teil lässt sich dies durch bessere Deutschkenntnisse erklären. Indes „sind die Französischkenntnisse nicht geeignet, die sozialen Disparitäten zu erklären“. Deutlich bessere Französischleistungen vieler Einwandererkinder reichen für den Zugang zum Classique scheinbar nicht aus. Viele von ihnen landen im berufsorientierten technischen Sekundarunterricht, der paradoxerweise größtenteils auf Deutsch gehalten wird. Was wiederum bestätigt, dass das Schulsystem eher auf germanophone Kinder ausgerichtet ist und der Heterogenität seiner Schüler noch nicht genügend Rechnung trägt.

Anstatt mit dieser Bad News offensiv umzugehen, klammert die ministerielle Pressemappe sie weitgehend aus – und mit ihr am Tag darauf sämtliche Tageszeitungen, die lieber den Spitzenplatz veröffentlichen als unbequeme Fragen zu stellen. Das Land hätte gerne gewusst, inwiefern die Info-Lücke bewusste Politik war, um vielleicht durch Reformen ohnehin gestresste Lehrer nicht zu entmutigen. Der Rückruf der Presseabteilung blieb dieses Mal aus. Immerhin räumt die auf der Pressekonferenz eilig präsentierte Powerpoint-Präsentation ein, es gebe „erhebliche Überlappungen hinsichtlich der Lesekompetenzen und den verschiedenen Schulformen“ und „es bleibt die nicht unerhebliche Koppelung der Orientierung mit Hintergrundmerkmalen“. Wer also nicht mit exzellenten Leseleistungen aufwarten kann, sondern „nur“ mit mittleren, könnte im klassischen oder auch im technischen Lyzeum landen. Eben jene Zufälligkeit kritisieren Eltern seit Jahren, zwei wollen nun dagegen gerichtlich angehen. (d’Land, 11.12.09)

Gefragt, was sie mit den Resultaten tun werde, sagte Unterrichtministerin Mady Delvaux-Steh­res auf der Pressekonferenz, sie sollen in die Überlegungen zur Reform der Orientierungsprozedur einfließen. Die damit befasste Arbeitsgruppe aus Ministerium, Gewerkschaften und Berufskammern sollte unbedingt nach Schulen aufgeschlüsselte Ergebnisse der Kompetenztests verlangen. Denn etwas Brisantes liefert die Pressemappe dann doch: Diagramme zeigen, dass einige Schulen und Klassen bessere Leseleistungen erbringen als andere mit weniger „kritischem“ Sozialprofil. Was machen sie anders, um schlechtere Startchancen auszugleichen? Das könnte Aufschluss über geeignete Fördermaßnahmen geben.

Die Studie bringt noch andere interessante Ergebnisse. Etwa die über den Leistungszuwachs in den beiden Sprachfächern. Weil Sechstklässler dieselben Fragen wie ihre Kollegen 2006 gestellt bekamen, lässt sich ziemlich genau ablesen, wie sich die Lesekompetenzen in den verschiedenen Sprachen binnen einem Jahr entwickelt haben. In Deutsch schneiden die Schüler um 30 Punkte besser ab als die Fünfklässler zwei Jahre zuvor. Beim Lesen von Sachtexten liegt die Differenz bei 31 Punkten. Geht es darum, Texte einzuordnen, zu interpretieren und zu bewerten, beträgt der Leistungszuwachs allerdings nur 20 Punkte. Im Französischtest fällt es den Schülern sogar etwas leichter, Texte einzuordnen und zu bewerten als Inhalte zu lokalisieren und Informationen direkt zu bewerten. Die Autoren erklären dies damit, dass das Auffinden von Inhalten stärker vom Wortzschatz abhängt: Dann wäre es „nur logisch“, wenn Luxemburger Schülern das Grobverstehen von Texten und das Schlüsse ziehen leichter fällt als das Detailverstehen.

Diese Defizite ließen sich vielleicht mit einem verbesserten Sprachunterricht beheben. Für Leselux 2008 wurden auch 80 Lehrer befragt, wie sie ihren Unterricht gestalten, was sie für Lesematerial einsetzen, ob sie die ganze Klasse unterrichten, gleich starke Lerngruppen bilden oder die Schüler eher individuell betreuen. Obwohl die Schülerpopulation aufgrund des hohen Ausländeranteils in den meisten Schulen sehr heterogen ist, ist es der Unterrichtsstil offenbar nicht. Die Lehrer benutzten am liebsten klassische Schulbücher, ein offener oder individualisierter Unterricht ist eher selten. Vor allem Französisch wird oft frontal unterrichtet. Wenn differenziert wird, dann meistens mit gleichen Lehrbüchern, die Schüler unterschiedlich schnell bearbeiten. Wobei jüngere Lehrer offenbar innovativer sind als ihre älteren Kollegen – obschon diese mehr Unterrichtserfahrung haben. Schüler lesen nur selten Bücher ihrer eigenen Wahl, dabei ist das wichtig für die Lesemotivation.

Zieht man in Betracht, wie ungern Luxemburgs Grundschüler noch immer lesen und wie kritisch auch die befragten Leselux-Eltern die schulische Unterstützung beim Lesen bewerten, wird es Zeit für einen Perspektivenwechsel: Nicht nur dem Schüler, sondern vor allem dem Lehrer und seinem Unterricht gebührt mehr Aufmerksamkeit. Gute Leistungen sind erfreulich und wichtig, aber warum nicht Missstände genauso offensiv darlegen? Dann können aus ihnen in einigen Jahren good news werden.

Ines Kurschat
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