Das Wissen der Paläontologie lässt nur einen einzigen Schluss zu: Wir befinden uns momentan in einem neuen großen Aussterbeereignis

Artensterben verstehen

d'Lëtzebuerger Land vom 15.11.2019

Alle Tier- und Pflanzenarten, die heute die Erde bevölkern, werden über kurz oder lang aussterben, das ist eine Tatsache. Auch wir Menschen, die Art Homo sapiens, werden irgendwann von der Erde verschwunden sein. Die gute Nachricht ist, dass dies nicht so bald passieren wird. Was uns wahrscheinlich von anderen todgeweihten Arten unterscheidet, ist unser Potential, ein Verständnis vom Aussterben an sich entwickeln zu können. Anfang Mai dieses Jahres sorgte ein Bericht des Weltbiodiversitätrats (IPBES) diesbezüglich weltweit für Aufsehen: Seit einigen Jahrzehnten verschwinden so viele Arten, wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Es ist die Rede vom sechsten großen Artensterben, für das sich der Mensch mit seiner exorbitanten Nutzung von Land und Ressourcen als Verursacher verantwortlich zeigt und in die Geschichte einzugehen droht.

Mit der koordinierten Veröffentlichung des Berichtes ist es gelungen, ein wichtiges, aber schwer vermittelbares Problem in den Fokus der Weltöffentlichkeit zu rücken. Ob die Nachricht vom Artensterben als vorübergehende Betroffenheit im Sand verläuft oder aber tatsächlich den erforderlichen kollektiven Kurswechsel initiiert, steht auf einem anderen Blatt. Reicht es aus, Bescheid zu wissen? Sind die jahrzehntelang eingefahrenen und scheinbar bewährten Gewohnheiten nicht doch stärker? Reichen die veröffentlichten Fakten aus, um die Menschheit zu einer Kehrtwende zu bewegen? Es soll hier nicht um eine Steigerung des Alarmismus gehen, denn mehr hilft in dem Fall nicht mehr. Die Sachlage wurde von Anfang an mit ausreichender Dringlichkeit auf vielen verschiedenen Kanälen vermittelt.

Was jetzt zählt, ist die Bildung eines Bewusstseins; das Schaffen einer Verbindlichkeit, die es für alle schwieriger macht, so zu tun, als würde das Problem einen nicht betreffen. Verbindlichkeit kann dadurch entstehen, dass etwas nachvollziehbarer, greifbarer, fühlbarer wird. Kann man mitfühlen, gelingen Verständnis, Akzeptanz und schließlich Identifikation mit dem Thema. Bleibt dann, trotz der Dringlichkeit des Problems, Raum für eine gewisse Faszination, besteht eine echte Chance auf Bewusstseinsbildung. Genau aus diesem Grund schreiben wir an dieser Stelle über das Artensterben aus der Sicht der Paläontologie. Paläontologen sind gewissermaßen besonders mit den Fakten und Mechanismen von Artensterben vertraut und haben einen sehr nüchternen Blick auf die vergangenen Ereignisse. Zugegeben: Geht um uns herum die Biodiversität in die Knie, denkt man nicht unbedingt als erstes an Fossilien. Dennoch ist die Paläontologie als Wissenschaft des vergangenen Lebens dem Phänomen Aussterben näher als alle anderen Fachgebiete, und sie hat zudem ein hohes Faszinationspotential.

Die überwältigende Mehrzahl der bisher bekannten Fossilien gehört Arten an, die heute ausgestorben sind. Nicht verwunderlich, denn einerseits gelten Überreste eines Lebewesens als fossil, wenn sie mindestens 10 000 Jahre alt sind, und andererseits besteht eine biologische Art im Schnitt nur wenige Millionen Jahre zwischen ihrem ersten und ihrem letzten Auftreten im Fossilbericht. Aus den bisher bekannten Fakten ergibt sich, dass 99 Prozent aller Arten, die im Laufe der Erdgeschichte jemals existiert haben, ausgestorben sind. Ist Aussterben demnach ein ganz normaler Vorgang? In einer gewissen Größenordnung kann man sagen: Ja, und zwar insofern, als es das so genannte Hintergrundsterben gibt. Bedingt durch die natürlich begrenzte Lebensdauer einer Art, gibt es einen beständigen Wechsel innerhalb der Biodiversität: Arten verändern sich, entwickeln sich zu neuen Arten (wodurch die Ausgangsart ausstirbt), spalten sich auf oder erlöschen ersatzlos. Diesem Hintergrundsterben fallen pro Jahr eine bis zehn Arten zum Opfer, ohne dass dies die Artenvielfalt im Großen und Ganzen beeinträchtigen würde.

Ganz anders sieht es aus, wenn in geologisch gesehen kurzen Zeiträumen, also innerhalb von ein bis zwei Millionen Jahren, deutlich mehr Arten aussterben als sonst. In der Paläontologie gelten Arten ab ihrem letzten gesicherten Auftreten im Fossilbericht als ausgestorben. Stellt man nun die globalen Letztvorkommen aller Arten im Laufe der Erdgeschichte zusammen, fallen immer wieder drastische Einbrüche der Biodiversität auf: Zu bestimmten Zeiten der Erdgeschichte verschwanden 1 000 bis 2 000 Mal mehr Arten als im Zusammenhang mit den Hintergrundsterben als „normal“ anzusehen wäre. Die heftigsten dieser Ausschläge sind bekannt als die fünf großen Massenaussterbeereignisse des Phanerozoikums, also der erdgeschichtlichen Zeit seit der Entwicklung der Biodiversität, wie wir sie kennen. Von diesen Ereignissen wissen wir nur, weil es Fossilien gibt, die als Zeitzeugen Einblicke in längst verschwundene Ökosysteme bieten.

Man könnte dies nun als anekdotisches Wissen abtun, Stoff höchstens für bunte Kinderbücher über urtümliche Monster. Diese Ereignisse erscheinen uns, von unserer menschlichen Warte her, beruhigend weit weg. Denn wer kann schon ernsthaft behaupten, eine Vorstellung davon zu haben, was ein Zeitraum von 252 Millionen Jahren bedeutet? Dennoch führte das Massenaussterben an der Perm-Trias-Grenze, dem größten der fünf Großen, vor eben diesen 252 Millionen Jahren zu einem derart massiven Einschnitt in der Biodiversität, dass sich sämtliche Ökosysteme des Planeten komplett neu anordneten und zum ersten Mal in der Erdgeschichte anfingen, so auszusehen, wie wir sie heute immer noch kennen. Die Selbstverständlichkeiten unseres Daseins – Wälder bestehen aus Bäumen, Riffe aus Korallen, und Säugetiere sehen nicht wie Reptilien aus – haben ihren Ursprung an besagter PermTrias-Grenze. Auch das bisher letzte der großen fünf Massenaussterbeereignisse vor 66 Millionen Jahren, am Ende der Kreide, hat maßgeblich dazu beigetragen, die Welt so umzugestalten, wie wir sie heute gewohnt sind: Dinosaurier kommen nicht mehr als furchteinflößende Riesen daher, sondern erfreuen uns dieser Tage mit ihrem Vogelgesang. Nein, die Dinosaurier sind nicht ausgestorben, zumindest nicht alle. Einige Gruppen von kleineren Raubsauriern haben sich überaus erfolgreich auf der ganzen Welt in neuen Nischen etabliert und auf diese Weise überlebt. Wir nennen sie nur nicht mehr Dinosaurier, sondern Vögel. Die Vögel ihrerseits gehören heutzutage zu den im höchsten Grade bedrohten Arten, da ihnen die Nahrungsgrundlage entzogen wird durch den nahezu ungebremsten Einsatz von Pflanzenschutz- und Insektenvernichtungsmitteln. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir das Werk des Asteroiden, der am Ende der Kreidezeit die Erde durchrüttelte und die meisten Dinosaurier vernichtete, vollenden.

Aus der Paläontologie wissen wir auch, ab wann man von einem Massenaussterben spricht. Angewandt auf die Anzahl der verschwundenen Tier- und Pflanzenarten seit Beginn der menschlichen Zivilisation, lässt dieses Wissen nur einen einzigen Schluss zu: Wir befinden uns momentan in einem neuen großen Aussterbeereignis, das in seinen Dimensionen an die vorherigen fünf Großen schon nah herankommt.

Auch wenn man das jetzt meinen könnte, hat die Paläontologie nicht nur düstere Aussichten parat, was die Entwicklung der Artenvielfalt betrifft. Fossilien beinhalten als Überreste von Lebewesen aus vergangenen Epochen immer auch die zeitliche Dimension. So können Ereignisse wie Massenaussterben in ihrer gesamten Komplexität vom Anfang bis zum Ende erfasst werden. Fakt ist, dass sich die Artenvielfalt bisher stets wieder erholt hat und alle verfügbaren ökologischen Nischen schnell wieder besetzt wurden. Das Leben findet immer einen Weg! Ein großes Ziel der Paläontologie ist es, die Aussterbeereignisse als Ganzes zu verstehen, und zu beziffern, welche Rolle die einzelnen Faktoren wie Klima, Populationsdynamiken, Meeresströmungen, Anordnung der Kontinente spielen. Darüber hinaus gilt es, die auf Aussterbeereignisse folgenden, neuen Ökosysteme und Diversifikationen zu verstehen.

In der paläontologischen Abteilung des Luxemburger Naturmusée werden die Fossilien der hauseigenen Sammlung und auch anderer, internationaler Sammlungen, als Archiv des Lebens genutzt, um all diese Ereignisse, Aussterben, Überleben, Faunenaustausch und Diversifikation im Laufe der Erdgeschichte zu erforschen. Aktuell laufende Studien untersuchen ausgewählte Tiergruppen als Modell-Organismus, stellvertretend für das große Ganze. Die bisherigen Ergebnisse verblüffen: Beispielsweise zeigen Schlangensterne und andere Stachelhäuter, dass es mitten im bisher größten Massenaussterben der Erdgeschichte an der Perm-Trias-Grenze Refugien gegeben haben muss. Diese Schutzräume ermöglichten einzelnen Gruppen ein Überleben, und befanden sich sehr wahrscheinlich für diese Tiergruppen in der Tiefsee. Trotzdem waren die tiefen Bereiche der Meere alles andere als sicher: Laufende Forschungen am Naturmusée legen nahe, dass es vor nicht mal zwei Millionen Jahren ein kleineres, bisher unbekanntes Massenaussterben gegeben haben muss, das auf die Tiefsee begrenzt war. Das Ermutigende an diesen Ergebnissen: Es gab definitiv Rückzugsorte, wo die Überlebenden, sogar bis zum heutigen Tag, ausharren. Ein direkter, konkreter Beitrag zum Artenschutz wäre es nun, die anhand von paläontologischen Daten identifizierten Refugien als Schutzgebiete auszuweisen.

Zusätzlich zu diesen Modellorganismen setzt der regionale Kontext Forschungsschwerpunkte: Die Gesteinsfolge in und um Luxemburg umfasst mit der Trias-Jura-Grenze eins der fünf großen Massenaussterben. Zusätzlich ist im oberen Teil des unteren Jura (Toarcium) ein kleineres, aber dennoch weltweit bedeutendes Massensterben erhalten, in manchen Bereichen der Minette sogar herausragend gut: Fossilreichtum und außergewöhnlich mächtige Ablagerungen ermöglichen eine besonders hochauflösende Analyse des Massensterbens kurz vor Ende des Unterjura. Von den kleinsten Mikrofossilien über spektakuläre Tintenfisch-Reste bis hin zu den großen Meeresreptil-Knochen wird das gesamte Spektrum der Sammlung am Naturmusée genutzt, um dieses Toarcium-Massensterben zu erforschen. Dass bei besagtem Ereignis Klimaveränderungen ähnlich wie die aktuellen eine entscheidende Rolle gespielt haben, macht die Aufarbeitung und Interpretation dieses Ereignisses noch relevanter.

Vom Regionalen zurück zum Globalen, trägt die Paläontologie maßgeblich dazu bei, zu verstehen, wie Arten aussterben, ab wann es für die Biodiversität als Ganzes bedrohlich wird und was die Stellschrauben bei einem Massenaussterben sind. Vor allem aber bieten sie Lösungsansätze: Wie überleben Arten? Unter welchen Bedingungen kann die Vielfalt den Klimawandel mit möglichst geringen Verlusten überstehen? Wo sind Refugien und wieso bieten sie Schutz? Die gewaltige zeitliche Dimension des Fossilberichts – eben diese Millionen von Jahren – gibt dem oftmals schnelllebigen Alarmismus der aktuellen Berichterstattung ein relativierendes Gegengewicht: Es war alles schon einmal da im Laufe der Erdgeschichte. Das lässt sich begreifen, das lässt sich handhaben, das lässt uns handeln nach bestem Wissen und Gewissen für eine weiterhin artenreiche Zukunft.

Lea Numberger-Thuy und Ben Thuy sind Paläonto-
logen und forschen am Musée national d’histoire naturelle/Naturmusée.

Ben Thuy, Lea Numberger-Thuy
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