Nach dem national bewegten Referendum 2015 verluxemburgischt die neue Rechtschreibreform weitere Fremdwörter

E Farleerer ass keen Hellseeër

d'Lëtzebuerger Land vom 22.11.2019

Am vergangenen Freitag hieß das Regierungskabinett eine weitere Reform der Luxemburger Orthographie gut. Sie trat noch am selben Tag generalstabsmäßig in Kraft. Das staatliche Zenter fir d’Lëtzebuerger Sprooch hatte im Voraus 1 500 Broschüren mit den neuen Rechtschreibungsregeln drucken lassen, von denen es am Wochenende auf den Walfer Bicherdeeg 1 300 Exemplare zusammen mit Kochkäse-Soufflé verschenkte. Aber auch die 19. Auflage der Broschüre Eis Sprooch richteg schreiwen des ehemaligen Tageblatt-­Redakteurs Josy Braun und die siebte Auflage der Fibel De roude Fuedem. Richteg Lëtzebuergesch schreiwen der pensionierten Lehrerin ­Christiane Ehlinger lagen schon druckfrisch zum Verkauf bereit.

Ganz gleich, wie wissenschaftlich sie daherkommt, eine Rechtschreibreform ist immer politisch. Das gilt um so mehr in einem Land, das seine nationale Identität einzig aus einer Sprache konstruiert, die noch vor einer Generation gar nicht als Sprache, sondern als Dialekt eines im Laufe der Geschichte aggressiven Nachbarstaats angesehen wurde. Und es gilt umso mehr in einem Land, in dem der Sprachengebrauch nicht geografisch, sondern sozial gestaffelt ist und manche Klassen und Schichten mangels anderer Bildungsprivile­gien das Luxemburgische als Waffe im Wettbewerb um Arbeitsplätze, Löhne und Schulnoten einsetzen wollen. So kreist jedes Rechtschreibsystem für das Luxemburgische auch um die Frage, wie entlehnt, das heißt: wie deutsch, oder wie eigenständig es sein soll.

Im 19. Jahrhundert wurde das Luxemburgische als deutscher Dialekt, als „Lëtzebuerger Däitsch“, angesehen. Seine Sprachpfleger und Dichter waren Gehaltsempfänger des jungen Staats, liberale bis konservative Beamte, Lehrer, Pfarrer, vor allem Kleinbürger, die des Deutschen mächtiger waren als des Französischen. Das Großbürgertum sprach lieber französisch mit den Dienstboten, aber eine auch vom großherzoglichen Hof und dem Bistum gepflegte kulturelle Nähe zum deutschen Zollverein war den Geschäften nicht abträglich. Die Anstrengungen der ersten Mundartdichter zur kulturellen Legitimation des entstehenden Nationalstaats waren privat, deshalb hatte jeder seine eigene Rechtschreibung. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden 29 verschiedene Orthographiesysteme gezählt (D’Hémecht, 18.8.1945).

Um die Jahrhundertwende, im Zeitalter des Imperialismus, stieg europaweit die Nachfrage nach Vaterlandsliebe. Die Regierung gab ein halbamtliches Wörterbuch und das erste Schulbuch, Das Luxemburgische und sein Schrifttum, in Auftrag. Diese offizielle Literatur verlangte eine offizielle oder zumindest einheitliche Rechtschreibung. Nunmehr waren es Sekundarlehrer, manche mit politischen Ambitionen, die für den Rest des Jahrhunderts mit Akzenten, Umlauten, Apostrophen, Tremata, Zirkumflexen, Há­čeks, Längen- und Unterstrichen gegen eine Hydra von Vokalen und Diphthongen kämpften. Es waren Germanisten und Anglisten, die mit René Engelmann meinten, mangels „einer durch Schule, Schrift und Lektüre eingeprägten dialektischen Rechtschreibungsnorm bleibt uns die einzige, die sie ersetzen kann, die der hochdeutschen Schriftsprache“ (Auf heimatlichen Pfaden, 1916, S. 69). So begann sich die pünktlich zum Beginn des Ersten Weltkriegs verbreitete Schulbuch-Orthographie von René Engelmann und des Sekundarlehrers und späteren Ministers Nikolaus Welter durchzusetzen, bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg, aber nie konkurrenzlos und ohne jemals für offiziell erklärt worden zu sein.

Das erste „système officiel d’orthographie luxembourgeoise“ beschloss die Regierung in der überwallenden Vaterlandsliebe nach dem Zweiten Weltkrieg durch einen Ministerialerlass vom 5. Juni 1946. Als Reaktion auf die deutsche Besatzung erklärten der pensionierte Sekundarlehrer Jean Feltes und der Sekundarlehrer und spätere Minister ­Nicolas Margue konsequent dem deutschen Schriftbild den Krieg: Nur „èslènesh nim, fiir die et kèng lezebuurjesh form get“, sollten ihre ursprüngliche Orthographie behalten, wie „Stillhaltekommissar“. Doch bei aller Vaterlandsliebe scheiterte die synthetische Rechtschreibung an den deutschen Lesegewohnheiten des Publikums.

Deshalb griff das ab 1950 in Einzellieferungen erschienene große Luxemburger Wörterbuch die Orthographie von René Engelmann und ­Nikolaus ­Welter aus dem Ersten Weltkrieg wieder auf. Sekundarlehrer Robert Bruch hatte sie überarbeitetet und von ihren vielen Apostrophen befreit. Die Exportindustrie setzte auf die entstehende Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die Politik sah sich als Vermittlerin zwischen Frankreich und Deutschland, und Robert Bruch entdeckte, dass das Luxemburgische zwar eine deutsche Mundart sei, aber seit der Völkerwanderungszeit auch ein wenig eine fränkisch-französische. Seine Rechtschreibung „übernimmt also weitgehend die phonetischen Unzulänglichkeiten des schriftdeutschen und französischen Systems“, wie er in seinem deutsch-französischen Précis de grammaire luxembourgeoise 1955 erklärte (S. 11).

In den Siebzigerjahren, als die 68-er-Revolte sich zum Landleben und zur Volksmusik zurückentwickelte, machte der Archivbeamte und Volkskundler Alain Atten im Auftrag der Regierung aus Robert Bruchs Wörterbuchrechtschreibung ein Regelwerk, das die DP/LSAP-Koalition als „l’orthographe ­historico-phonétique établie par la commission du dictionnaire“ durch Ministerialerlass vom 10. Oktober 1975 zur neuen offiziellen Orthographie erklärte. „In general, the spelling is a rather phonetic one for the vowels and it is oriented more to the German system with regard to the consonants”, so Uni-­Luxemburgistiker Peter Gilles (in: Davies, Ziegler, Macro and micro language planning, 2015).

Im neuen Nationalismus der Achtzigerjahre, als zu Beginn nationale Solidaritätsopfer für die Arbed verlangt wurden und am Ende die rechtsradikale Nationalbewegung gegründet wurde, erklärte das Parlament 1984 nach langen Auseinandersetzungen zwischen Verteidigern des Vaterlands, der Dialektforschung und der Exportwirtschaft das Luxemburgische zur Nationalsprache. Seither wird die Rechtschreibung zum Leidwesen der luxemburgisch Schreibenden im Jahrzehnterhythmus reformiert. Dadurch soll sie kohärenter und gegenüber der deutschen Rechtschreibung selbständiger werden. Doch statt, wie beim gescheiterten Versuch von 1946, alle Fremdwörter auf einen Schlag gnadenlos zu verluxemburgischen, geht man nun in Etappen vor.

Die erste Reform arbeitete eine neue Wörterbuchkommission, später Conseil permanent de la langue luxembourgeoise genannt, bis 1999 aus, als die CSV die Rentennmauer und bald danach den 700 000-Einwohnerstaat entdeckte und die ADR sieben Abgeordnete bekam. Nunmehr wurden Verben nicht mehr nach dem deutschen, sondern nach dem luxemburgischen Infinitiv konjugiert: nicht mehr du fälls von fallen, sondern du fäls von falen. Die Reform von 1999, hatte aus dem kurzen deutschen „ö“ ein luxemburgisches „ë“ gemacht. So wurde das Adjektiv von Osten ëstlech und von Norden nërdlech.

Durch die vergangene Woche gutgeheißene Reform verschwindet nun auch das deutsche Dehnungs-„h“. Der Föhn wurde zum Fön, die Ahnung zur Anung, berühmt zu berüümt, der Fehler zum Feeler und die Ausnahm zur Ausnam. Das gedehnte „e“ im Deutschen wird seit diesem Monat im Luxemburgischen verdoppelt: die Regel von 1999 wird zehn Jahre später zur Reegel und das Segel zum Seegel. Aus dem Hellseher wird ein Hellseeër, wie der Fahrlehrer nun Farleerer heißt.

Die neu gegründete Universität erfand die Wissenschaft der Luxemburgistik, welche ihre Bedeutung durch die Erklärung des Dialekts oder der Ausbausprache zur „richtigen“ Sprache steigerte. Im Streit zwischen germanistischen Dialektologen und Linguisten, die dem französischen Strukturalismus näher stehen, verteidigten Erstere erfolgreich ihre Kontrolle über das Luxemburgische.

Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise und der anschließenden Austeritätswelle dominierten natio­nalistische Reflexe bei sich von der Globalisierung bedroht fühlenden Artbeitern, Beamten, kleinen Angestellten und Geschäftsleuten. Sie versprachen sich von der Beherrschung des Luxemburgischen Vorteile gegenüber qualifizierteren Ausländern auf dem Arbeitsmarkt. Das Referendum von 2015 wurde zum Plebiszit gegen das Ausländerwahlrecht; 2017 wollten 14 702 Unterzeichner das Luxemburgische zur ersten Amtssprache erklären lassen.

Um nicht Opfer dieser reaktionären Bewegung zu werden, versuchte die Regierung, sich an ihre Spitze zu stellen. Der liberale Erziehungsminister Claude Meisch verstaatlichte die bis dahin vom Kulturministe­rium unterstützte Sprachpflege. Noch schnell vor den Wahlen 2018 bestätigte er sie mit einer eigenen, gezielt volkstümlichen statt akademischen Bürokratie, höheren Zuschüssen und einem Entwicklungsprogramm für die nächsten 20 Jahre, zu dem die „Norméierung vun Orthographie a Grammaire“ gehört.

Romain Hilgert
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