Supercomputer und Big-Data-Anwendungen sollen der Industrie und der ganzen Gesellschaft zur Verfügung stehen. Dazu nutzen Luxemburg und drei andere Staaten einen Passus im EU-Vertrag

So wichtig wie der Airbus

d'Lëtzebuerger Land vom 20.05.2016

Für Wirtschaftsminister Etienne Schneider wird das EU-Ratstreffen für Wettbewerbsfähigkeit nächste Woche ein wichtiger Termin. Schneider wird seinen Ministerkollegen dort das Luxemburger „Supercomputerprojekt“ vorstellen und die werden ihm sagen, was sie davon halten. Dass das Vorhaben auch eines von Frankreich, Italien und Spanien ist, hilft dabei hoffentlich.

Denn es hat seine besondere Bewandtnis mit dem „Spitzenrechner made in Luxembourg“, wie der Presse- und Informationsdienst der Regierung vor vier Wochen auf dem Internetportal luxembourg.public.lu kühn – und falsch – titelte. Einen Supercomputerhersteller, der sich in einer Industriezone niederlässt, hat das Wirtschaftsministerium nicht an Land gezogen. Aber es hat einen sehr originellen Ansatz gewählt, um das Vorhaben voranzutreiben: Es soll ein „Important Project of Common European Interest“ sein, ein IPCEI. Das ist nicht irgendein Begriff aus dem EU-Verwaltungsvokabular, sondern ein politisches Instrument, das erst vor drei Jahren wiederentdeckt worden war.

Damals hatte noch unter der Barroso-Kommis-sion eine hochrangige Arbeitsgruppe aus vier EU-Kommissaren und Vertretern aus Industrie und angewandter Forschung sich mit dem Problem beschäftigt, dass die EU, wenn es um Innovationen zu „Schlüsseltechnologien“ geht, sich mit ihrem Wettbewerbsrecht und den strengen Regeln für öffentliche Beihilfen immer wieder selber im Wege steht.

Seit drei Jahrzehnten wacht die Generaldirektion Wettbewerb der Kommission darüber, dass kein Mitgliedstaat seiner nationalen Wirtschaft durch „unangemessene“ Beihilfen zu Vorteilen verhilft. Auf dem Binnenmarkt sollen dieselben Spielregeln für alle gelten. Doch von der Kommission abgelehnte Beihilfen führten in den letzten Jahren immer wieder dazu, dass Investitionen nicht in Europa erfolgten. Prominentestes Beispiel war 2012 der Chiphersteller Globalfoundries. Eine Erweiterung seiner Produktionsanlagen in Dresden zu fördern, wurde dem deutschen Bundesland Sachsen von der Kommission nicht erlaubt. Globalfoundries baute stattdessen in New York, investierte dort drei Milliarden Dollar und schuf 5 000 Arbeitsplätze. Der Bundesstaat half mit Geld nach, denn in den USA gibt es keine Beihilferegeln wie in der EU.

Damit so etwas nicht wieder passiert, dachte die Arbeitsgruppe darüber nach, wie die Regeln in besonderen Fällen umgangen werden könnten. Den EU-Vertrag zu ändern, wurde als politisch zu riskant verworfen. Stattdessen entdeckte man im EU-Vertrag den Passus über die IPCEI: Für Projekte von besonderem strategischen Interesse für Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit gelten die Beihilferegeln nicht. Genutzt wurde das aber nur einmal in der EU-Geschichte, als vor rund zwei Jahrzehnten Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien die Anteile an Airbus übernahmen und den Flugzeughersteller gegenüber der US-Konkurrenz stärkten. Die EU-Kommission übernahm die Empfehlung der Arbeitsgruppe; 2014 schrieb sie Regeln für die IPCEI fest. Das Supercomputer-Projekt ist das erste, das sie nutzt, mehrere andere sollen folgen. Eigentlich reicht es, wenn mehr als ein Mitgliedstaat an einem IPCEI beteiligt ist. Dass es in diesem Fall gleich vier sind und die Kommission das IPCEI von Luxemburg, Spanien, Italien und Frankreich im April schon als solches erwähnt hat, soll sichern, dass im Rat nächste Woche nichts schiefgeht. Die politische Lage ist schwierig in der EU, da kann man nie wissen.

Schafft das Vorhaben es durch den Rat, ist die Präsentation der „Roadmap“ für das IPCEI bei der EU-Kommission Ende Juni fast nur eine Formsache. Anschließend wären die vier Partner in der beneidenswerten Lage, sich von der EU-Kommission viel, sehr viel an Beihilfen absegnen zu lassen – sei es, dass dann nationale Mittel, EU-Fonds oder Kredite der Europäischen Investitionsbank genutzt werden. Für ein IPCEI können bis zu hundert Prozent öffentlich finanziert werden, von den Kapitalkosten für Investitionen über Betriebs- und Personalkosten bis hin zu ersten Anwendungen in der Industrie.

Das ist für Luxemburg besonders interessant. Das Hochleistungscomputer-Projekt umfasst drei „Pfeiler“. Im ersten soll dafür gesorgt werden, dass europäische Chips für Hochleistungsrechner entwickelt werden. Das betrifft vor allem Frankreich, das in der EU führend ist in der Supercomputer-Hardware und wo mit Bull der einzige europäische Supercomputerhersteller seinen Sitz hat. In Pfeiler zwei will vor allem Italien, das schon viel in regionale Hochleistungsrechennetze für Klein- und Mittelbetriebe investiert hat, neue Infrastrukturen konzipieren. In Spanien schließlich, wo in Barcelona eines der wichtigsten Forschungszentren für Supercomputer steht, sollen neue Anwendungen entwickelt werden.

Luxemburg will ebenfalls besonders aktiv werden in Pfeiler drei und Big-Data-Anwendungen entwickeln. Vorgesehen sei auch, „in eine eigene Hochleistungsrechner-Infrastruktur zu investieren“, hat der Wirtschaftsminister vor zwei Wochen in einem Wort-Interview erklärt. Fintech-Firmen sollen sie nutzen, die SES könne neue Dienstleistungen anbieten, Energieversorger und Netzbetreiber „smarte“ Netze entwerfen, wenn bis 2020 so gut wie landesweit digitale Geräte zur Erfassung von Strom- und Gasverbrauch installiert sein werden; vor zwei Wochen hat der Einbau der Smart Meters begonnen, pro Tag werden an die 500 Stück installiert. Springen die heimischen Betriebe auf die Infrastruktur, und wie das Wirtschaftsministerium erklärt, gibt es schon Interessenten und Projekte, dann könnte Luxemburg sich dank dieser Anwendungen als „Testbed“ empfehlen und Firmen aus dem Ausland anziehen, sei es für autonom fahrende Autos, für das „Internet der Dinge“ oder vollautomatisierte Produktionsbetriebe. Das ist der Plan für die „digitale Wirtschaft“, für die der Ökonom Jeremy Rifkin seine Vision beisteuern soll.

Vom Wirtschaftsministerium ist zu hören, man meine es nicht nur sehr ernst mit Hochleistungs-Computing und Big Data. Man sehe sich auch unter Zeitdruck: Sei das Projekt bis 2020 nicht umgesetzt, sei „der Zug abgefahren“. Das würde dann vielleicht nicht nur für Luxemburg, sondern für die gesamte EU gelten. Es sind eben nicht besonders risikofreudige Unternehmen und Wagniskapital-Kreditgeber, die Innovationen in neuen Technologien vorantreiben, wie immer wieder behauptet wird, sondern Staaten, die das Risiko der Startphase durch öffentliche Mittel senken. Wie die USA, wo Präsident Barack Obama vor einem Jahr per Regierungsdekret verfügte, man müsse alle Kapazitäten bündeln, damit die USA im Hochleistungs-Computing in den nächsten Jahrzehnten die Weltspitze bestimmen. Was eigentlich schon nicht mehr stimmt: In China steht nicht nur der derzeit leistungsfähigste Supercomputer, die Chips dafür wurden ebenfalls dort hergestellt.

Was Luxemburg sich die neue Infrastruktur kosten lassen könnte, darüber schweigt das Wirtschaftsministerium sich noch aus: Man sei noch dabei, den voraussichtlichen Bedarf zu ermitteln.

Und es ist nicht so, dass es noch keine Hochleistungsrechener im Lande gäbe. Der stärkste steht im Goodyear-Forschungszentrum in Colmar-Berg. Er sei fünf Mal so leistungsfähig wie der Hochleistungscomputer der Universität, sagen die Verantwotlichen der Uni. Uni.lu will im Rahmen ihrer „Digitalen Strategie“ die Leistung ihrer Infrastuktur bis 2020 gegenüber heute verdreißigfachen: Zurzeit schafft der Uni-Rechner bis zu 87 000 Milliarden „Gleitkomma-Operationen“ oder 87 Teraflop pro Sekunde. Damit liegt die Uni im Mittelfeld verglichen mit anderen Forschungseinrichtungen im Umkreis von 500 Kilometern. Bis Ende des Jahrzehnts soll die Kapazität auf drei Petaflop steigen: In den Kellerräumen unter dem Centre de calcul in Belval werden dazu auf zwei Etagen neue Räume für Prozessorknoten und Massenspeicher eingerichtet.

Welche Rolle der Uni-Rechner in den Supercomputer- und Big-Data-Plänen spielen könnte, ist eine der Fragen, die derzeit diskutiert werden. Der EU-Digitalkommissar hat erzählt, im Rahmen des IPCEI werde „die nächste Generation“ von Hochleistungsrechnern angeschafft. „In eine eigene In-frastruktur investieren“ kann, muss aber nicht heißen, dass Luxemburg sich einen solchen Rechner kauft. Auf dem Markt ist seit kurzem ein Modell von Bull, das ein Exaflop oder eine Milliarde Mil-liarden Operationen pro Sekunde bewältigt. Das ist knapp 400 Mal mehr, als die Uni bis 2020 erreichen will, und für eine solche Maschine müssten wohl an die hundert Millionen Euro ausgegeben werden. Die Frage könnte sich stellen, ob der Staat der Universität den Ausbau ihrer Rechenzentrale überhaupt weiter bezuschusst, aber denkbar wäre zum Beispiel auch eine Aufteilung der Superrechenkapazität zwischen den vier Partnerstaaten.

Ein anderer delikater Punkt ist die Energieversorgung: Das Rechenzentrum, das die Uni bis 2020 ausbauen will, soll eine Anschlussleistung von vier Megawatt haben. Exaflop-Superrechner dagegen ziehen mindestens hundert Megawatt Strom, die EU-Kommission schreibt in einer Mitteilung vom April sogar von bis zu 700 Megawatt pro Supercomputer. Das entspräche dem Strombedarf von 140 000 Haushalten oder der Hälfte aller Haushalte in Luxemburg, und schon hundert Megawatt wäre so viel, wie bis Ende 2017 an Windkraft hierzulande installiert sein soll. Das ist noch ein Grund, sich genau zu überlegen, was man will. Absehbar ist aber jetzt schon, dass mehr Energieeffizienz durch „smarte“ Zähler und „smarte“ Netze aufgefressen werden dürfte durch die Computer, die die künstliche Intelligenz in Echtzeit steuern. Auch im Zeitalter des „digitalen Airbus“ wird gelten: There’s no free lunch.

Peter Feist
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